Gedränge am Wasser

Wenn es so heiß ist wie jetzt, drängen sich die Besucher im Sommerbad in der Prinzenstraße. Foto: Kai-Uwe Heinrich
Hitzewelle mit Rekordtemperaturen Wenn die Sonne zur Bedrohung wird

Die Berliner Seen sind aufgeheizt, sie riechen. Mit der steigenden Temperatur sinkt der Sauerstoffgehalt im Wasser, beim nächsten Gewitter, das Dreck in die Gewässer spült, droht das große Fischsterben. Die Berliner drängt es in die Freibäder. Und dann, wenn reichlich Salz ausgeschwitzt ist und der Elektrolytehaushalt nach Ausgleich verlangt: an den Pommes-Stand.

„Gestern 778 Portionen“, sagt Dagmar Keuenhof, die sie hier im Kreuzberger Prinzenbad „Daggi“ nennen. „Im Moment auffällig viele große“, ergänzt Mitinhaber Mathias „Matze“ Kutscher. Das Fett in der Fritteuse hat 200 Grad, daneben haben sie 70 gemessen. Dennoch haben sich die vier schwarzhaarigen Jungs in den limettengrünen T-Shirts, die hier auf kleinstem Raum Fritten nachfüllen, schwenken, austeilen, um diesen Job gerissen. Sie kennen einander aus der Schule, haben sie soeben beendet. Für neun Euro die Stunde sind sie jetzt da, wo „unsere Leute“ ohnehin sind, plaudern mit hungrigen Bikini-Schönheiten, können in der Pause schwimmen, manchmal, ausnahmsweise, auch nach Feierabend, wenn das jetzt knallvolle Bad leer ist. „Das ist schon geil“, sagt einer. „Wir verdienen Geld, während die anderen nur rumliegen“, ein anderer.

Die Standardportion Pommes kostet zwei Euro, „einkommensschwaches Einzugsgebiet“, erklärt Matze. „Macht ja aber auch keine Freude, den Familien und Kids hier so viel Geld abzuknöpfen“, sagt Daggi. Aber ob sie den Preis halten können? Beunruhigt haben sie die Meldungen über die schlechte Kartoffelernte, über mickrige Knollen gelesen. „Das wird kein Spaß, wenn wir mehr verlangen müssen“, sagt Matze. „Hier geht es friedlich zu, solange sich alle Pommes leisten können.“

Suche nach Erlösung I

Ein Zufluchtsort, das können Kirchen, das kann auch diese Kirche hier sein! Die beiden Frauen, die zur Mittagszeit schwitzend auf das Portal der St. Marienkirche beim Alexanderplatz zusteuern, spekulieren darauf. „Wir wollen die Kunst in der Kirche ansehen – aber wir hoffen auch auf Abkühlung.“ Ihre Gesichter sind von der Sonne gerötet.

„Ich hab’ hier drin 28 Grad“, sagt Kirchwart Bernd Sawallisch und ergänzt nach kurzem Lachen: „Und 58 Prozent Luftfeuchtigkeit, wegen der Kunstwerke.“ Auf einigen Bänken sitzen Touristen aus Asien und Italien, ein polnisches Pärchen geht flüsternd und gestikulierend durchs Kirchenschiff. Stille, die gibt es hier – und wer freundlich fragt, dem füllt der Kirchwart auch seine Wasserflasche auf. Aber Kälte? Nein. Also weiter, runter, die Treppen hinab in die Gruft des Berliner Doms, schräg gegenüber. Hach. „Wir haben gerade gedacht: hier bleiben wir noch ein bisschen“, sagen die zwei jungen Frauen, die entlang der Särge der Hohenzollern schlendern.

Suche nach Erlösung II

Der riesige Markt in der Mall of Berlin bietet 33 verschiedene Föne an, 28 Toaster, 17 Backöfen, neun Mikrowellen – aber nur noch ein einziges Ventilatormodell. Es trägt den Namen pure cool, zwei Exemplare sind noch vorrätig. Und die kosten je 545 Euro, dafür kühlen sie die Luft nicht nur, sondern sollen sie gleichzeitig auch noch von Schimmelpilzsporen, Pollen oder Abgasen reinigen. Das Vorführexemplar – ein Ring aus weißem Metall auf einem silbernen Sockel, ganz ohne Rotorblätter – arbeitet fast lautlos. Im Minutentakt treten Kunden näher heran: ein älterer Herr, ein junger Amerikaner in Shorts, ein schwules Paar, Eltern mit Baby im Kinderwagen. Sie alle strecken sehnsüchtig eine Hand in den kühlen Luftstrom. „Haben sie noch andere Ventilatoren?“, fragen sie dann die Verkäuferin. „Leider nein, alle weg“, antwortet sie jedes Mal, „ich weiß auch nicht, wann wir wieder welche reinbekommen.“

