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Tarifverträge, höhere Mindestlöhne und die Inflation machen die Pflege teurer, sagt der Korian-Chef. Die Pflegebedürftigen würden tiefer in die Tasche greifen müssen. Foto: Marijan Murat / dpa
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1000 Euro mehr im Monat für einen Heimplatz? „Die Pflege wird massiv teurer werden“

Marc-Alexander Burmeister, Chef von Deutschlands größtem privaten Pflegeheimbetreiber Korian, will den Pflegekräften mehr zahlen. Das erhöhe aber die Kosten.

Herr Burmeister, noch vor wenigen Jahren zählte die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Korian zu den „Raubrittern der Pflege“. Jetzt lobt Verdi Sie als Partner für eine "wegweisende Tarifeinigung" für zwei Ihrer Pflegeheime in Rheinland-Pfalz. Was hat sich in Ihrem Unternehmen geändert?

Ich glaube nicht, dass sich bei Korian so viel geändert hat. Wir haben als Unternehmen mit Hauptsitz in Frankreich von dort schon längere Erfahrungen damit, wie vorteilhaft eine Tarifpartnerschaft mit starken Gewerkschaften sein kann. Doch in Deutschland sind zumindest in der Altenpflege die Gewerkschaften noch lange nicht so stark wie in Frankreich. Leider, muss ich dazu sagen. Es liegt aber an den Mitarbeitenden selbst, wie weit sie sich gewerkschaftlich organisieren wollen.

Im benachbarten Sektor – der Pflege im Krankenhaus – sind die Gewerkschaften dagegen in Deutschland sehr stark. Entsprechend sind Tarifvereinbarungen für diesen Sektor viel häufiger, ob nun beispielsweise als Haustarifverträge, trägerweite Tarifvereinbarungen oder auch flächendeckende Tarifverträge wie dem TvöD. Mit diesem Bereich stehen wir im Wettbewerb um die knappe Ressource Pflegekräfte. Beides – also unsere Erfahrungen aus Frankreich sowie der Wettbewerb um das Personal – führen dazu, dass wir verstärkt Tarifverhandlungen angehen und Einigungen erzielen wollen.

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Also hat sich doch etwas bei Korian geändert?

Das denke ich nicht. Aber als größter privater Betreiber von Pflegeheimen in Deutschland stehen wir besonders im Fokus. Zum Begriff der „Raubritter“ möchte ich gern noch darauf hinweisen, dass Korian – anders als andere Unternehmen in der Branche –  kein Private Equity Unternehmen ist und zudem sehr transparent über seine Eigentümerstrukturen berichtet.

Für wie viele Ihrer rund 230 Pflegeheime in Deutschland haben Sie bisher eine Tarifeinigung mit den Gewerkschaften erzielt?

Aktuell ist so etwas für unsere Branche noch die absolute Ausnahme. Wir haben gerade in zwei Häusern in Rheinland-Pfalz eine Tarifeinigung erzielt und im vergangenen Jahr bereits einen Tarifvertrag für ein Haus in Niedersachsen abgeschlossen.

Wieso so wenig?

Der Hauptgrund ist, dass wir in den meisten Häusern keine Ansprechpartner für Tarifverhandlungen auf Augenhöhe haben. Denn wie gesagt, der Organisationsgrad der Gewerkschaften in der Altenpflege ist noch sehr gering und deshalb fehlt ihnen oft die Legitimation für Verhandlungen.

Sind Sie froh über diesen Zustand, weil Ihnen das aufwändige und womöglich nervige Verhandlungen erspart?

Nein, sind wir nicht. Auch wir wollen schließlich Tarifeinigungen erzielen. Denn wie gesagt befinden wir uns mit den Krankenhäusern im Wettbewerb um die Pflegekräfte. Zudem erleichtern Tarifverträge uns die Arbeit. Klare, nachvollziehbare Entgeltstrukturen sind für die Verhandlungen mit Pflegekassen über die Pflegesätze beispielsweise sehr wichtig. Deshalb wünschen wir uns starke Gewerkschaften in der Pflege.

