Die First Baptist Church in Dallas. Hier predigt Robert Jeffress, der auf Fox News ein Millionenpublikum erreicht und Trump verteidigt. Foto: promo
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Trumps Amerika Bürgerkrieg in den USA? Warum weiße Christen zu Trump stehen

Wenn Trump stürzt, drohe „ein bürgerkriegsähnlicher Bruch“ mit den Evangelikalen, sagt ein Pastor auf Fox News. Wir haben ihn getroffen und berichten aus dem Bible Belt.

Auf dem Vorplatz der First Baptist Church in Dallas reckt sich ein 20 Meter hohes Kreuz der gnadenlosen Sonne von Texas entgegen. An diesem Sonntag im August werden 40 Grad erwartet. Im klimatisierten Inneren der evangelikalen Mega-Church stöckeln ondulierte Damen über den Natursteinboden, begleitet von Männern in Zweireihern. Auf den Holzbänken ist es eng. Mehrere Tausend kommen jeden Sonntag hierher, die Gemeinde hat nach eigenen Angaben 13.000 Mitglieder. Das Licht wird gedimmt.

„Jesus ist am Kreuz für euch gestorben. Er liebt euch mehr, als ihr jemals wissen könnt“, raunt eine weibliche Stimme aus dem Off. Der Chor betritt die Bühne und Tyler, der Vorsänger, stimmt an: „My God is awesome. He’s holy“, knödelt er zum rockigen Sound der Band. Eine ältere Dame mit strengem schwarzem Dutt reckt sich der Kirchendecke entgegen. Ein Teenager, der eben missmutig seine Füße betrachtete, lächelt jetzt. Ein Weißhaariger mit wappenverzierten Manschettenknöpfen schließt die Augen.

Der evangelikale Pastor Robert Jeffress prophezeit auf Fox News einen „bürgerkriegsähnlichen Bruch“

Dann tritt Pastor Robert Jeffress energisch auf die Empore. Der kleine Mann im schwarzen Anzug trägt eine schwarze Bibel in der Hand, den Finger zwischen den Seiten an jener Stelle, mit der er beginnen möchte. Er sieht geschminkt aus, wahrscheinlich die Reste vom Fernseh-Make-up. Um halb sieben wurde er aus dem Studio Dallas in die Fox-Nachrichten zugeschaltet.

Jeffress ist einer der bekanntesten evangelikalen Prediger der USA. Millionen kennen ihn als schlagfertigen Kommentator des konservativ-nationalen Fernsehsenders. Auf Fox News erklärt, bewirbt, verteidigt er die Politik des Präsidenten. Fragt man ihn nach Donald Trump, sagt Jeffress: „Der Präsident ist ein Freund.“ Auf die Frage, wie oft er denn mit dem Präsidenten spreche, lacht er: „Jedes Mal, wenn ich auf Fox News bin.“ Manchmal rufe der Präsident auch so an.

Sechs Wochen nach jenem Sonntag im August, am 29. September, ist Jeffress wieder auf Fox News und Donald Trump in einer heiklen Lage: Mitte September wurde durch einen Whistleblower bekannt, dass der US-Präsident außenpolitische Gespräche nutzte, um zu versuchen, sich im Präsidentschaftswahlkampf 2020 einen Vorteil zu verschaffen.

In einem Telefonat hat er den neuen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gedrängt, gegen Joe Biden und seinen Sohn Hunter zu ermitteln, der für eine ukrainische Firma gearbeitet hat. Die Demokraten im Abgeordnetenhaus haben daraufhin Voruntersuchungen zu einem Amtsenthebungsverfahren eingeleitet.

Wenn es um seine politische Zukunft geht, hat Trump zwei mächtige Verbündete. Seine Partei und seine Kernwählerschaft – darunter nicht zuletzt weiße Christen wie Robert Jeffress. Er habe die evangelikalen Wähler nie wütender gesehen als jetzt, wetterte Jeffress am vergangenen Sonntag im Fernsehen. Sollte Trump des Amtes enthoben werden („was nicht passieren wird“), würde das einen „bürgerkriegsähnlichen Bruch in unserem Land hervorrufen“. Trump retweetet Jeffress’ Statement an seine 65 Millionen Follower.

Bürgerkrieg. Ein großes Wort. Aber Jeffress gibt ein Gefühl wieder, das in seiner Gemeinschaft, den Evangelikalen, verbreitet ist. Das Gefühl, eine letzte große Schlacht zu schlagen.

