US-Astronaut Mark Vande Hei im Februar 2022 an Bord der ISS. Foto: imago
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Völlig losgelöst Russische Drohgebärden gegenüber US-Astronaut auf der ISS irritieren die Nasa

Krieg auf der Erde - aber doch nicht im Weltall! Ein Video der russischen Weltraumagentur Roskosmos spricht eine andere Sprache.

Scott Kelly war so fassungslos, dass er zum ersten Mal in seinem Leben auf einen Tweet antwortete. Der US-Astronaut hat mehr als ein Jahr an Bord der internationalen Raumstation ISS verbracht und dabei immer wieder mit russischen Kosmonauten gut zusammengearbeitet. Er absolvierte seine Ausbildung nicht nur in den USA, sondern auch im Sternenstädtchen bei Moskau und spricht fließend Russisch. Und nun das!

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Kelly antwortete erbost auf einen Tweet von Dmitri Rogosin, Chef der russischen Weltraumagentur Roskosmos. Der hatte ein Video ins Netz gestellt, das zwei russische Kosmonauten zeigt, die schwerelos durch die ISS gleiten und US-Astronaut Mark Vande Hei zum Abschied entspannt zuwinken, bevor sie in der Sojus-Kapsel verschwinden, die sie zur Erde zurückbringt. Vande Hei schaut hinterher.

Ein solcher Moment könnte bevorstehen. Am 18. März startet im kasachischen Baikonur Sojus MS-21 mit den drei russischen Kosmonauten Oleg Artemjow, Dennis Matwejew und Sergej Korsakow an Bord. Sie sind die planmäßige Wachablösung. Vande Hei soll Ende des Monats mit den zwei russischen Kollegen Anton Sklaperow und Pjotr Dubrow zur Erde zurück.

Das Video suggeriert ein zynisches Szenario

Die russische Invasion in der Ukraine hat auch auf der Umlaufbahn alles verändert. Das Roskosmos-Video suggerierte nun ein ganz anderes, ein zynisches Szenario.

„Es ist unvorstellbar, dass das russische Raumfahrtprogramm einen Mann im All zurücklässt, für den es die Verantwortung trägt“, empörte sich Kelly. Und fügte dann hinzu: „Auch wenn ich gerade gesagt habe, ich kann es mir nicht vorstellen, dass sie einen Menschen zurücklassen: Jetzt weiß ich es nicht mehr.“ Rogosin, der noch nie diplomatisch war, pöbelte zurück: „Halt die Klappe, du Trottel.“

Der Krieg der Worte zwischen Kelly und Rogosin ist der vorläufige Tiefpunkt, vielleicht sogar das Ende einer Kooperation im Weltall, die lange unabhängig von allen Spannungen schien, die es auf der Erde zwischen Russland und den USA gab. Auch nach dem Beginn von Putins Krieg gegen die Ukraine schien die Nasa überzeugt, dass das ISS-Programm davon nicht betroffen sein würde.

Drohung mit "unkontrolliertem Absturz" auf die USA

Doch dann wurden unmittelbar nach der russischen Aggression auch Kosmos-Programme eingefroren. US-Präsident Joe Biden kündigte schon in seiner ersten Reaktion auf den Krieg an, dass die USA Exporte blockieren werde, die die Luft- und Raumfahrt sowie das Kosmos-Programm betreffen. Für die ISS hätte ein Kompromiss gefunden werden müssen, dachten die Nasa-Verantwortlichen.

Vor dem Start der ISS im April 2021: Mark Vande Hei (von links) Oleg Novitskiy und Pyotr Dubrov in Baikonur. Foto: Roscosmos/Reuters Vergrößern
Vor dem Start der ISS im April 2021: Mark Vande Hei (von links) Oleg Novitskiy und Pyotr Dubrov in Baikonur. © Roscosmos/Reuters

Doch dann drohte Rogosin schon am zweiten Tag es Krieges: „Wenn der Westen die Kooperation mit uns blockiert, wer wird dann die ISS davor bewahren, unkontrolliert abzustürzen und auf die Vereinigten Staaten zu fallen?“

Eine 500- Tonnen-Konstruktion würde nach mehr als 20 Jahren friedlicher internationaler Forschung nach dem Willen Rogosins zum Instrument der Einschüchterung. Als Antwort postete Elon Musk das Logo seiner Firma SpaceX. Das Problem nur: Die Flugleitung der ISS liegt bei Russland.