Auch ein Paar um die 40 bleibt stehen, beide blicken auf den 545-Euro-Ventilator, unterhalten sich leise auf Russisch. Die Frau stellt der Verkäuferin auf Deutsch einige Fragen, übersetzt die Antworten für ihren Mann, der sich auf einer Waschmaschine abstützt und mit versteinerter Miene auf den pure cool starrt. Seine Frau redet auf ihn ein, er schweigt, dann nickt er fast unmerklich. Die Frau wendet sich wieder der Verkäuferin zu. „Okay“, sagt sie. „Wir nehmen ihn.“

Um Leben und Tod

„Alle Wildtiere leiden“, heißt es beim Nabu Berlin. Eichhörnchen, Füchse, Wildschweine legen auf der Suche nach Wasser teils Kilometer zurück und verenden manchmal auf der Strecke. Vögel folgen ihrem Instinkt, das eigene Leben zu retten, und hören auf, den Nachwuchs zu füttern. Bereits im Mai waren zahlreiche Jungvögel verdurstet, weshalb viele Vogeleltern nochmal nachgelegt haben, eine sogenannte Notbrut. Jetzt wiederholt sich das Drama. „Selbst wenn die Eltern sie versorgen: Die Federspule, ein Häutchen, in dem die Federn angelegt sind, verdorrt, ehe sich das Gefieder entfalten kann. Die Augen vertrocknen, weil angesichts der geringen Luftfeuchte kein Lidschlag möglich ist“, sagt Annedore Langner, die in Spandau ehrenamtlich Wildvögel aufpäppelt. In den Nestern wird es zum Teil 50 bis 60 Grad warm. „Viele noch nicht flugfähige Vögel drängen an den Rand und fallen aus dem Nest“, beobachtet der Nabu Berlin.

Zu Hause mag der Familienhund nicht mehr raus. Kein Grund zur Sorge, sagt Barbara Kohn, Professorin an der Kleintierklinik der FU Berlin, Hunde sind nicht doof. Bewegen sich vorsorglich sparsam, denn sie haben nur wenige Möglichkeiten, Hitze abzuführen. Eigentlich können sie nur hecheln, einziges Verdunstungsorgan sind die Nase und die Maulschleimhaut. Hunde schwitzen nur an den Pfoten, das hilft kaum. Inzwischen wissen die meisten Halter, wie schnell es einen Hund umbringt, wenn er im Fahrzeug zurückgelassen wird. Christiane Erlbeck, Tierärztin in Mariendorf, warnt selbst davor, das in der Tiefgarage zu tun: Ein Wagen kann auch nach kurzer Fahrt noch enorm heiß sein.

Hunde haben kaum Möglichkeiten, Hitze abzuführen. Foto: Arne Immanuel Bänsch/dpa picture alliance Vergrößern
Hunde haben kaum Möglichkeiten, Hitze abzuführen. © Arne Immanuel Bänsch/dpa picture alliance

Einem Hund konnten sie auch in der Tierklinik nicht mehr helfen – er ist an Hitzschlag gestorben. Alle kurzköpfigen Rassen wie Möpse pfeifen gewissermaßen aus dem kurzen Nasenloch. Allgemein sind junge Hunde gefährdet, die noch nicht gelernt haben, das zu viel toben vor dem Kollaps kommt.

Dickes, langes Fell kann man scheren. Viel Wasser anbieten, Gassigehen in den heißen Stunden vermeiden. Kalte Umschläge tun auch Meerschwein und Co gut, wenn man ein nasses Handtuch über den Käfig legt.
Dem Hund ein Eis gönnen? Ähnlich wie beim Menschen, den eine kalte Dusche schnell wieder zum Schwitzen bringt, weil der Körper gegen die plötzliche Kälte ankämpft, hilft das dem Hund nicht, seine Temperatur zu regulieren.

Mitarbeit: Andreas Austilat

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