Die Evangelikalen haben in den USA große politische Macht - noch

Es ist nicht ganz leicht, zu definieren, was Evangelikale eigentlich sind. Statistiker gehen entweder danach, wie sich Wähler selbst bezeichnen oder sortieren sie nach Konfessionen. Theologisch verbindet die Evangelikalen die lutherische Vorstellung, dass jeder Mensch durch den Tod Jesu erlöst wurde. Die Gläubigen sind zur Mission verpflichtet, sie legen die Bibel wörtlich aus.

Evangelikale lassen sich als Jugendliche oder Erwachsene taufen, oft nach einem Erweckungserlebnis. Verbunden wird der evangelikale Glaube auch mit eher modernen, popkulturellen Gottesdienstformen und sehr großen Gemeinden, die sich in teils stadionähnlichen Mega-Churches treffen. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist „evangelikal“ in den USA aber auch eine soziale Kategorie. Es steht für religiös, konservativ und weiß.

Greg Smith koordiniert beim renommierten "Pew Research Center", einem Institut für Umfragen und Sozialforschung mit Hauptsitz in Washington D.C., die Arbeit des Teams "Religion und Politik". Foto: Anna Sauerbrey Vergrößern
Greg Smith koordiniert beim renommierten "Pew Research Center", einem Institut für Umfragen und Sozialforschung mit Hauptsitz in Washington D.C., die Arbeit des Teams "Religion und Politik". © Anna Sauerbrey

Als Wähler haben die Evangelikalen große politische Macht – noch. Bei den landesweiten Wahlen der vergangenen Jahrzehnte machten sie laut Pew Research Center konstant rund 25 Prozent der Wähler aus und stimmten überwiegend für die Republikaner. Trump bekam 81 Prozent ihrer Stimmen. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung aber schrumpft, laut Pew zwischen 2009 und 2018 von 20 auf 17 Prozent.

Das liegt daran, dass die weiße US-Bevölkerung im Vergleich zu anderen ethnischen Gruppen kleiner wird. Zweitens sind immer weniger Amerikaner religiös. Mittelfristig schrumpft damit auch der politische Einfluss weißer Christen.

Noch können sie das bei Wahlen ausgleichen, indem sie zu einem größeren Anteil wählen gehen als andere Gruppen, sagt Greg Smith, der bei Pew das Forschungsteam „Religion und Politik“ koordiniert. Lange aber wird das nicht mehr so sein. Die Politikwissenschaftlerin Janelle Wong von der University of Maryland meint: „Vielleicht noch ein, zwei Wahlperioden. Mehr nicht.“

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Mit dem politischen Bedeutungsverlust, so Wong, gehe die Angst einher, als ethnische und kulturelle Gruppe irrelevant zu werden – und die Angst vor dem Bedeutungsverlust religiöser Werte. Andere Autoren diagnostizieren schon jetzt das „Ende des weißen, christlichen Amerikas“.

Die Folge, glaubt Janelle Wong, sei das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Und dabei geht es mitnichten nur um die Verteidigung der eigenen Werte. Die Historikerin Elesha Coffman hat einmal geschrieben, die Evangelikalen verstünden sich als „Schäfer der amerikanischen Seele“. Um nichts weniger geht es in diesem letzten Kreuzzug: um die Nation, um Amerikas Seele.

In der Kleinstadt Fayette in Alabama glauben viele an die nahende Rückkehr Christi

„Wir sind die letzte Bastion“, sagt John Killian. Das Land sei spirituell entleert und Gott aus den Schulen vertrieben worden. In der Konsequenz, meint Killian, bewege sich die Gesellschaft in Richtung Sozialismus.
Diesen kleinen Vortrag hält Killian in einem Diner in dem Städtchen Fayette in Alabama. Dort leitet er ein Priesterseminar. Killian ist ein großer, korpulenter Mann, der Wärme und gemütliche Gutmütigkeit ausstrahlt, selbst dann, wenn er kategorische Sätze sagt wie: „Ich würde nie ein gleichgeschlechtliches Paar verheiraten.“

Im Diner ist am Nachmittag nicht viel los. Ein älteres Paar teilt sich schweigend ein Sandwich. Killian bestellt die hausgemachte Tomatensuppe und „Sweet Tea“, eine süße Eistee-Variante, auf die man hier in den Südstaaten stolz ist. Sowohl Texas als auch Alabama gelten als Teil des „Bible Belt“. Hier dominieren weiße Evangelikale Gesellschaft und Politik.

