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Straßenszene in Herat Foto: Lillian SUWANRUMPHA / AFP
© Lillian SUWANRUMPHA / AFP

Nach Drohnenangriff auf Al-Qaida-Führer in Kabul As-Sawahiris Tötung ist kein Erfolg, den es zu feiern gilt

Emran Feroz

Die Hinrichtung des Chefs der Terrororganisation wirft viele unangenehme Fragen auf. Gegenüber den USA – und gegenüber den Taliban. Ein Gastbeitrag.

Emran Feroz ist österreichisch-afghanischer Journalist, Kriegsreporter und Autor. 2021 erschien sein Buch „Der längste Krieg, 20 Jahre War on Terror (Westend-Verlag)

Der ägyptische Arzt und Extremistenführer Aiman As-Sawahiri war wohl nur noch ein Schatten seiner selbst. In den vergangenen zwanzig Jahren war wenig bis gar nichts über die Aktivität Al-Qaidas in Afghanistan bekannt. Dennoch ist die Tatsache, das der 71-Jährige nun nach zwei Jahrzehnten „Krieg gegen den Terror“ tatsächlich getötet wurde, eine Schlagzeile wert – unter anderem auch, um einige unbequeme Fragen aufzuwerfen.

As-Sawahiris Tötung ist nämlich kein Erfolg, den es zu feiern gilt. Schließlich wurde der Ägypter nicht in der Wüste oder in einem abgelegenen, afghanischen Bergdorf getötet, sondern mitten in der früheren Kabuler „Greenzone“, wo einst Diplomaten, Söldner, Nichtregierungsorganisationen und korrupte Politiker sowie Warlords verkehrten.

Der letzte Mieter des Hauses, in dem sich as-Sawahiri aufgehalten hatte, war ein enger Berater von Ex-Präsident Ashraf Ghani. Er flüchtete vor einem Jahr gemeinsam mit dem Präsidenten, als die Nato-Truppen abzogen und die Taliban Kabul einnahmen.

Oft wurden versehentlich Beerdigungen Ziel der Drohnenangriffe

Während des 20-jährigen Krieges war es vor allem das ländliche Afghanistan, das vom US-Militär regelmäßig bombardiert wurde. Afghanische Dörfer wurden als Hort von Militanz und Extremismus und Rückzugsorte von gesuchten Terroristen betrachtet. Doch merkwürdigerweise wurden jene Menschen, die sich auch den Abschusslisten der Amerikaner befanden, selten getroffen, geschweige denn verletzt oder getötet. Stattdessen waren es oft Hochzeitsgesellschaften oder Beerdigungen, die zum Ziel der Predator-Drohnen wurden.

In den letzten Jahren wurde as-Sawahiri mehrmals für tot erklärt, unter anderem nach vermeintlich präzisen Operationen. Ähnlich verhielt es sich auch mit dem mutmaßlichem Gastgeber des Qaida-Chefs, dem Taliban-Führer Sirajuddin Haqqani, der gegenwärtig als Innenminister der Taliban-Regierung agiert. Doch gleichzeitig wurde eine offensichtliche Frage eher selten gestellt: Wer waren all die Menschen, die an ihre Stelle getötet wurden?

Nach der Bekanntmachung der Tötung as-Sawahiris meldete sich auch Ex-Präsident Barack Obama zu Wort. „Die Nachrichten der heutigen Nacht sind der Beweis dafür, dass man den Terrorismus auslöschen kann, ohne in Afghanistan Krieg zu führen“, schrieb Obama auf Twitter. Dies grenzt an Zynismus, wenn man bedenkt, dass er es war, der einst den Krieg am Hindukusch eskalieren ließ und Afghanistan zu dem am stärksten von Drohnen bombardierten Land der Welt machte.

1147 Zivilisten starben allein zwischen 2002 und 2014 durch gezielte Tötungen

2014 kalkulierte die britische Menschenrechtsorganisation „Reprieve“ auf der Basis der Auswertung von Medienberichten und Recherchen für den Zeitraum 2002 bis 2014 für 41 Zielpersonen in Pakistan und dem Jemen 1147 durch Drohnen getötete Zivilisten.

