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Erstklässler:innen machen in einer Sommerschule Schreib- und Rechenübungen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
© Kitty Kleist-Heinrich

Gießkannenprinzip beim Corona-Aufholpaket Wer die Nachhilfe wirklich braucht

Eine Expertise für die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigt, wo Fallstricke für das zwei Milliarden Euro schwere Corona-Aufholpaket des Bundes liegen.

Drohen die zwei Milliarden Euro aus dem Corona-Aufholprogramm des Bundes für Kinder und Jugendliche zu verpuffen? Diese Sorge spricht aus einem aktuellen Papier der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegt.

Das Geld dürfe nicht gleichmäßig über alle Schulen verteilt werden, sondern die Vergabe müsse sich am tatsächlichen Förderbedarf der jeweiligen Schülerinnen und Schüler und an der sozialen Lage an ihren Schulen orientieren, fordert eine neunköpfige Autor:innengruppe mit Expertise in der Bildungsforschung und Bildungspolitik sowie in der Schulpraxis. Es müsse der Grundsatz gelten „Ungleiches ungleich zu behandeln“.

An der Empfehlung beteiligt waren etwa Kai Maaz, Direktor des DIPF (Leibniz-Institut für Bildungsforschung), Martina Diedrich, Direktorin des Hamburger Instituts für Bildungsmonitoring und Qualitätsentwicklung, Klaus Hebborn vom Deutschen Städtetag und Christof Haering, Rektor eines Gymnasiums in Duisburg (zu der Empfehlung geht es hier).

Alle vor dem Start testen und den Erfolg evaluieren

Den Förderbedarf müssten die Schulen mit einer „differenzierten und fachbezogenen Individualdiagnostik“ ermitteln – und zwar mithilfe „standardisierter Testinstrumente“. Schließlich sollte das ganze Programm von Anfang an wissenschaftlich evaluiert werden, und zwar hinsichtlich der geplanten Angebote (Output) und der Lernzuwächse bei den Kindern und Jugendlichen (Outcome), heißt es.

Diese Voraussetzungen für ein Gelingen des Corona-Aufholpakets dürften vor den Sommerferien kaum noch zu erfüllen sein – vor allem nicht in den Ländern, die schon in den kommenden zwei, drei Wochen in die Sommerferien gehen. Für einen geordneten bundesweiten Start in den Sommerferien oder zumindest gleich danach wurde jedenfalls schon viel Zeit verloren, wie ein Rückblick auf die Genese der Corona-Nachhilfe zeigt.

Dass die Bundesregierung gemeinsam mit den Ländern ein Milliarden-Programm plant, mit dem coronabedingte Lernrückstände kompensiert werden sollen, ist seit 18. März bekannt. Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe (SPD) kündigte das Aufhol-Paket als Länderkoordinator in der Kultusministerkonferenz an – und stellte wenige Tage später vor, wie Hamburg die Umsetzung organisieren will.

Streit um die Finanzierung und um Inhalte des Programms

Bis zum Beschluss der Bundesregierung ging es dann aber wochenlang um die Frage, ob eine Milliarde Euro ausreicht, um die „Corona-Nachhilfe“ für voraussichtlich die 20 bis 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit gravierenden Lernlücken zu organisieren. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) forderte, dass die Länder auch finanziell mit einsteigen. Und machte „niedrigschwellige Lernstandserhebungen“ zur Voraussetzung.

Die SPD Co-Vorsitzende Saskia Esken setzte dann durch, dass statt einer Milliarde allein vom Bund zwei Milliarden Euro kommen, um zusätzlich zu Sommerschulen und Nachhilfegruppen in den Schulen oder bei privaten Instituten auch noch Freizeitangebote und andere sozialpädagogische Maßnahmen zu finanzieren – als Antwort auf psychische und körperliche Defizite aus der Lockdownzeit.

Drei Mädchen laufen in einem Park über eine Hängebrücke. Foto: Kitty Kleist-Heinrich Vergrößern
Endlich wieder in Bewegung kommen und zusammen spielen. Auch körperliche und soziale Defizite sollen mit dem Aufhol-Programm ausgeglichen werden. © Kitty Kleist-Heinrich

Offiziell vorgestellt wurde das Paket am 4. Mai, angelegt ist es auf zwei Jahre. Die Bund-Ländervereinbarung soll in dieser Woche geschlossen werden. Erwartet wird, dass sich in den kommenden Wochen auch die neu berufene Ständige wissenschaftliche Kommission (Stäwiko) der Kultusministerkonferenz kritisch mit der Vereinbarung und mit der Umsetzung in Kommunen und Schulen auseinandersetzen wird.

Für eine kontinuierliche Förderung

Die FES-Autor:innengruppe fordert, die Förderangebote „zeitlich und inhaltlich gut zu dosieren“. Nachhaltiger als Ferienschulen in den Sommerferien und Intensivkurse außerhalb des Klassenverbands für besonders weit zurückgefallene Kinder und Jugendliche seien kontinuierliche Angebote „in einem überschaubaren Umfang“.

Ob sich allerdings das Hamburger Modell, jeweils drei bis fünf Schüler:innen einmal in der Woche am Nachmittag von studentischen Mentoren und Mentorinnen für mindestens ein Jahr fördern zu lassen, flächendeckend durchsetzt, bleibt abzuwarten. Im Bundesprogramm unterrichten sollen auch pensionierte Lehrkräfte und Unterrichtende aus kommerziellen Nachhilfeschulen, wobei die Umsetzung den Ländern überlassen bleibt. Von öffentlichen Aufrufen an Lehramtsstudierende und andere potenzielle Nachhilfekräfte, sich für konkrete Landesprogramme im Rahmen der Coronahilfe des Bundes zu melden, ist bisher nichts zu hören.

Für den zweiten Teil des Aufhol-Programms, mit dem eine weitere Milliarde Euro in Kitas und außerschulische Freizeitangebote, Schulsozialarbeit oder auch Berufsberatung investiert werden sollen, fordert die FES-Kommission, bestehende Strukturen dauerhaft auszubauen. So solle die Schulsozialarbeit an allen Schulen etabliert werden – „mit gesetzlich vorgesehenen Betreuungsschlüsseln“.

Insgesamt erhoffen sich die Expert:innen durchaus einen Schub für mehr Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit in Deutschland. Dafür müssten Bund, Länder und Kommunen aber weiterhin den „Schulterschluss“ üben und Kinder, Jugendliche und Familien weit über die Pandemiebewältigung hinaus unterstützen. Und in der zweijährigen Laufzeit des Programms nach den „schnellen und unbürokratischen Lösungen“ für den Sommer mehr und mehr Kriterien für eine erfolgreiche Umsetzung befolgen.

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