Um nach Fayette zu gelangen, muss man von Alabamas Hauptstadt Montgomery aus der Route 171 folgen. Die Straße führt durch hügeliges Terrain. Links und rechts führen rote Sandpisten in üppige, dunkelgrüne Wälder, dazwischen Trailerparks, zerfallende Holzhäuser, und Straßenstände, an denen Schilder verblassen: „Halten Sie an für die süßesten Pfirsiche von Alabama!“ Nur die vielen kleinen Kirchen, an denen man alle 30, 40 Kilometer vorbeikommt, sind gepflegt.

Auch Fayette hatte wirtschaftlich zu kämpfen. Vor ein paar Jahren verlegte eine T-Shirt-Fabrik, die hier ansässig gewesen war, ihre Produktion nach Asien – ein schwerer Schlag für die kleine Stadt mit 4600 Einwohnern. Heute geht es wieder etwas aufwärts. Das sei Trump zu verdanken, meint Pastor Killian. Die alteingesessene Ahornsirup-Fabrik hat überlebt.

Die Kellnerin in einem kleine Diner in Fayette sagt: "Die Dinge scheinen sich irgendwie zusammenzufügen. Ich glaube, der Herr kommt bald wieder!“ Foto: Anna Sauerbrey Vergrößern
Die Kellnerin in einem kleine Diner in Fayette sagt: "Die Dinge scheinen sich irgendwie zusammenzufügen. Ich glaube, der Herr kommt bald wieder!“ © Anna Sauerbrey

Während Killian auf das Essen wartet, verwickelt er die Kellnerin in ein Gespräch. Sie ist Anfang 20. Auf ihrem T-Shirt steht: „Du bist das Salz der Erde.“ „Ich kenne dich gar nicht“, sagt Killian. „Woher kommst du? In welche Kirche gehst du?“ Die junge Frau erzählt, dass sie zwar aus Fayette stammt, aber die letzten Jahre in einer kirchlichen Entzugsklinik verbracht hat. Jetzt sei sie schon 17 Monate clean.

„Das hast du sehr gut gemacht“, sagt Killian, und das Gesicht der Kellnerin glüht vor Stolz. Dann fragt er: „Was hältst du von Trump?“ Sein erklärtes Ziel an diesem Tag ist es, seinem Gast zu beweisen, dass ganz Fayette hinter dem Präsidenten steht. „Ich weiß nicht“, sagt die Kellnerin. „Ich interessiere mich nicht so für Politik.“ Killian runzelt die Stirn. „Mason, was hältst du von Trump“, ruft er hinüber zu dem älteren Ehepaar mit dem Sandwich. „Er baut Dinge wieder auf“, antwortet Mason nach kurzer Denkpause.

„Er bereitet die Bühne.“ – „Ja“, sagt Killian nachdenklich. „Die Bühne ist für das letzte Spiel bereitet wie nie zuvor.“ – „Genau“, schaltet sich nun die Kellnerin begeistert ein. „Die Dinge scheinen sich irgendwie zusammenzufügen. Ich glaube, der Herr kommt bald wieder!“ Das geht Killian dann doch etwas zu weit. „Denk daran“, sagt er mahnend. „Kein Mensch kann wissen, wann die Zeit gekommen ist.“ – „Natürlich“, sagt die Kellnerin schnell und senkt den Kopf.

Am Abend versammeln sich rund 20 Menschen zu Killians Bibelstunde im Neonlicht des Seminarraums. Die meisten sind Pfarrer aus den umliegenden Gemeinden, aber auch der Sheriff ist mit Frau und Sohn gekommen. Die Gruppe geht das Alte Testament durch. Killian liest und stellt Fragen, und die Männer und Frauen antworten und füllen Lückentexte aus. „Wie lange dauerte die Sintflut?“ – „370 Tage.“ – „Wie alt ist die Erde?“ – „10 000 Jahre.“
Danach stehen alle draußen und plaudern. Grillen zirpen, der Himmel ist schwarz und voller Sterne. „Wissen Sie, alle Menschen, egal wie alt sie sind oder wo sie herkommen, sind auf der Suche nach der Wahrheit“, sagt Killian um Abschied. Seine, so scheint es, hat er schon gefunden.