Marc-Alexander Burmeister ist seit dem 1. September 2021 Vorstandsvorsitzender von Korian Deutschland. Das Unternehmen ist mit 227 stationären Pflegeeinrichtungen, rund 30.000 Pflegeplätzen und 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der größte private Betreiber von Pflegeheimen in Deutschland. Foto: Korian Vergrößern
Marc-Alexander Burmeister ist seit dem 1. September 2021 Vorstandsvorsitzender von Korian Deutschland. Das Unternehmen ist mit 227 stationären Pflegeeinrichtungen, rund 30.000 Pflegeplätzen und 24.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der größte private Betreiber von Pflegeheimen in Deutschland. © Korian

Ein etwas überraschendes Bekenntnis für einen CEO…

Es geht dabei einfach um die Praktikabilität: Nur starke Tarifpartner können gemeinsam etwas bewegen und Vereinbarungen mit der entsprechenden Legitimierung abschließen und weiterentwickeln.

Verdi nennt die Einigung in Rheinland-Pfalz "bahnbrechend": Ein Entgelt von bis zu acht Prozent über dem Niveau des Tarifvertrags des öffentlichen Dienstes, eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit von 40 auf 38,5 Stunden, Feiertags- und Schichtzuschläge und schließlich noch Urlaubsgeld und eine Treueprämie. Wie sehr schmerzt die Tarifeinigung Ihr Unternehmen?

Das, was wir in die Tarifeinigung eingebracht haben, ist das Modell, das wir intern im Unternehmen schon lange hatten: eine verbindliche und transparente Entgeltstruktur. Unser Ziel dabei ist, die durch die vielen Zukäufe in den letzten Jahren sehr heterogenen Strukturen im Unternehmen zu harmonisieren. Und natürlich ist uns klar, dass wir erhebliche Lohnverbesserungen ins System bringen müssen, auch um im Wettbewerb mit den Kliniken um Pflegekräfte bestehen zu können. Laut dem statistischen Bundesamt liegen die durchschnittlichen Entgelte für Pflegekräfte in den Krankenhäusern um 500 bis 600 Euro über denen in den Pflegeheimen.

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 Die Einigung soll also ein Vorbild sein für alle Korian-Häuser? Streben Sie einen flächendeckenden Tarifvertrag an?

Der Druck auf die Pflegebranche, sich auf Tarife zu einigen, ist durch das Gesundheitsversorgungweiterentwicklungsgesetz (GVWG) enorm gestiegen. Ab dem 1. September müssen Anbieter in der Altenpflege eine tarifliche Entlohnung ihrer Beschäftigten geregelt haben, entweder in einem Flächen- oder einem Haustarifvertrag - oder als Anlehnung an die in einer Region bestehenden Durchschnittslöhne. Einen Flächentarifvertrag halten wir nicht für sinnvoll. Dafür sind zum einen die Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten in den Regionen zu groß. Zum anderen wollen wir tarifliche Vereinbarungen selbst für die Bedürfnisse unseres Unternehmens gestalten können. Deshalb gehen wir jetzt in Pilotabschlüsse, die für einzelne Bundesländer als Referenz dienen können.

Aber machen sich Ihre Häuser mit unterschiedlichen Tarifstrukturen über die Grenzen der einzelnen Bundesländer hinaus nicht selbst Konkurrenz im Kampf um Pflegekräfte?

Pflege ist etwas sehr Lokales. Die Pflegekräfte wohnen meist an dem Ort, wo ihr Arbeitsplatz ist. Sie sind in den jeweiligen Gemeinschaften verwurzelt. Die Bereitschaft, an ein Haus in einem anderen Bundesland zu wechseln, ist unserer Erfahrung nach bei den Beschäftigten in der Altenpflege eher gering ausgeprägt.

Wo in etwa wollen Sie mit den Entgelten für Ihre Pflegekräfte landen?

Es geht bei Tarifverhandlungen ja nicht nur um Entgelte pro Stunde, sondern auch um Arbeitsbedingungen und Wertschätzung. Bei den Löhnen rechne ich damit, dass das GVWG zu einem Angleichungsprozess in der Pflegebranche führen wird. Um konkurrenzfähig zum Beispiel gegenüber den Krankenhäusern zu bleiben, wird die Altenpflege wohl in einen Korridor um plus/minus zehn Prozent zu den durchschnittlichen Gehältern für Pflegekräfte in den Kliniken kommen müssen.