Inzwischen steht fest, dass das Programm an Bord der ISS auf ein Minimum zusammengestrichen wird. Noch geht die Nasa davon aus, dass ihr Astronaut Ende März mit einem Sojus-Raumschiff zur Erde zurückkehrt. Aber Kelly riet seinem Kollegen Vande Hei bereits, er solle denken: „Wenn sie mich da oben lassen wollen, dann werde ich einen Weg nach Hause finden.“

Die ISS braucht diverse Reparaturen

Eine Alternative ist schwierig: Derzeit gibt es weder eine Rakete für Rückholaktionen, noch Astronauten, die ein Training dafür absolviert hätten. Deshalb verhält sich die Nasa als Institution außerordentlich zurückhaltend.
Auch ohne den Krieg in der Ukraine warnten russische Ingenieure schon vor einiger Zeit, die alternde ISS könne in nächster Zukunft große Probleme machen. Schwachstellen seien vor allem das Onboard Computersystem und die Steuerdüsen.

Die Computer auf der ISS sind nicht nur für die automatische Flugkontrolle zuständig, sondern auch für das Andocken und Abkoppeln der bemannten Kapseln und der Transportraumschiffe. Die gesamte Hardware arbeite bereits weit über ihre ursprünglich vorgesehene Arbeitsdauer hinaus.

Das Steuerungssystem besteht aus zwei Hauptdüsen, die gebraucht werden, wenn die Umlaufbahn der Orbitalstation in regelmäßigen Abständen angehoben werden muss. Hinzu kommen 32 kleinere Antriebe. Sie alle sind durch den oftmaligen Kontakt mit dem Raketentreibstoff starker Korrosion ausgesetzt.

Für High-Tech-Komponenten braucht es westliche Zulieferungen

Unabhängig von den Entscheidungen Rogosins wächst das Risiko eines Absturzes, wenn nicht zeitnah Modernisierungen erfolgen. Und die kann Russland nicht allein bewältigen. Besonders für die High- Tech-Komponenten braucht es westliche Zulieferung.
Was die Rückkehr des US-Astronauten betrifft, gab die russische Weltraumagentur am Montag bekannt: „Roskosmos hat Partnern nie einen Grund gegeben, an unserer Zuverlässigkeit zu zweifeln.“

An Bord der ISS hält sich auch der Deutsche Matthias Maurer auf. Er dürfte vorerst erleichtert sein.

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Raumstation ISS - in 90 Minuten einmal um die Erde
Die Geburtsstunde der Internationalen Raumstation (International Space Station ISS) geht auf den 29. Januar 1998 zurück. Dort unterzeichneten die USA und Russland den ISS-Vertrag. Knapp zehn Monate später hob das erste Modul der ISS am 20. November 1998 in Richtung Weltall ab. Ab dem Jahre 2000 war die Station zum ersten Mal bewohnt – wodurch die teuerste Wohngemeinschaft der Welt entstand. Seitdem forscht die ISS mehr als 218 Kilometer von der Erde entfernt beispielsweise zum Weltraum, Biotechnologie oder Physik. Die Station benötigt 90 Minuten, um die Erde zu umrunden. Um in der Schwerelosigkeit nicht zu viele Muskeln zu verlieren, müssen die Raumfahrer täglich zwei Stunden Sport treiben. Bisher waren 240 Astronauten aus 19 Ländern an Bord. Den ersten rein weiblichen Weltraumspaziergang gab es 2019. Der bekannteste Deutsche auf der ISS war Alexander Gerst. (Eric Matt)

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