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Susanne Klausing und Andreas "Zecke" Neuendorf 2006 beim International Blind Challenge Cup. Foto: IMAGO / Bernd König
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Vom Quietschen und Knistern Berliner Vereine machen Sport zum Hören

Susanne Klausing gilt in der Berliner Sportwelt als Institution. Ihr Verein Sehbären initiiert Reportagen für Blinde und Sehbehinderte.

Das Quietschen der Schuhe, das Aufprallen des Balls, die Rufe der Spieler – was für viele nur Nebengeräusche sind, ist für Susanne Klausing wichtiger Teil des Spielgeschehens. Die Berlinerin ist blind, erlebt Sport aus einer ganz anderen Perspektive. Sie hört, was vor sich geht. Sie sieht quasi mit den Ohren, und wird dabei unterstützt von einer Audiobegleitung, die es zulässt, nicht viel weniger involviert zu sein, als es sehende Zuschauer sind. So war es zumindest vor der Corona-Pandemie, als Klausing wie so viele andere regelmäßig den Weg in die Berliner Sportstätten antrat. Umso erfreulicher ist es, dass nach Hertha und Union jetzt ebenso die Füchse eine Reportage für sehbeeinträchtigte Menschen anbieten, die zu Hause abrufbar ist.

Denn Sport für Blinde, dass ist an sich schon seit Jahren kein Novum in Berlin. Und das liegt nicht zuletzt an Susanne Klausing und dem von ihr und ihrem Partner Axel 2006 gegründeten Verein „Sehbären“. Ursprünglich als Hertha-Fanklub für Sehbehinderte und Blinde initiiert, geht die Sondergruppe des Blindenvereins weit über das Sportliche hinaus. Die Gemeinschaft macht alltägliche Ereignisse für Menschen mit beeinträchtigter Sehfähigkeit erlebbar. Dafür wurde zunächst eine eigene Berichterstattung beim Fußball installiert, die wenig später um ein Angebot bei den Füchsen ausgeweitet wurde. Mittlerweile umfassen die Reportagen einen großen Teil der Berliner Sportwelt. Davon ausgehend hat sich eine Gemeinschaft organisiert, die Kontakte in die ganze Welt pflegt, zusammen in den Urlaub fährt oder kulturelle Ereignisse wie Musicals besucht.

Mitgliederschwund durch Corona

Doch für die Sehbären sind diese Aktivitäten momentan nur blasse Erinnerungen. Die circa 50 Mitglieder mussten das Leben in der Vereinigung enorm zurückfahren, denn Treffen sind auch abseits der Sportereignisse kaum möglich. „Es bringt nichts, wenn ich mich jetzt immer wieder in neue Projekte hineinsteigere und dann wird es nichts. Das habe ich anfangs zu oft getan. Das mache ich erst wieder, wenn ich weiß, wie es weiter geht, wenn es mehr als einen Lichtblick gibt“, sagt die 52-Jährige, die die umgreifende Frustration in den vergangenen Wochen mehr als verstehen kann. Die Einschränkung auf die eigenen vier Wände ist für sie als Blinde noch einmal eine ganz andere gewesen.

Nicht nur deshalb stellt sich für Klausing manchmal die Frage, warum die Profis momentan ihren Sport ausüben dürfen, während das übliche Vereinsleben in Deutschland weitestgehend auf Eis gelegt wurde. „Viele von uns verstehen das nicht und haben deswegen das Interesse verloren. Es gibt wichtigeres als Sport“, sagt Klausing, obwohl der Sport seitdem sie fünf Jahre alt ist eine wichtige Rolle in ihrem Leben einnimmt. Doch das alles ist momentan zweitrangig.