Die Pflegeheime konkurrierten mit den Krankenhäusern um die Pflegekräfte, sagt Marc-Alexander Burmeister. In den Kliniken verdienten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um die 600 Euro mehr im Monat. Foto: Marijan Murat / dpa Vergrößern
Die Pflegeheime konkurrierten mit den Krankenhäusern um die Pflegekräfte, sagt Marc-Alexander Burmeister. In den Kliniken verdienten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um die 600 Euro mehr im Monat. © Marijan Murat / dpa

Höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen kosten Geld. Mit welchen Mehrausgaben rechnen Sie, um für alle Häuser von Korian eine Tarifeinigung zu erzielen.

Stimmt, die Pflege wird massiv teurer werden. Wir rechnen allein durch die Tarifeinigungen mit einem Anstieg von um die 20 Prozent bei den Personalkosten. Also in der Größenordnung von 120 Millionen Euro. Solche massiven Steigerungen bei den Ausgaben hat es in unserem Unternehmen noch nicht gegeben. Und das ist ja nicht der einzige Faktor. Parallel zu den Festlegungen des GVWG erhöht die Politik gerade die Mindestlöhne deutlich. Auch das wird zu Mehrkosten vor allem bei Zulieferern und in den Logistikbereichen der Pflege führen. Und schließlich haben wir auch noch das Thema Inflation.

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Wer zahlt die Mehrausgaben - verzichten Sie auf Gewinnanteile oder müssen die Bewohnerinnen und Bewohner Ihrer Pflegeheime tiefer in die Tasche greifen?

Diese massiven Kostensteigerungen belasten sowohl die Pflegekassen als auch die Bewohnerinnen und Bewohner. Und damit natürlich auch die Sozialträger, die bei den Pflegekosten einspringen, wenn ein pflegebedürftiger Mensch nicht selbst die Mittel aufbringen kann.

Die Entlastungen bei den Eigenanteilen, die das GVWG auch beinhaltet, werden die meisten Pflegebedürftigen in den Heimen nur sehr unzureichend vor den Preissteigerungen bewahren. Denn die sind gestaffelt nach der Zeit im Heim, und erst nach drei Jahren Wohndauer gibt es eine spürbare Entlastung. Doch die Lebensjahre der meisten Bewohnerinnen und Bewohnern in einem Heim sind weniger.

Die zusätzlichen Belastungen werden viele Pflegebedürftige und deren Angehörige an die Leistungsgrenze bringen...

Deshalb muss es jetzt dringend weitere Schritte seitens der Politik geben, um die Pflegebedürftigen von den zu erwartenden deutlichen Preiserhöhungen zu entlasten. Dazu gehört, dass die Bewohnerinnen und Bewohner von den gesetzlich vorgeschriebenen Zuzahlungen für die Ausbildungskosten von Pflegekräften befreit werden. Und dazu zählt ebenso, dass die Kassen Bestandteile der Pflege im Heim, die eine medizinische Leistung sind - so zum Beispiel die Versorgung von Wunden oder von Diabetes-Symptomen - nach dem Leistungsverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung bezahlen, so wie es im Krankenhaus der Fall ist. Diese Leistungen sind aufwändiger als die Körperpflege, und deshalb auch teurer. Und dazu gehören schließlich sicher weitere steuerfinanzierte Zuschüsse.

Immer öfter - so wie hier am Tag der Pflegenden am 12. Mai 2022 in Berlin - demonstrieren Pflegekräfte in Deutschland für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Das findet auch Korian-Chef Burmeister berechtigt. Doch um das zu gewährleisten, müssten die Heimbetreiber von Bewohnerinnen und Bewohner höhere Zuzahlungen verlangen. Foto: IMAGO/Olaf Schuelke Vergrößern
Immer öfter - so wie hier am Tag der Pflegenden am 12. Mai 2022 in Berlin - demonstrieren Pflegekräfte in Deutschland für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Das findet auch Korian-Chef Burmeister berechtigt. Doch um das zu gewährleisten, müssten die Heimbetreiber von Bewohnerinnen und Bewohner höhere Zuzahlungen verlangen. © IMAGO/Olaf Schuelke

Können Sie beziffern, mit welchen Steigerungen Sie bei den Eigenanteilen rechnen?

