Happy birthday. Die Ausgabe mit Marilyn Monroe ist die erste Ausgabe der Zeitschrift vom 26. August 1956. Später kamen die Ratschläge von „Dr. Sommer dazu. Foto: dpa
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Die „Bravo“ hat Geburtstag Ist das cool oder cringe?

Das Jugendmagazin „Bravo“ wird 65, geht aber noch nicht in Rente. Selbst einen Aktbekannten gibt es noch.

„Keinen Bock auf Schule? So macht sie wieder Spaß! Battle um die Rap-Krone: Beef oder Bros – ,Bravo’ deckt die krassen Verstrickungen im Game auf. Perfekt unperfekt – warum es geil ist, Fehler zu machen.“ Schwer zu sagen, ob „Bravo“-Leser aus den 1970er Jahren mit diesen Themen des aktuellen Heftes etwas anfangen könnten.

Wohl kaum. Damals wurden Woche für Woche Starschnitte von Abba oder den Bay City Rollers herbei gesehnt. Lebensgroße Rapper hängt sich heute kein Teenie mehr ins Zimmer. Das Jugendmagazin ist in die Jahre gekommen, aber durchaus auch mit der Zeit gegangen, und wenn es am Donnerstag 65 Jahre alt wird, fragen die meisten als Erstes: Was, die „Bravo“ gibt es noch?

Ja, aber nicht mehr so oft am Kiosk. Einmal im Monat erscheint die Zeitschrift. Der Rest versucht sich als digitale Marke, die wenig mit dem zu tun hat, was am 26. August 1956 startete. Erfinder der Zeitschrift waren der Journalist Peter Boenisch und der Verleger Helmut Kindler. Die Premierenauflage betrug 30 000 Exemplare, der Verkaufspreis 50 Pfennig. Ein Meilenstein in der Branche und in der Gesellschaft, ein flotter Wachruf im 1950er-Jahre-Trott: Sextipps bei „Dr. Sommer“, „Bravo“-Preise, „Ottos“ an Maria Schell und James Dean, der erste „Bravo-Starschnitt“1959, Brigitte Bardot in Lebensgröße.

1966 holte die Zeitschrift die Beatles zur „Blitztournee“ nach Deutschland. 1969 meldete sich Aufklärer „Dr. Sommer“ erstmals zu Wort. Drei Jahre später lief die erste „Foto-Lovestory“ mit dem Titel „Birgits erste Liebe“. 1972 wurden zwei Ausgaben mit Artikeln zum Thema Selbstbefriedigung als jugendgefährdend eingestuft und indiziert.

Wissen darum gehörte zum Jugend-Kanon auf dem Schulhof. Wissen 2021 heißt eher YouTube oder Tiktok-Videos, wie es auch „Bravo“-Chefredakteurin Digital Yvonne Huckenholz aus der Bauer Media Group der dpa über die „Generation Z“, der Jugend von heute, sieht. Die „Bravo“ habe reagiert: „Jetzt stehen bei einer Marke, die einst über eine Million Print-Hefte in der Woche verkaufte, die digitalen Kanäle im Mittelpunkt.“ Es gehe immer noch darum, die Jugendlichen ernst zu nehmen und sie so zu akzeptieren, wie sie sind, und ihre Bedürfnisse dort zu bedienen, wo sie sich rumtreiben: in den digitalen Medien.

Angebot an Jüngere, die nicht den ganzen Tag am Handy hängen

Laut einer Mediennutzungsstudie der „Bravo“ haben 91 Prozent der zehn- bis 14-Jährigen ein Smartphone. Bei den über 15-Jährigen sind es 99 Prozent. Alle vier Wochen erscheint das gedruckte Magazin heutzutage – vor allem als Angebot an Jüngere, die nicht den ganzen Tag am Handy hängen.

Die Auflage derzeit: 83 000, ein Minus von 91,5 Prozent gegenüber 1998. Die „Bravo“ gehört zu den deutschen Zeitschriften mit den größten Auflagenverlusten der vergangenen Jahre. Immerhin: Auf Instagram hat die „Bravo“ nach Verlagsangaben mehr als 579 000 Follower, auf Tiktok 270 000. Junge Menschen finden Magazine nicht doof, es sei aber eben nicht ihr Massenmedium, so Huckenholz. „Tendenziell entwickelt sich Print für die junge Zielgruppe immer mehr hin zum Luxus-Objekt.“

Das reichte dann nicht mehr für den Erhalt der Münchner Zeitschriftenredaktion. Anfang 2021 wurde sie aufgelöst. Die gedruckte „Bravo“ entsteht im Kölner Redaktionsbüro. Jene sei kein Relikt aus alten Zeiten, betont die „Bravo“-Chefredakteurin Digital, und zielt vor allem auf das ab, was online stattfindet – „sondern genauso jugendlich wie am Ersterscheinungstag“. Auch Ex-Chefredakteur Alex Gernandt glaubt im dpa-Gespräch an die Zukunft der „Bravo“ als Marke.

Diese sei im Alltag immer noch sehr präsent: in Quizshows, in Dokumentationen wie bei „ZDF History“. Die Marke „Bravo“, zu der auch die „Bravo Hits“-CDs gehören, werde überleben. Ein optimistischer Ansatz: Popkultur- beziehungsweise Musikzeitschriften wie die „Spex“ haben es am Ende auch online nicht mehr geschafft.

Ob „sechs Apps, die dir beim Relaxen helfen“, „Star-Tattoos“, „Superposter“ und Flirt-Tipps von „Dr. Sommer“ (ja, den gibt es noch!) aus der aktuellen „Bravo“-Ausgabe für die Zielgruppe noch „cool“ oder doch eher „cringe“ (= „peinlich“, „unangenehm“) sind, wie man in der Generation Z sagt, sei dahingestellt.

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