Die neuen internationalen Herausforderungen erreichen auch die gehobenen Wohnlagen Prenzlauer Bergs. Foto: Wolfgang Kumm, dpa
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Wir Mütter vom Kollwitzplatz (4) Der Traum vom Berlin-Bullerbü ist ausgeträumt

Aline von Drateln

Die neuen Kollwitzplatz-Mütter kommen nicht aus Sindelfingen, sondern aus Irland oder Kanada. Doch der Klimawandel macht vor der Dachterrasse nicht halt.

Seit 1999 wohne ich am Kollwitzplatz und habe mit insgesamt drei Kindern hier etwa genauso viele Stunden auf dem berühmtesten Spielplatz Europas verbracht. Trotzdem würde ich mich niemals eine „Mutter vom Kollwitzplatz“ nennen. Ich lache über sie. Denn die Mütter vom Kollwitzplatz, das sind immer die anderen. Vermutlich macht mich genau das zu einer von ihnen.

Was auch nicht mehr geht, sind Schwaben-Witze, Pointen über leere Parkplätze im weihnachtlichen Prenzlauer Berg. Früher klebten alteingesessene Berliner zum jährlichen Abschied selbstgebastelte Plakate mit Berliner Ortsausgangsschild und dem Hinweis: „Sindelfingen 641 km. Gute Fahrt!“ Ein empfohlenes One-way-Ticket. Aus, vorbei.

Aline von Drateln, Mutter vom Kollwitzplatz. Foto: Christobal Vergrößern
Aline von Drateln, Mutter vom Kollwitzplatz. © Christobal

Dem Schwabenschwarm folgte Schwabenscham. Beim Bäcker schaute man sich verstohlen um, ob nicht Wolfgang Thierse hinter einem steht und anfängt zu poltern, wenn man neumodische Brötchen anstatt einer guten alten Schrippe verlangt. Die loweste Carb-Diskussion ever.

Spätestens seit diesem piefigen Streit 2012 stand die Schwäbin mit Kinderwagen für den Kulturverfall am Kollwitzplatz. „Heute wohnen die alle weiter oben in Pankow“, sagt die Inhaberin eines Rahmengeschäftes im Kiez. Die 66-Jährige betreibt ihren Laden seit Mitte der 90er Jahre und macht sich seitdem selbst ein Bild. Seit Jahren hängen die Cartoons „Die Mütter vom Kollwitzplatz“ in ihrem Schaufenster.

Die Frauen auf den Zeichnungen sind verwöhnt und dummdreist. Mütter, die selbst erzogen werden mussten. Auch OL, der Zeichner, wisse, dass diese Zeiten vorbei sind.

Mit viel Geld haben sie sich im Bullerbü 2.0 eingekauft

Die neue Generation dieser Mütter kommt längst nicht mehr aus dem Ländle, sondern aus Irland, Spanien oder Kanada. „Die sprechen zwar kein Deutsch, sind aber höflicher. Auch, weil sie hier noch verunsichert sind“, sagt die Rahmenfrau. Diese neuen Mütter vom Kollwitzplatz haben sich mit viel Geld in dieses Bullerbü 2.0 eingekauft und hoffen, hier eine überschaubare, aber urbane Welt vorzufinden. Eine Welt, wie sie ihnen gefällt. Ein kinderfreundliches Womanhattan.

Kinderfreundliches Womanhattan: Eine Szene aus dem Mauerpark in Berlin-Prenzlauer Berg. Foto: Gregor Fischer / picture alliance / dpa Vergrößern
Kinderfreundliches Womanhattan: Eine Szene aus dem Mauerpark in Berlin-Prenzlauer Berg. © Gregor Fischer / picture alliance / dpa

Während aber Anja, Michaela und Ute noch ihren Traum von Berlin-Bullerbü begraben, weil sie feststellen mussten, dass mittlerweile gefühlt auf jedes Corona-Baby auch drei Corona-Scheidungen kommen und auch Lasse und Bosse permanent am Handy hängen, stellt Cathleen (die wirklich amerikanisch ausgesprochen wird, weil sie tatsächlich aus New York kommt) fest: Die Grenzen ihrer Welt sind nicht mehr die Danziger Straße und die Schönhauser Allee. Es gibt überhaupt keine Grenzen mehr.

Für uns Mütter hier wird langsam alles eng: Nicht nur der Wohnraum am Kollwitzplatz. Sondern die ganze Welt. Eine Pandemie macht nicht halt vor Privatpatienten. Der Klimawandel hält nicht vor der Dachterrasse, auch wenn sie 9000 Euro pro Quadratmeter gekostet hat. Freikaufen funktioniert nicht mehr. Wenn das Länder nicht können, kann es auch kein neureicher Kiez. Prenzlauer Berg kann sich so wenig von Berlin abkoppeln wie Großbritannien von der Welt. There's no Prexit.

Wir sind der Nährboden der Welt von morgen

Die Frau vom Rahmenladen hat ihre Preise den Umständen angepasst. An die reichen Anwohnerinnen? Nicht nur. „Holz ist teuer geworden. Das kaufen die Amis und Chinesen im großen Stil“, sagt sie. Wie? Haben die selbst nicht genug?

„Doch. Aber europäisches ist billiger! So sichern die ihre Marktmacht.“

Wenn die Kinder unsere Zukunft sind, dann sind wir Mütter vom Kollwitzplatz der Nährboden der Welt von morgen. Der Denkfehler ist, dass viele noch glauben, sie sollten übernehmen, was sich Männer seit Jahrhunderten herausnehmen. Aber die männliche Welt ist gescheitert.

[Lesen Sie hier Folge 1: Allein gelassen – wenn nicht vom Kindsvater, dann von der Politik. Folge 2: Sie sind reich, ehrgeizig, egoistisch. Ihre größte Unverschämtheit: Sie sind Frauen. Folge 3: Hier eine Wohnung zu finden, ist so aussichtslos wie als Frau Anfang 50 mit Kind einen neuen Partner.]

Schneller, höher, weiter, das können sich die Mütter hier theoretisch selbst leisten. Aber wir alle können es uns nicht mehr leisten.

Die Mutter am Kollwitzplatz ahnt, dass sie auf dem Holzweg ist. Aber noch bereitet sie ihr Kind auf den alten Konkurrenzkampf vor. Auf Englisch. Damit es nicht nur einen der raren Plätze hier auf dem Gymnasium ergattert. Sondern später auch noch in Yale. Allein: Keine internationale Karriere hilft bei den neuen Herausforderungen. Bald brauchen wir intergalaktische Lösungen. Und das geht nur gemeinsam.

Denn der Kampf des Stärkeren ist so von gestern wie ein Schwaben-Witz. Die Aufgaben sind zu groß für Cathleens Kinder allein. Der patriarchialistische Wettkampf ist so überflüssig wie die korrekte Bezeichnung von Teigwaren. Wie das Brot für die Welt heißt, ist am Ende völlig egal.

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