Donald Trump wird als Erlöser gesehen - und spielt die Rolle gern

Endzeit- und Erlöservorstellungen spielen in evangelikalen Kirchen eine bedeutende Rolle und werden auf Donald Trump projiziert. Der nimmt diese Rolle an. Im August zum Beispiel sprach er mit Journalisten im Garten vor dem Weißen Haus über den Handelskonflikt mit China. Er sei der Erste, der es mit China aufzunehmen wage, sagte der Präsident. Dann wandte er das Gesicht unvermittelt gen Himmel und sagte: „I am the chosen one – Ich bin der Auserwählte.“

Dass Trump die Rolle so bereitwillig spielt, hat vielleicht auch ein bisschen mit Robert Jeffress zu tun. Trumps „Freund“, der Pastor aus Dallas, hat den sonntäglichen Gottesdienst in der First-Baptist-Kirche beendet. Kaum von der Empore gestiegen, zückt er sein Handy und scrollt. Zwei Bodyguards lotsen ihn durch die Menge in einen Nebenraum.

Seine Stimme ist ein bisschen rau nach dem Fox-Auftritt und dem Gottesdienst, aber er wirkt sehr wach und präsent. Im Januar 2016, so erzählt Jeffress, begleitete er Trump auf dessen Wahlkampftour nach Iowa. Im Flugzeug, als sie ihre Wendy’s Cheeseburger aufgegessen hatten, habe er zu Trump gesagt: „Sie werden der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Gott hat eine Bestimmung für Sie.“

Jeffress hat keine Zweifel daran, dass die Evangelikalen immer zu Trump stehen werden. Der Präsident habe alle seine Versprechen gehalten, sagt Jeffress. Er hat die US-Botschaft in Israel wieder nach Jerusalem verlegt. Er hat 2017 einen Erlass zur Religionsfreiheit unterzeichnet. Vor allem aber hat er das Verfassungsgericht mit zwei neuen Richtern besetzt – und damit die Mehrheitsverhältnisse wohl auf Jahrzehnte zugunsten der Konservativen verschoben.

Eine Front im Kulturkampf: Seit Anfang des Jahres schwappt eine Welle scharfer Abtreibungsgesetze durch die USA

Die Besetzung des Supreme Courts mit Neil Gorsuch und Brett Kavanaugh kam für evangelikale Lobbyisten und Juristen dem Aufruf zu einem neuen Kreuzzug um das Abtreibungsrecht gleich. Seit Anfang des Jahres sehen die USA deshalb eine ganze Welle von Gesetzen, die Abtreibung verbieten oder einschränken, durch die Staaten im Süden und Mittleren Westen schwappen. Das schärfste stammt aus Alabama.

Alabamas House Bill 314, das „Gesetz zum Schutz des menschlichen Lebens“, sieht praktisch keine Ausnahmen vom Verbot der Abtreibung vor, nicht einmal für vergewaltigte Frauen. „Es ist das extremste Gesetz in den USA“, sagt Randall Marshall, der das Büro der Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) in Alabamas Hauptstadt Montgomery leitet. „Das Gesetz ist nur dazu da, um Roe v. Wade auf den Prüfstand zu stellen.“

Roe v. Wade“ ist das Verfassungsgerichtsurteil von 1973, das Abtreibungen überall in den USA legalisierte. Es ist benannt nach dem Pseudonym der Klägerin, Jane Roe, und dem damals amtierenden Staatsanwalt von Dallas County, wo das Verfahren seinen Ursprung hatte. Für weiße Evangelikale in Amerika ist das Urteil bis heute nicht akzeptabel.

Die Suche nach den Menschen hinter der „House Bill 314“ führt in ein Gewerbeviertel südlich von Birmingham. Auf dem Weg dorthin predigt ein Pastor auf Elijah Radio über den Wert des Lebens. Gott habe eine Hierarchie des Lebens geschaffen, sagt er. „Eine Maus ist mehr wert als eine Grille. Ein Vogel mehr als eine Maus. Aber ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“

Eric Johnston ist der Anwalt hinter Alabamas Abtreibungsgesetz

Eric Johnstons Büro liegt in einem der modernen Glaswürfelgebäude inmitten golfplatzgrüner Rasenflächen. Er ist Anwalt und Experte für Verfassungsrecht, Anzug und Krawatte sitzen makellos, gelegentlich rückt er mit feingliedrigen Fingern seine Hornbrille zurecht. Nach „Roe v. Wade“ schloss sich Johnston einer Gruppe von Anwälten an, die sich gegen Abtreibung engagierten.

