Kindergärten und Schulklos sind Bakteriennester. Es sollte Standard sein, dass sich Erzieher regelmäßig die Hände waschen. Foto: dpa-tmn
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Kolumne: Der Kinderdok Schmutz härtet ab

Warum wir die strenge Desinfektionshygiene auf Risikobereiche wie Krankenhäuser und Kita-Klos beschränken sollten.

Unser Kolumnist betreibt eine Praxis in Süddeutschland, bloggt unter kinderdok.blog und berichtet in dieser Kolumne von seiner Arbeit.

Nach der Untersuchung ihrer siebenjährigen Tochter fragte mich die Mutter am Ende, ob sich beide noch die Hände desinfizieren könnten. Schließlich gebe es hier in der Praxis genug Krankheiten, vor denen man sich schützen sollte.

Ich lasse das immer zu. Warum auch nicht? Persönliche Hygiene ist etwas Wichtiges, vielleicht Essentielles im Eigenschutz. Kinderarztpraxen oder Krankenhäuser bieten reichlich Möglichkeiten zur Infektion: Unterlagen, Türklinken, Toilettenbrillen, die Hände der Mitarbeiter. Deshalb wird Hygiene in diesen Einrichtungen auch wichtig genommen. Es gibt eine Hygienebeauftragte und Schulungen zur korrekten Desinfektion. Nach jedem Patienten werden die Unterlagen gesäubert und desinfiziert, die Türklinke abgewischt.

Jede Mitarbeiterin ist verpflichtet, sich vor und nach dem Patientenkontakt in einem vorgegebenen Ritual die Hände zu desinfizieren: Dabei wird reichlich Desinfektionsmittel für mindestens drei Minuten auf den Händen verteilt und eingearbeitet, einschließlich der Handgelenke, den Fingerzwischenräumen und des Daumens. Der Daumen wird oft vergessen.

Kindergärten sind Bakteriennester

In Krankenhäusern sieht man jetzt häufiger Desinfektionsstellen, an denen sich jeder Besucher bedienen kann. Nur sollte man sich ebenso intensiv desinfizieren, wie es das medizinische Personal tun. Zwei Spritzer won’t make the deal! Das sage ich dann auch den Eltern, die sich in meiner Praxis versorgen wollen.

Kindergärten und Schulklos sind auch solche Bakteriennester. Es sollte Standard sein, dass sich Erzieher regelmäßig die Hände waschen, denn über sie wird das meiste übertragen. Pflicht ist, zum Windelwechseln bei den ganz Kleinen Handschuhe zu tragen. Die gleiche Erzieherin sollte dann übrigens nicht mit der Essenzubereitung betraut werden. Das hat einen großen Effekt auf die Seuchenverbreitung von Magen-Darm-Erregern.

Und das wars. Beschränken wir die strenge Desinfektionshygiene auf Risikobereiche. Das Abspülen des heruntergefallenen Schnullers dürfte so sinnlos sein wie das Abpusten eines abgestürzten Brezelrestes.

Feuchttücher sind nicht das Nonplusultra

Die Bauernhofthese, wonach Kinder, die im Dreck und mit Haustieren großwerden, meist gesünder sind als andere, lässt sich auch auf den Stadtalltag übertragen. Schmutz härtet ab, wie meine Omma sagte. Es gibt mehr Wasser als Dreck, ergänzte meine Mutter. Beide haben sehr gesunde Kinder großgezogen.

Übrigens kannten die beiden auch keine Feuchttücher. Da wurde ein Windelmalheur mit viel Wasser und einem Waschlappen gesäubert, auch unterwegs. Heute werden die Tücher für alles benutzt: zum Gesicht- und Händewaschen, Parkbanksäubern und Apfelpolieren. Doch die ach so hygienischen Feuchttücher, auch wenn sie noch so öko, sensitiv und allergiefrei seien, werden von mancher Babyhaut gar nicht gut vertragen. Rötungen und Risse sind Eintrittspforten für Bakterien.

Studien besagen, dass sich viele Menschen nicht die Hände waschen nach dem Geschäft auf öffentlichen Toiletten. Vielleicht sollten wir uns eher angewöhnen, nach dem Betreten des Toilettenbereiches und dem Anfassen der kontaminierten Türklinke zuerst die Hände zu schrubben, bevor wir dann selbst aufs Klo gehen. Danach selbstredend auch.

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