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Zahlreiche, besonders ältere Mitglieder, hätten sich für die Zukunft abgemeldet. Das Risiko sei ihnen zu groß, die Bequemlichkeit habe zugenommen. „Es wird für viele schwer, sich wieder zu überwinden und den inneren Schweinehund zu besiegen“, sagt Klausing, denn allein der Weg zur Halle oder ins Stadion kann eine Herausforderung werden. Der übliche Großstadttrubel, gepaart mit unbekanntem Terrain, dazu eine große Anzahl von Menschen, die in eine Richtung drängen - die Barrieren sind facettenreich und würden nicht wenige abschrecken, selbst wenn eine Begleitperson dabei ist: „Wir werden uns anstrengen und uns etwas einfallen lassen müssen.“

Das ist ihr bisher allerdings immer gelungen. Seitdem sie vor zwanzig Jahren innerhalb von zwei Minuten aufgrund einer Kapillarverkalkung spontan erblindete, engagiert sich die gebürtige Hamburgerin im Blindenverein und ist mittlerweile zu einer kleinen Institution in der Berliner Sportwelt avanciert. So kommt es dann, dass kein geringer als Hertha-Koryphäe Andreas „Zecke“ Neuendorf einer ihrer Trauzeugen war, als sie im Olympiastadion heiratete. Oder dass Bob Hanning, der Vizepräsident des Deutschen Handballbundes und Geschäftsführer der Füchse, wiederholt in ihrer Telefonliste auftaucht.

„Es ist einfach eine kleine, tolle Familie, in die wir aufgenommen wurden und in der wir uns wahnsinnig wohl fühlen. Diese Herzlichkeit ist etwas ganz Besonderes“, sagt Klausing über die Füchse, bei denen die Sehbären seit 2009 aktiv sind. Damals hatte nur die SG Flensburg-Handewitt ein spezielles Angebot für Sehbehinderte und während mittlerweile zwar einige Vereine nachgezogen haben, ist die Audioreportage selbst bei Länderspielen eine Ausnahme.

Füchse setzen auf Audio-Reportagen

Umso dankbarer waren die Sehbären, als die Berliner Handballer auch in der Coronazeit eine kostenlose Audiodeskription installieren wollten. Es ist schließlich ein Mittel, den Menschen ein Stück ihrer Normalität zurückzugeben und so vielleicht ein wenig dem Alltagsfrust entgegenzuwirken und weitere Abwanderung zu verhindern. Seit Ende März berichtet Christoph Scholz nun erneut als einer von zwei Ehrenamtlichen bei den Heimspielen aus der Halle, der Stream steht über die Füchse-Homepage zur Verfügung.

Scholz, der früher selbst einmal Handball gespielt hat, kennt sich gut aus in dem Sport, an das inklusive Kommentieren musste er sich allerdings erst gewöhnen. „Bei den Fernseh-Reportern wird mal ein paar Minuten auch gar nicht geredet, um das Spiel wirken zu lassen. Das ist bei einer Blindenreportage so nicht möglich“, erklärt der hauptberufliche Lehrer.

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Für Klausing ist diese Form der Reportage intensiver als der herkömmliche Kommentar. Die Randgeschichten der Experten im Fernsehen seien zwar interessant, wenn sie jedoch das Spiel verfolgt, interessiert hauptsächlich anderes. Wo ist der Ball? Wie verläuft der Spielaufbau? Was passiert abseits des Geschehens auf der Spielerbank und wie verhält sich der Trainer? All die Dinge, die der Sehende gewissermaßen nebenbei aufnimmt und die ebenso zu einem Spiel gehören wie die Torschützen.

Doch auch im Stream fehlen derzeit natürlich die zahlreichen anderen Zuschauer, die klatschend, rufend oder wie auch immer ihr Team unterstützen und dadurch eine besondere Atmosphäre im Fuchsbau erschaffen. „Wir sitzen sonst immer mittendrin, das ist uns wichtig“, sagt Klausing. Ohne Körperkontakt, den Geruch des Bratwurststandes oder das Knistern des Popcorns bliebe das Arena-Gefühl ein bisschen auf der Strecke. Und somit ist sicher: Sobald es die Umstände wieder erlauben wird Susanne Klausing zu Hertha und den Füchsen gehen und den Sport mit all ihren verbliebenen Sinnen erleben – in Begleitung der ganzen Anderen, die sich ihre Liebe zum Sport nicht haben nehmen lassen.

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