Der Anwalt Eric Johnston hat die "House Bill 314" formuliert, ein Gesetz im Staat Alabama, das Abtreibung verbietet. Foto: Anna Sauerbrey Vergrößern
Der Anwalt Eric Johnston hat die "House Bill 314" formuliert, ein Gesetz im Staat Alabama, das Abtreibung verbietet. © Anna Sauerbrey

Da Schwangerschaftsabbrüche nun grundsätzlich legal waren, verlegten sich die Gegner darauf, es den Frauen zu erschweren, tatsächlich eine vornehmen zu lassen. Alabama zum Beispiel erließ unter anderem neue bauliche Vorschriften für Kliniken und Residenzpflichten für Ärzte. Vieles davon wurde vor Gericht wieder gekippt – auch gegen das derzeitige Anti-Abtreibungsgesetz klagte die ACLU sofort und beantragte eine einstweilige Verfügung gegen das Inkrafttreten. Dennoch haben die diversen Gesetze dazu geführt, dass viele Kliniken schlossen – niedergelassene Ärzte bieten aus Angst vor Dauerprotesten ohnehin keine Abtreibungen in Alabama an. Nach Angaben von Randall Marshall gibt es heute nur noch fünf Orte in dem Staat, an denen Frauen abtreiben lassen können.

Trotz dieser Erfolge waren die Jahre seit „Roe v. Wade“ aus Sicht von Johnston „Jahre des Wartens“. Dank Trump sieht er jetzt die Chance, Schwangerschaftsabbrüche nicht nur zu beschränken, sondern ganz verbieten zu lassen. Johnston hofft, dass das Verfassungsgericht den Streit um Alabamas Anti-Abtreibungsgesetz an sich zieht – und „Roe v. Wade“ revidiert.

Johnston will keine Fristenlösung und keine Beratungspflicht. Er will den juristischen Kreuzzug auf Leben und Tod. Er will feststellen lassen, dass jeder Fötus Mensch ist und jede Abtreibung Mord.

Ein Spatz sei mehr wert als eine Maus, glaubt der Radio-Prediger. Der Wert des Lebens aber kennt keine Relation. Und der Kampf um die Abtreibung keine Nuancen.

Janelle Wong ist Professorin für Amerikanische Studien an der University of Maryland. Sie forscht zu politischer Partizipation, politischen Einstellungen und verschiedenen ethnischen Gruppen in der Politik. Zuletzt erschien von ihr Immigrants, Evangelicals and Politics in an Era of Demographic Change (2018). Foto: Anna Sauerbrey Vergrößern
Janelle Wong ist Professorin für Amerikanische Studien an der University of Maryland. Sie forscht zu politischer Partizipation, politischen Einstellungen und verschiedenen ethnischen Gruppen in der Politik. Zuletzt erschien von ihr Immigrants, Evangelicals and Politics in an Era of Demographic Change (2018). © Anna Sauerbrey

Wenn soziale Gruppen demographisch oder politisch unter Druck stehen, gibt es zwei mögliche Auswege: Entweder sie öffnen sich, zum Beispiel für neue Mitglieder oder neue Ideen. Oder sie werden radikaler, ideologischer, kämpferischer. Die Politikwissenschaftlerin Janelle Wong beobachtet bei den Evangelikalen Amerikas eher Abschottungs- und Radikalisierungstendenzen, religiös, ethnisch, aber auch politisch. „Religion und Politik verstärken einander.“

Evangelikale Kirchen bieten Geborgenheit und praktische Lebenshilfe: „Die Kirche ist mein Zuhause.“

Amy dürfte das Gefühl kennen. Sie ist Anfang 30 und Mitglied in einer evangelikalen Mega-Church in einer Stadt in Alabama. Damit sie offen sprechen kann, hat sie darum gebeten, weder ihren Namen noch den Namen ihrer Gemeinde zu nennen.

Amy ist sehr engagiert in ihrer Kirche. Nach ihrer dritten Scheidung ist sie zurück in den typischen Mittelklasse-Vorort gezogen, in dem sie aufgewachsen ist, hübsche Holzhäuser inmitten der dschungelartigen Vegetation von Alabama. Sie lebt mit ihrem vierjährigen Sohn bei ihrer Mutter und arbeitet bei einer Versicherung.

