Virtuelle Durchblicke. Or Bareket, der Bassist von Joel Ross’ Sextett „Good Vibes“ , vom Silent Green aus gesehen. Foto: Camille Blake
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Jazzfest Berlin 2020 Am großen Stream der Spree

Von Wedding nach Brooklyn und umgekehrt: Das Jazzfest Berlin rettet sich mit einer Onlineausgabe.

Vielleicht würde man im Nachhinein einen welthistorischen Stromstoß bemerken, der in das fröhliche, hochgradig theatralische Chaos von MEOW! hineinfuhr, ohne dass die vier Wahlberliner zunächst hätten wissen können, was ihnen widerfuhr. Denn mitten ins nachmittägliche Konzert am Samstag platzte die Nachricht von Joe Bidens Wahlsieg in den USA.

Das Bangen, das unausgesprochen über dem Jazzfest lag, hatte ein Ende. Spätestens als Nadin Deventer, die Leiterin und Moderatorin der vier Tage, die Band mit der frohen Botschaft überraschte, wich es einer Erleichterung, die man bei den folgenden Auftritten spüren konnte.

Ob nun aber ein subkutaner Impuls MEOW! erfasste und ihre Katzenperformance über ein wohliges Schnurren hinaus ins Raubtierhafte trieb, könnte man angesichts des konstant hohen Energielevels ihrer Musik kaum sagen. Was die türkische Sängerin Cansu Tanrikulu, der norwegische E-Bassist Dan Peter Sundlund, die amerikanische Keyboarderin Liz Kosack und vor allem der amerikanische Drummer Jim Black hier zusammenrühren, benutzt zerbrochene Metal-Grooves wie Hiphop und Electronica, Free-Jazz- Explosionen eingeschlossen.

Das ist der Berliner Schmelztiegel, könnte man sagen, wenn es mit den Orten dieser Musik nicht so eine Sache wäre. Über Jahre war Jim Black, bevor er an die Spree zog, eine zentrale Figur der New Yorker Avantgarde-Szene. Liz Kosack wurde im vergangenen Jahr mit dem SWR-Jazzpreis ausgezeichnet. Die Saxofonistin Anna Webber hat sich nach ihrem Studium am Berliner Jazzinstitut wieder in den Big Apple aufgemacht, wohingegen ihr Kommilitone Elias Stemeseder, der Pianist von Jim Blacks aktuellem Trio, nach fünf Jahren New York gerade wieder nach Berlin zurückgekehrt ist.

Tunnel zwischen den Metropolen

Der Weg zwischen den beiden Spielorten des Festivals, dem mit mehreren Bühnen ausgestatteten Silent Green in Wedding, einem früheren Krematorium, und dem Roulette in Brooklyn, einem 400- Plätze-Theater, in dem es neben Jazz auch Tanz und Neue Musik gibt, war also kürzer, als man denkt. Dass ihn die rein digitale Präsentation nun völlig aufhob, war eine Folge der neuen Coronaregeln. Geplant war ein hybrides Jazzfest Berlin, mit Live-Konzerten der hiesigen Musiker aus dem Silent Green und den vor Publikum gestreamten Auftritten aus dem Roulette. Dann mussten Nadin Deventer und ihr Team umdisponieren.

Das Glück, dass das Ganze überhaupt stattfinden konnte – für viele Beteiligte war es der erste große Auftritt nach dem Lockdown im Frühjahr – trifft sich nun mit der Gelegenheit, sämtliche Konzerte, darunter einige vorproduzierte, nachträglich auch auf Arte Concert ansehen zu können: Wo in Brooklyn an der Decke installierte Roboterkameras die Musik aufzeichneten, war im Wedding erkennbar ein menschliches Team am Werk.

Die Einschränkungen sind allerdings ebenso offensichtlich. Neben den üblichen Streaming-Effekten, dem Mangel an Immersion, der einen Mangel an Konzentration mit sich bringt, dem Gleichmacherischen von kleinen Acts, die in einem Club funktionieren, und großen Acts für Riesensäle, ist der Verlust jeder Festivalatmosphäre am schmerzlichsten.

Binge Watching mag seine vergnüglichen Seiten haben – ein Jazzmarathon, bei dem man sich nicht einmal in die Zuschauer im Saal versetzen kann, trägt masochistische Züge. Am schlimmsten ist der Moment, in dem man eine Band wie das Septett von Anna Webber nach dem Verklingen des letzten Tons auffangen möchte und zusehen muss, wie die Energiewelle, die sie vor sich herschiebt, einfach verpufft.

