Zum Corona-Überblick: Alle Zahlen zu SARS-CoV-2 in Deutschland
"2G Keine Ausnahme! Keine Diskussion!" steht auf dem Schild an einem Zugang zum Erfurter Weihnachtsmarkt. Foto: Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa
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Zerreißprobe für die Gesellschaft Mit falschen Versprechen in den zweiten Corona-Winter

Geimpfte und Ungeimpfte stehen sich zunehmend unversöhnlich gegenüber. Daran hat die alte Bundesregierung einen entscheidenden Anteil. Ein Kommentar.

Unsere Gesellschaft droht zu zerreißen. Und das alles, weil wir uns in falscher Sicherheit gewiegt haben. Auch gewiegt worden sind durch die Vorstellung - die die Bundesregierung (alt) genährt hat -, dass Geimpfte wieder ein völlig normales Leben führen könnten.

Diese falsche Sicherheit hat nicht zuletzt zur aktuellen, schrecklichen (kommunikativen) Lage geführt.

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Es war ein Missverständnis - und ist mehr als das. Es ist die Aufforderung zu unmissverständlichem Handeln.

Endlich und schnell muss auf allen Kanälen viel besser erklärt werden, dass Impfung allein keine Freiheit verspricht, keinen endgültigen Abschied von Corona. Mehr noch: dass Geimpft-sein zwar das Risiko einer Infektion verringert - vor allem der Booster - aber eben nicht in jedem Fall vor Infektion schützt, oder davor, andere zu infizieren.

Hinzu kommt: Vor allem Ungeimpfte kommen ins Krankenhaus und belasten damit das System; ja, und ein paar (aber vergleichsweise wenige) Geimpfte noch dazu. Aber nun werden Geimpfte mindestens mitverantwortlich gemacht für die riesige Infektionswelle, indem auch für sie wohl bald wieder Lockdown-Regeln gelten sollen. Beide Gruppe entwickeln Unmut, ja Wut. Aufeinander und auf die Regierung.

Regierung hat zur Sorglosigkeit beigetragen

Das ist nicht zuletzt die Verantwortung der Regierung. Wo die doch, sei es auch ungewollt, fatalerweise zu einer gewissen Sorglosigkeit beigetragen hat. Und aus Angst, das eigene Freiheitsversprechen zurücknehmen zu müssen, wird nun disparat und desperat kommuniziert. Allein schon dieses Hin und her bei Biontech und Moderna und was wann hilft.

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Dabei ist jetzt Klarheit darüber nötig, was noch wie erreicht werden soll und kann. Und wie alles zusammenhängt. Das zumal, wo doch das Robert-Koch-Institut auch Zahlen veröffentlicht, die besagen, dass statistisch - nur - rund 17 Prozent der Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt sind. Zugleich sind Berichte zu lesen und zu hören, dass in Berlin und in Sachsen die Intensivstationen volllaufen.

Wie das zusammenpasst, versteht nur, wer weiß, dass der Großteil der Betten von den Intensivpatienten aus dem Normalbetrieb belegt sind.

Ein Problem der Kommunikation besteht in diesem Fall auch darin, dass die Bundesregierung (alt) in der Corona-Krise immer mit dem Zusammenbruch des Gesundheitssystems argumentiert - aber selbst zu wenig getan hat, um dieses System zu stärken. Ein offensichtlicher Widerspruch.

Die politisch Verantwortlichen müssen der 5. Welle vorbauen

Wir als Gemeinwesen erleben, dass in fast zwei Jahren nicht zusätzliche betreibbare Intensivbetten aufgebaut, sondern schätzungsweise 25 Prozent der Intensivkapazitäten abgebaut worden sind. Wir, die Gesellschaft, erleben, dass Pflegekräfte aufgeben, weil sie nicht bezahlt werden, wie es für Systemretter angemessen wäre. Und niemand wird angeworben, der uns helfen könnte, weder aus dem Inland noch aus dem Ausland.

Jetzt ist die Zeit, das alles zu ändern. Für die Bundesregierung (neu). Die gegenwärtige Welle wird das nicht brechen - aber dann wenigstens der nächsten, der fünften vorbauen.

Jetzt ist es an der Zeit, Eltern klar zu machen, dass sie ihre Kinder impfen lassen. Klarzumachen, dass die Impfungen gegen schwere Verläufe gut schützen, aber das 2G-Modell allein nicht reicht. Dass die rund 57 Millionen Geimpften sich trotz Impfung vernünftig verhalten müssen; und sich schon nach zwei bis vier Monaten (wie in den USA angeregt) ihren Booster holen können sollten.

Und dass die drei Millionen Ungeimpften, die 60 oder älter sind, sich dringend impfen lassen oder zwingend geimpft werden müssen. (Von den etwa sieben Millionen Impfverweigerern nicht zu schweigen.)

Warum das alles? Weil gerade der Schutz der Risikogruppen Vorrang hat. Aber weil im Sinne des Überlebens alle geschützt werden müssen, so gut es geht. Möglichst alle. So viel es geht. Sonst zerreißt es unsere Gesellschaft.

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