An einem Freitagnachmittag sitzt sie in einem Starbucks unweit der Kirche, nippt an einem Kaffee und spricht über Politik. Amy wählt mal demokratisch, mal republikanisch. Ein allgemeines Schusswaffenverbot lehnt sie ab, ist aber für ein Verbot automatischer Waffen.

Weil ihr Sohn väterlicherseits auch jüdische Wurzeln hat, sorgt sie sich um die Lebensbedingungen von Minderheiten im Land. Sie denkt, dass Einwanderung reguliert werden muss, doch die Zustände in den Internierungslagern für Migranten an der amerikanisch-mexikanischen Grenze erschrecken sie. „Gott“, sagt Amy, „ist ein Gott der Gerechtigkeit. Aber auch ein Gott der Liebe.“

Amy sagt: "Die Kirche ist mein Zuhause". Mit den politischen Ansichten vieler ihrer Freunde aber hadert sie. Damit sie offen sprechen kann, bittet sie, weder ihren Namen noch den Namen ihrer Gemeinde zu nennen. Foto: Anna Sauerbrey Vergrößern
Amy sagt: "Die Kirche ist mein Zuhause". Mit den politischen Ansichten vieler ihrer Freunde aber hadert sie. Damit sie offen sprechen kann, bittet sie, weder ihren Namen noch den Namen ihrer Gemeinde zu nennen. © Anna Sauerbrey

Amy gehört zu jener grundvernünftigen politischen Mitte der Vereinigten Staaten, die kleiner zu werden scheint oder verstummt. In der Kirche sprechen sie zwar kaum über Politik. Dass ihre Freunde, der Pfarrer und seine Frau, überhaupt die meisten in der Gemeinde, für Trump sind, nimmt Amy aber an. Wenn in der Kirche oder in ihrem Freundeskreis doch einmal die Rede auf Politik kommt, schweigt sie. „Manchmal, wenn es mir zu viel wird, gehe ich einfach.“

Der Grund, warum Amy sich mit ihren Ansichten zurückhält, ist einfach: „Die Kirche ist mein Zuhause.“ In dem monumentalen Betonbau unweit einer Bundesstraße gibt es einen Indoorspielplatz, Räume für die „Small Groups“ für junge Mütter, Männer – und Geschiedene.

Die Kirche hat einen eigenen Fußballverein und einen eigenen Kindergarten. Amy singt im Chor. Einmal im Monat gibt es auch abends Kinderbetreuung, damit die Eltern ausgehen können. „Ich nehme meist einfach mal in Ruhe ein Bad“, sagt Amy. Evangelikale Kirchen versprechen mehr als eine soziale und religiöse Identität. Sie bieten Geborgenheit.

Würde Trumps Amtsenthebung einen Bürgerkrieg hervorrufen?

Würde eine Amtsenthebung Donald Trumps tatsächlich einen Bürgerkrieg hervorrufen, wie Robert Jeffress behauptet?

Höchstwahrscheinlich nicht. Selbst Jeffress hat eher einen fatalistischen Blick auf die Zukunft des weißen, christlichen Amerikas. „Was wir derzeit erleben, ist allenfalls eine Atempause“, sagt er. „Dann dreht sich die Abwärtsspirale weiter, bis zur Rückkehr Christi.“

John Killian antwortet am 27. September im Facebook-Chat auf die Frage, was er von den neuen Anschuldigungen gegen Trump hält. Er schreibt: „Offen gesagt finden das hier alle unbegründet. Die Unterstützung für ihn bleibt stark.“ Dass die freundlichen, fürsorglichen Menschen von Fayette, Alabama, deshalb in einem Bürgerkrieg zu den Waffen greifen, ist aber schwer vorstellbar.

Für Amy bedeutet die Debatte um eine Amtsenthebung sogar Hoffnung. In ihrem Freundeskreis hätten einige Leute, die sie für sehr konservativ hielt, plötzlich gesagt, sie seien dafür, erzählt sie am 28. September am Telefon. Überhaupt werde plötzlich wieder etwas offener über Politik gesprochen. „Vielleicht gibt es ja doch so etwas wie Rechenschaft. Vielleicht kommen wir doch zurück auf den richtigen Weg.“

Diese Recherche wurde durch ein „Kellen Fellowship on Global Trends“ des American Council on Germany finanziert. Auf die Auswahl der Gesprächspartner oder den Text wurde kein Einfluss genommen.

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