Zu den Zielen gehörten damals auch as-Sawahiri und Haqqani, die man stets im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet vermutete. Auch der letzte Drohnenangriff des US-Militärs, der vor etwa einem Jahr während des Abzugs stattfand, tötete keine Terroristen, wie anfangs von den Amerikanern behauptet, sondern zehn Zivilisten in Kabul.

Die Version der US-Regierung konnte nur aufgrund der Arbeit von Journalisten vor Ort widerlegt werden. Die Hinterblieben der Opfer warten bis heute auf eine Entschuldigung und versprochene Entschädigungszahlungen.

Ein undatiertes Standbild einer Videobotschaft Aiman as-Sawahiris. Foto: Intelcenter/dpa Vergrößern
Ein undatiertes Standbild einer Videobotschaft Aiman as-Sawahiris. © Intelcenter/dpa

Eine weitere, unbequeme Wahrheit, die im Kontext der Tötung as-Sawahiris meist ungeachtet bleibt, ist die Tatsache, dass derartige Angriffe gegen jegliche Grundlagen des Völkerrechts verstoßen. Dies ist auch dann der Fall, wenn sie gesuchte Terroristen treffen.

Denn auch sie haben nach dem Verständnis des Rechtsstaates einen fairen Prozess verdient. Die Unschuldsvermutung gehört zu den wichtigsten Errungenschaften westlicher Demokratien, doch seit dem Beginn des „Krieges gegen den Terror“ wurde sie permanent abgebaut.

Der Westen fühlt sich auch moralisch überlegen, weil er die Todesstrafe abgeschafft hat

Der paradoxe Status quo seither lautet: Wir sind moralisch überlegen und die „Guten“, weil wir die Todesstrafe abgeschafft haben, doch extralegale Hinrichtungen – auch mit deutscher Beihilfe – in Afghanistan, Pakistan, Somalia, Jemen oder anderswo sind in Ordnung. Oder wie es einst das Auswärtige Amt auf den Punkt brachte: „Wer nach Waziristan geht und dort umkommt, ist selbst schuld.“

Ein Jahr nach dem Abzug aus Afghanistan scheint Biden deutlich machen zu wollen, dass der gewohnte „Krieg gegen den Terror“ noch lange nicht vorbei ist.

Vielsagend ist auch das Schweigen der Taliban, die sich nun offensichtlich in einer tiefen Krise befinden, das mögliche Brüche innerhalb der Gruppierung offenlegt. Mit der Beherbergung as-Sawahiris haben die neuen Machthaber Afghanistans wohl gegen jenes Abkommen von Doha verstoßen, das sie Anfang 2020 mit Washington im Golfemirat Katar unterzeichnet hatten.

Doch die Gastgeber des Al-Qaida-Chefs waren allen Berichten und Mutmaßungen zufolge nicht jene Männer, die damals mit den Amerikanern verhandelt hatten; sondern die Haqqanis, ein berühmt-berüchtigter Flügel innerhalb der Taliban, der bekannt für seine engen Kontakte zu internationalen Dschihadisten ist.

Die Vermutung, dass ein anderer Taliban-Flügel direkt oder indirekt aktiv gegen die Haqqanis arbeitete und das Versteck des Al-Qaida-Anführers preisgab, liegt deshalb nahe. Es erscheint unwahrscheinlich, dass ein amerikanisches Team ohne lokale Unterstützung arbeiten konnte.

Was das alles für das Verhältnis zwischen den USA und den Taliban bedeutet, ist noch unklar. Der prominente Taliban-Führer Mullah Abdul Ghani Bradar pflegte mit der CIA nicht nur Gespräche noch nach dem Abzug vor einem Jahr, sondern anscheinend auch vor Kurzem während einer Konferenz in Usbekistan. Es gibt ja gemeinsame Interessen: ein hartes Vorgehen gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS) ist ein solches. Und derzeit werden Anhänger des IS in Afghanistan brutal massakriert.

Ob sich in dieser Frage sogar eine Kooperation zwischen Washington und den Taliban herausbildet, ist noch nicht zu belegen. Auffällig war jedenfalls, dass US-Präsident Biden in seiner Rede zur Tötung as-Sawahiris in Kabul die Taliban kein einziges Mal erwähnte; während sein Außenminister Anthony Blinken kein Blatt vor den Mund nahm und sie wegen der angeblichen Beherbergung des Al-Qaida-Führers beschuldigte, den Kooperationsvertrag von Doha gebrochen zu haben.

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