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"Die Art und Weise, wie hier die Arbeitsabläufe funktionieren, das ist fast provinziell."

Mit der "Crispr"-Technik, einer Art Genschere, lassen sich an jeder beliebigen Stelle im Erbgut DNS-Stücke einsetzen oder herausschneiden. Grafik: Sisters of Design
Nobelpreis-Kandidatin Charpentier aus Berlin "Ich lebe noch immer wie ein Student"

Wie arbeitet es sich in Berlin?

Anders als in New York ...

... wo Sie an der Rockefeller-Universität waren ...

... ist das Leben in Berlin eher entspannt. Oder sagen wir es so: Die Frage, die ich mir stelle, ist, ob die Max-Planck-Gesellschaft ein Platz ist, der nur gute Leute kauft, oder ein Ort, der Forschern gute Bedingungen für Entdeckungen bietet. Berlin selbst ist, natürlich, eine Hauptstadt. Aber die Art und Weise, wie hier die Arbeitsabläufe funktionieren, das ist mitunter fast provinziell. Ich war sechs Monate so gut wie ohne administrative Unterstützung, die wirklich wichtig ist, um arbeiten zu können. Dieser Umzug nach Berlin – und ich habe viele Umzüge hinter mir – war schwierig. Auch weil die Zeit, sich dem Umbau und Aufbau eines neuen Labors zu widmen, so begrenzt ist. Es ist schwer, in dieser Situation gleichzeitig die wissenschaftliche Arbeit weiterzuführen. Die Wissenschaft in Berlin und Deutschland ist hervorragend und wird es auch bleiben – vorausgesetzt, die wissenschaftlichen Strukturen sind in der Lage, sich so zu verändern, dass sie international konkurrenzfähig bleiben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Charakteristisch für Deutschland ist das föderale System. Manches wird national, anderes von den einzelnen Bundesländern geregelt. Das mag für vieles gut funktionieren. Aber als unser Labor von Braunschweig nach Berlin umgezogen ist, mussten wir den ganzen Papierkram bezüglich der Sicherheitsregeln für unsere Arbeit mit bakteriellen Krankheitserregern noch einmal machen. Das finde ich wirklich nicht effektiv. Warum wird das nicht national geregelt? Man verliert unglaublich viel Zeit. Und außerdem ist die dafür zuständige Behörde in Berlin das Landesamt für Gesundheit und Soziales, und die war genau zu dieser Zeit wegen der Flüchtlinge völlig überlastet ...

Befürchten Sie, dass das Spitzenforscher abhält, nach Deutschland zu kommen?

Deutschland ist attraktiv für internationale Forscher, ohne Frage, weil die finanziellen Bedingungen für Spitzenforscher wettbewerbsfähig sind. Aber was die Konkurrenzfähigkeit zum Beispiel gegenüber London, Cambridge, Oxford betrifft ... Die Forschungsdichte dort ist substanziell. Die Herausforderung wird sein, in Berlin ein wissenschaftliches Umfeld auf lange Sicht zu entwickeln, das ausreichend wettbewerbsfähig und innovativ sein kann, um im Wettbewerb mit anderen Standorten Top-Plätze zu erlangen.

Mal von Genscheren und Forschungspolitik abgesehen. Leben Sie gern in Berlin?

Ich weiß es nicht. Noch nicht. Ich habe ja bisher kaum Zeit gehabt, mich umzusehen. Flughafen, Supermarkt, ein wenig Shopping. Ich habe noch nicht einmal eine Küche. Berlin hat zweifelsohne seine Lebensqualität, ist eine leicht zugängliche Stadt, nicht stressig. Aber mehr als Mitte, wo ich wohne und arbeite, habe ich noch nicht gesehen. Meine Eltern würden sagen, ich lebe noch immer wie ein Student. In den letzten 25 Jahren habe ich in 13 Wohnungen gelebt.

- Das Gespräch führte Sascha Karberg, Chefredakteur des Life-Science-Magazins „transkript“.

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