Anregungen von Iannis Xenakis

Die Kompositionen ihres Albums „Clockwise“ basieren auf Miniaturmotiven, die Webber zeitgenössischen Komponisten wie Iannis Xenakis entlehnt hat. Was oft spröde und dissonant beginnt, nimmt zwischen Ches Smith am Schlagzeug, Christopher Tordini am Bass und Matt Mitchell am Klavier meist schnell Fahrt auf.

In seinen repetitiven Grundelementen, wächst es mit Cello, Posaune und zweitem Bläser zu fast orchestraler Klangmacht an und steuert auf eine Klimax zu, die sonst vom Applaus des Publikums aufgefangen würde. Hier bremst sie wie Speedy Gonzales mit durchgedrückten Beinen abrupt ab und starrt in den Abgrund.

Ein von vornherein das Intime suchende Duo wie das der in New York ansässigen deutschen Saxofonistin Ingrid Laubrock und der kanadischen, upstate beheimateten Pianistin Kris Davis hat es da leichter. Die Kameras im Roulette tun ihnen sogar einen Gefallen, wenn sie den stillen Austausch ihrer Blicke mit einer Aufmerksamkeit für die Arbeit ihrer Finger verknüpft. Aus nächster Nähe verfolgt man die elegische Sprunghaftigkeit dieser Improvisationsmusik – und bleibt vom Schöpfungsprozess doch wie durch einen Schleier getrennt.

Vor vier Jahren waren Davis und Laubrock auf Deutschlandtour, als sie bestürzt von Trumps Wahlsieg erfuhren. Am Samstag zeigten sie sich erlöst – was der Gelöstheit ihrer Musik zugutekam.

Auch Drummer Max Andrzejewski und Saxofonist Johannes Schleiermacher bilden unter dem Namen Training ein Duo. Aber was sie mit Synthesizern und Samplern (und der Videokünstlerin Isil Karatas) verschrauben, ist exzessiver, nach allen Gattungen hin offener Krach. Seinen letzten Schrägschliff erfährt er, wenn John Dieterich, Gitarrist der US- Noise-Rock-Band Deerhoof in einem unbegleiteten Solo aus seiner Küche – die Latenzzeit zwischen den Kontinenten wäre für ein Live-Miteinander zu groß – seine Splitterklänge gen Berlin schickt.

Orthodoxie des Unorthodoxen?

Nadin Deventers Begriff von Jazz ist erfreulich weit, weiter als ihn das Festival je gefasst hat. So sehr sie damit der Wirklichkeit dieser Musik gerecht wird, so fraglich ist, ob daraus nicht auch eine Orthodoxie des Unorthodoxen werden könnte. Das Wildern dieses stilistisch unaufhörlich expandierende Etwas in zuvor verschlossenen Regionen geht zumal mit Teilen der Neuen Musik gut.

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Das beste Beispiel war die am Eröffnungsabend in der Kunstsprache Ap Lla abgehaltene „Ceremony of Ceremonies“ des schwedischen Kontrabassisten Joel Grip, der in der Berliner Pohlstraße die Reihe Au Topsi Pohl veranstaltet. Grips Improvisationslust trifft auf Franziska Hoffmanns Silbenradau, die Rahmentrommelkünste von Hogir Göregen und das Ungestüm der japanischen Pianistin Izumi Ose. Ein exzentrisches Vergnügen mit Streichquartett ohne traditionelles Vokabular. Der Jazz profitiert auch von seinen Ausflügen in Richtung Hiphop und Punk. Er wird dadurch dichter und heterogener, aber er gewinnt nicht unbedingt neue Hörer.

Das Zeug, innerhalb eines anspruchsvollen Programms, dessen Vielfalt sich hier nur andeuten lässt, auch jazzungewohnte Hörer zu gewinnen, hatte unter den deutschen Konzerten vielleicht am ehesten die feurige Band des Hamburger Saxofonisten Gabriel Coburger mit dem fantastischen Bariton Ken Norris – und unter den amerikanischen die des jungen Vibraphonisten Joel Ross mit dem sprechenden Namen „Good Vibes“. Von alledem werden wir nun lange zehren müssen. Das Fernsehen macht es ein wenig leichter, das auch zu tun.

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