Wenn jemand jetzt im Schnitt 1800 Euro pro Monat für seine Pflege im Heim zuzahlen muss, dann kann es gut sein, dass das ab Herbst um bis zu 1000 Euro mehr sind. Das ist schon enorm. Deshalb sollte die Bundesregierung jetzt schnell die im Koalitionsvertrag angekündigten weiteren Entlastungen auf den Weg bringen. Dann lässt sich die durchschnittliche Mehrbelastung wahrscheinlich auf um die 400 Euro deckeln. Das ist in meinen Augen noch vertretbar, zumal damit ja auch etwas Gutes getan wird, nämlich die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass mehr Menschen im Pflegeberuf bleiben, die, die gegangen sind, dorthin zurückkehren und weitere diesen Beruf wählen.

Das GVWG enthält auch Regelungen zur Personalausstattung in den Pflegeheimen. So soll es ab dem kommenden Jahr feste Personalschlüssel für die Einrichtungen geben. Unter anderem zur Vorbereitung darauf wurde von der damals noch regierenden großen Koalition zum 1. Januar 2021 Geld zur Verfügung gestellt, um 20.000 neue Pflegekräfte einzustellen. Haben Sie damit schon ihre Personallücken schließen können?

Sagen wir es mal so: Wir haben noch immer in fast jedem unserer Häuser offene Stellen. Das führt an einigen Standorten dazu, dass dort die Platzkapazität, für die sie einst eingerichtet wurden, nicht voll genutzt werden kann. In manchen Einrichtungen mussten wir ganze Wohnbereiche vorübergehend schließen, weil die vorgeschriebene Quote an Fachkräften - je nach Pflegegrad der betreuten Bewohner um die die 50 Prozent - nicht erreicht wird.

Wäre es für Sie eine Lösung, wenn eine geringere Quote an Fachkräften, die eine dreijährige Ausbildung absolviert haben, vorgeschrieben wäre?

Wir achten darauf, dass wir zum Ausgleich auch Bewohnerinnen und Bewohner betreuen, die einen geringeren Pflegegrad haben, für die eine niedrigere Fachkraftquote gilt. Dort können dann mehr sogenannte Pflegeassistentinnen und -assistenten eingesetzt werden, die eine einjährige Ausbildung hinter sich haben.

Aber damit die Pflegeheimbranche einen wie auch immer gearteten Personalschlüssel erreichen kann, muss die Politik darüber nachdenken, die bisher starren Fachkraftquoten flexibler zu gestalten, und dass es den Einrichtungen erlaubt wird, mehr Aufgaben an die Pflegeassistentinnen und -assistenten zu übergeben. Das wäre dann zwar nur eine Umverteilung von Aufgaben innerhalb des Bestandes an Mitarbeitenden. Aber ehrlich gesagt erwarte ich nicht, dass in nächster Zeit die gesamte Anzahl der Pflegekräfte deutlich steigen wird.

Politik und die Pflegebranche setzen große Hoffnungen darauf, dass die nach Deutschland geflüchteten Menschen zum Teil auch die Personallücken in der Pflege schließen können.

Ich glaube, hier muss man unterscheiden zwischen denen, die vor einigen Jahren zu uns kamen und im Prinzip mit ihrer alten Heimat abgeschlossen haben und jenen, die erst vor kurzem Deutschland erreicht haben. Das heißt, unter den beispielsweise 2015 aus Syrien nach Deutschland Geflüchteten gibt es sicher einige, die diese Berufswahl treffen. Auch wir haben unter ihnen ganz großartig motivierte neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefunden.

Ich denke aber, dass diejenigen, die nun aus der Ukraine zu uns kommen, zum größten Teil darauf hoffen, in ihre Heimat zurückkehren zu können. Von daher erwarten wir zwar nicht, dass sich viele von ihnen für eine Ausbildung als Pflegekraft in Deutschland entscheiden - freuen uns aber natürlich über Jede und Jeden, der es tut. An der Personalnot in der Pflege werden die Geflüchteten allerdings nichts grundsätzlich ändern können. Der Weg zur Linderung des Mangels führt über höhere Löhne und konkurrenzfähige Arbeitsbedingungen in der Altenpflege, eine flexiblere Fachkraftquote und eine Entlastung der Mitarbeitenden von pflegefernen Aufgaben.

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