Alles nicht schwul genug, bloß weg hier

Stillleben in der Villa von Entertainer Liberace. Foto: Ulf Lippitz
LGBTI-Gemeinde in Kalifornien Palm Springs - die queerste Stadt der Welt

Wenige Minuten später biegt Gross mit dem Jeep in den Camino del Norte ein. „Nicht zu Hause“, sagt er, als er an einer Hecke vorbeifährt. Wäre der Eiskunstläufer Brian Boitano, der Olympiasieger von 1988, nämlich da, hätte er die amerikanische Flagge mit dem Regenbogensymbol gehisst. Dann fährt Bob Gross noch an den früheren Villen von Elvis Presley, Marilyn Monroe und Elizabeth Taylor vorbei, an dem Haus, in dem John F. Kennedy einige Monate verbracht hat, und dem modernistischen Anwesen, das Leonardo DiCaprio gekauft hat. Alles nicht schwul genug, bloß weg hier.

Zurück zur Arenas Road in Downtown, zehn Minuten mit dem Auto, wo an einem Block eine queere Bar neben der anderen eröffnet hat. Dazwischen gibt es einen Gay Mart, in dem schwule Überlebensmittel gehandelt werden: Gleitcreme, Glückwunschkarten, Regenbogenbadehosen. Für schwule Touristen spielt sich hier das Nachtleben ab. Erst Happy Hour mit Martini-Cocktails, dann ein Schnitzel um die Ecke bei „Johannes“, dem Tiroler Gastronomen, der allerdings, Schönheitsfehler, hetero ist. „Unser Castro“, sagt Bob Gross und meint damit das Homoviertel von San Francisco. Aus der Stadt, die in den 70er Jahren für die Liberalisierung an der Westküste stand, zogen in den vergangenen Jahren viele Schwule und Lesben nach Palm Springs. San Francisco zählt zu den teuersten Städten des Landes, Palm Springs ist dagegen für die Mittelschicht noch bezahlbar.

Lisa Middleton ist sozialer Wohnungsbau ein Anliegen

Doch auch dort bestimmen zunehmend Debatten über günstigen Wohnraum die öffentliche Diskussion. Lisa Middleton ist sozialer Wohnungsbau ein Anliegen. Mit diesem Thema hat sie vor einem Jahr die Stadtratswahlen gewonnen – als erste Transgender-Frau der USA, die in ein politisches Amt gewählt wurde. Middleton ist 66 Jahre alt, sie trägt ein schlichtes Kostüm und einen Seitenscheitel. Sie sitzt im Garten des „Koffi“, an den sieben anderen Tischen sitzen fast nur Männer, an einem trinkt eine Frau mit ihrem Begleiter einen Kaffee. Möglicherweise ihr Freund, aber das zu behaupten, wäre heteronormative Spekulation.

Die Stadträtin arbeitete lange in einer Behörde in San Diego, jedes Jahr fuhr sie mit ihrer Partnerin nach Palm Springs, um den gemeinsamen Jahrestag zu feiern. Als sie 2010 in den Ruhestand ging, zog das Paar endgültig her. Und wie das so ist mit Rentnern: Sie haben Zeit. Also engagierte sich Middleton in einer Nachbarschaftsinitiative, in einer Gesellschaft für Gartenbau, saß bald im Aufsichtsrat des LGBT-Zentrums und schließlich im Rathaus. Längst nicht nur mithilfe der liberalen Kräfte. Ihre zwei größten finanziellen Unterstützer waren Republikaner. „Zwei weiße Heteros“, betont sie. Rhinos, wie sie sagt. Wähler, die „Republican in name only“ sind, also nur dem Namen nach den Konservativen nahe stehen.

Junge Leute besuchen die Stadt als Touristen

Lisa Middleton spricht mit sanfter, aber bestimmter Stimme, womöglich weil sie sich jahrelang antrainiert hat, ruhig ihre Argumente vorzutragen. Warum sie und viele andere Menschen aus der LGBT-Community nach Palm Springs gezogen sind, erzählt sie, hat noch einen anderen Grund. „Die gesundheitliche Versorgung“, sagt sie. Viele Kliniken haben sich im Valley niedergelassen, einige verfügen über exzellente Stationen, die HIV-Infizierte oder Transgender-Patienten behandeln. Manche Einrichtungen richten sich nur an diese Zielgruppe. Auf regelmäßig stattfindenden Charity-Events spendet die vermögende Klientel freigiebig für einige der Projekte. Ehrenamtliche Tätigkeiten gehören für viele der Pensionäre zum gesellschaftlichen Alltag.

Klinikbesuche, Dinnerpartys, Spendenmarathons. Klingt nach Rentnerparadies. Junge Leute leben weniger hier, besuchen die Stadt jedoch als Touristen. Wenn im März die lesbische Dinah Shaw Party und im April die schwule White Party anstehen, steigen Zehntausende in den Hotels der Umgebung ab. Aus Los Angeles schauen Wochenendurlauber vorbei, um tagsüber in den Bergen zu wandern und abends Dragqueens im „Toucans“ zu erleben. Der Altersdurchschnitt hat auch positive Aspekte. Niemand redet über Hipster, die ganze Viertel umkrempeln. Wenn es ein Thema gibt, das die Bewohner von Palm Springs spaltet, ist es die Frage: „Hast du Katzen oder Hunde?“

Oder wie man der Hitze von 350 Sonnentagen pro Jahr entflieht. Bob Gross sagt, als er sich mit seinem Jeep verabschiedet: „In Palm Springs haben wir zwei Jahreszeiten, Himmel und Hölle.“ Acht Monate angenehm warmes Wetter und vier Monate brutalen Sonnenschein mit 40 Grad im Schatten. Die Konturen verschwinden an solchen Morgen schnell. Man kann sich dann nur an einen jener Orte begeben, die der Maler David Hockney in ikonischen Gemälden festgehalten hat: an einen Swimmingpool.

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