Der italienische Fluss Po hat einen so geringen Wasserstand erreicht, dass Fußgänger in dessen Bett sogar spazieren können. Foto: IMAGO/ZUMA Wire
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Segen für den Regen Fehlender Niederschlag in Europa hat gravierende Konsequenzen

Eric Matt

Der Po in Italien verkümmert zum Bach, in Spanien tauchen versunkene Orte wieder auf und Deutschland erlebt den sonnenreichsten März aller Zeiten.

Was passiert, wenn es nicht regnet, ist aktuell in Italien zu sehen. Der Po – der größte Fluss des Landes – mutet stellenweise einem Dorfbach an. In den vergangenen Wochen erreichte er den niedrigsten Stand im Winter seit 1972. Mancherorts kann man den sonst reißenden Fluss sogar zu Fuß überqueren. Nach deutlich mehr als 100 Tagen regnete es am Wochenende zwar wieder, das aber wird kaum ausreichen.

Die Po-Ebene, eine landwirtschaftlich besonders wichtige Region, bräuchte nennenswerte Regenfälle. Denn im vergangenen Monat gab es dort 92 Prozent weniger Niederschlag als üblich, was zur Folge hatte, dass der Wasserstand zeitweise niedriger war als im August. „Ich kann mich nicht an eine vergleichbare Winterszeit erinnern. Wir hatten seit dem 8. Dezember überhaupt keinen Regen“, erklärte ein Bürgermeister aus der Region Piemont der britischen Zeitung „The Guardian“.

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In einem anderen Dorf wurde die Wasserversorgung sogar von 20 Uhr bis acht Uhr morgens abgestellt. Dies sei die einzige Möglichkeit, um tagsüber waschen und kochen zu können. Im östlichen Teil gab der Po sogar einen seit Jahrzehnten verschollenen deutschen Wehrmachtswagen aus dem Zweiten Weltkrieg frei.

Italiener bitten Gott um Regen

Der Wassermangel in Italien erreicht nicht nur historisches Ausmaß, er führt auch dazu, dass manche Gläubige nur noch einen Ausweg sehen: Gott um Hilfe bitten. So soll es laut italienischen Medien in einigen Dörfern besondere Prozessionen gegeben haben, um den himmlischen Segen herbeizuschwören. Dies sei zuletzt vor Jahrzehnten der Fall gewesen.

Mit fehlendem Niederschlag haben auch andere europäische Länder zu kämpfen. Im Nordwesten Spaniens sorgte die Trockenheit dafür, dass das ehemals unter Wasser gelegene Geisterdorf Aceredo wieder aufgetaucht ist. Seit 1992 war es durch einen Stausee verdeckt, nun aber sind die Skelette der Häuser sichtbar und eine Attraktion für Touristen.

Das ehemalige Dorf Aceredo ist wegen des ausbleibenden Regens wieder sichtbar. Foto: Carmelo Alen/AFP Vergrößern
Das ehemalige Dorf Aceredo ist wegen des ausbleibenden Regens wieder sichtbar. © Carmelo Alen/AFP

Der vergangene März lässt sich auch hierzulande so zusammenfassen: Die Sonne lacht, die Natur leidet. Denn seit Aufzeichnungsbeginn im Jahre 1951 war kein März sonnenreicher, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) vergangene Woche bekanntgab. Durchschnittlich schien die Sonne über 235 Stunden – also theoretisch zehn Tage am Stück.

"Trockenperioden häufiger und vielleicht auch heftiger auftreten“

Betrachtet man die Statistik für die Jahre 1991 bis 2020 ist besonders der Nordosten Deutschlands betroffen: Von Mitte März bis Mitte Mai gibt es dort im Schnitt an 40 Tagen keinen Regen mehr. April, April, macht was er will? Das war einmal. Die Erkenntnis, dass es zu wenig regnet, ist aber nicht neu.

„Leider müssen wir davon ausgehen, dass Trockenperioden mit der Erderwärmung häufiger und vielleicht auch heftiger auftreten“, erklärte Tobias Fuchs vom DWD bei der Klimapressekonferenz. Vor allem die zunehmende Frühjahrstrockenheit sei ein Problem. Denn wenn die Pflanzenwelt nach der Winterszeit erwacht, benötige sie besonders viel Wasser. Wenn dieses aber nicht zur Verfügung steht, könnte das drastische Folgen für die Vegetation haben.

Acht von zehn Bäumen sind geschädigt

Besorgt zeigt sich auch der Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Mittlerweile seien in unseren Wäldern acht von zehn Bäumen geschädigt, so der Leiter für Biodiversität Till Hopf gegenüber dem Tagesspiegel. Hauptursache für Baumschäden sei dabei die Trockenheit. Die geschwächten Wälder wiederum seien anfälliger für Schädlinge und weniger standhaft gegen Stürme.

„Außerdem erhöht Trockenheit die Waldbrandgefahr und beschleunigt die Zersetzung von Bodenhumus, wodurch Treibhausgase frei werden“, erklärt Hopf. Was das bedeutet? Der Klimawandel führt zu Trockenheit und Trockenheit beschleunigt den Klimawandel – ein Teufelskreis.

Hopf warnt zudem davor, dass Starkregenfälle nach einer Trockenperiode zu Fluten führen könnten. Experten zufolge habe dies auch bei der letztjährigen Naturkatastrophe im Ahrtal eine Rolle gespielt. Denn durch den trockenen Untergrund seien die Bäume weniger stark verwurzelt gewesen und konnten somit leichter mitgerissen werden. An den herumliegenden Baumstämmen habe sich dann das Wasser gestaut, bevor es flutwellenartig die Dörfer verwüstete.

12,7 Milliarden Euro Schäden

Ausbleibender Regen wirkt sich auch auf die Tierwelt aus. So begeben sich Frösche und Kröten nicht auf ihre Frühjahrswanderung, wenn es zu trocken ist. „Dies ist gravierend, weil die Tiere in der Laichzeit auf Kleingewässer, Tümpel und Pfützen angewiesen sind“, so Hopf. Falls die Entwicklung anhalte, könne das sogar zum regionalen Artensterben führen.

Durch die geringen Niederschläge verlieren Tiere auch lebensnotwendige Trink- und Badestellen. „Wenn Pflanzen durch den fehlenden Regen vertrocknen, gibt es weniger Nahrung für die Tiere“, erklärt Kirsten Schröter vom Deutschen Forstwirtschaftsrat (DFWR) dieser Zeitung. Schröter fürchtet des Weiteren, dass die Trockenheit womöglich dazu führt, dass Waldböden Wasser nicht mehr filtern können. Die Konsequenz dessen sei eine aufwendige und kostspielige Trinkwasseraufbereitung.

Doch auch schon jetzt sorge der ausbleibende Regen für erhebliche finanzielle Schäden. „Insgesamt sind in den Trockenjahren bereits Vermögensschäden von rund 12,7 Milliarden Euro entstanden“, sagte Schröter. Trotz der alarmierenden Entwicklungen versichern Landwirte, dass die deutsche Nahrungsmittelversorgung weiterhin gewährleistet sei. Es könne jedoch vereinzelt zu geringeren Ernteerträgen kommen.

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