Marianne Birthler, die frühere Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Foto: dpa/Britta Pedersen
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Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen Birthler-Bericht belastet Hubertus Knabe schwer

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Sexismus war seit Jahren in der Stasi-Gedenkstätte Thema: Kurz vor dem Prozess zur Kündigung von Hubertus Knabe hat Marianne Birthler ihren Bericht vorgelegt.

Am Freitag verhandelt das Landgericht Berlin die einstweilige Verfügung von Hubertus Knabe gegen seine Freistellung als Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen. Egal wie das Verfahren ausgeht: Zurück könnte er selbst bei einem Sieg vorerst nicht. Nachdem der Stiftungsrat ihn vor eineinhalb Wochen als Vorstand mit sofortiger Wirkung abberufen hat, müsste er dagegen in einem neuen Verfahren klagen.

Auch sonst scheint Knabes Rückkehr nicht gewünscht – nicht nur vom Stiftungsrat, der von Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zwar nach dem Gesetz geführt wird, in dem aber auch eine Vertreterin von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und der Vizepräsident des Landtags Brandenburg, Dieter Dombrowski (CDU), sitzen.

27 Gespräche mit 36 Mitarbeitern

Auch zahlreiche Mitarbeiter der Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen können sich nicht vorstellen, wieder unter Knabe zu arbeiten. 41 Mitarbeiter, Zeitzeugen und Historiker haben sich hinter das Vorgehen des Stiftungsrates gestellt, der Knabe am 25. September gekündigt und beurlaubt hatte. Vor eineinhalb Wochen wurde Knabe endgültig abberufen.

Ihm wird vorgeworfen, nicht gegen sexuelle Belästigung durch seinen Stellvertreter eingeschritten zu sein – und dies durch seinen Führungsstil sogar befördert zu haben. In der gemeinsamen Stellungnahme der 41 freien Mitarbeiter heißt es nun über die Abberufung: „Wir halten diesen Schritt angesichts der Sachlage für notwendig.“

Und nun liegt auch der abschließende Bericht von Marianne Birthler vor. Die frühere Bundesbeauftragte für die Stasiunterlagen war nach Knabes Kündigung und Beurlaubung als Vertrauensperson eingesetzt worden. Dem Bericht zufolge hat Birthler seit Anfang Oktober „insgesamt 27 Gespräche mit 36 – zum größten Teil angestellten – Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“ geführt, alles vertraulich. Die Inhalte sind in ihrem Bericht nur anonymisiert aufgeführt.

Hubertus Knabe bei seiner Kurzzeit-Rückkehr in die Gedenkstätte Ende November. Foto: Paul Zinken/dpa
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Und natürlich ging es um Hubertus Knabe. In nur sehr wenigen Gesprächen sei das Arbeitsverhältnis zu ihm als problemlos bezeichnet worden, einige Mitarbeiter hätten seine Verdienste hervorgehoben und als Beispiele die hohen Besucherzahlen, seine Parteinahme für die Opfer und das Renommee der Gedenkstätte genannt.

Einer Mitarbeiterin wurde gesagt: "Ich hätte Sie gern als Farbtupfer"

Doch nach Birthlers Darstellung sieht das die Mehrheit der Mitarbeiter ganz anders. „Ganz überwiegend aber wurde massive Kritik am Führungsstil der Leitung, insbesondere des Direktors benannt.“ Hinter vorgehaltener Hand seien sexuelle Belästigungen seit Jahren ein Thema gewesen. Neue junge Kolleginnen seien schon lange vor Knabes Vizedirektor gewarnt worden.

Die Mitarbeiterinnen hätten jedoch keinen Mut gehabt, sich zu beschweren. „Als der Personalrat über einen Fall sexueller Belästigung informiert wurde, wurde er zugleich darum gebeten, keinen Gebrauch davon zu machen“, heißt es in Birthlers Bericht. Auch Knabe selbst wird Sexismus vorgeworfen: Einer Mitarbeiterin soll er vor dem Besuch eines Abgeordneten gesagt haben: „Ich hätte Sie gern als Farbtupfer dabei.“

Birthler kommt zu dem Schluss: „Die Tatsache, dass es sexuelle Belästigungen über lange Zeit gab, viele davon wussten, diese Vorfälle aber entweder nicht ernst nahmen oder Angst hatten, sie zur Sprache zu bringen, ist ein deutliches Indiz für erhebliche Führungsmängel und allgemein für eine mangelnde Kommunikationskultur.“

Knabe habe es nicht nur versäumt, „entschieden gegen das Fehlverhalten seines Stellvertreters vorzugehen, sondern ließ auch selbst immer wieder erkennen, dass es ihm an angemessenem Verhalten Frauen gegenüber mangelt“. In diesem Zusammenhang seien auch „Versuche der Einschüchterung und Drohungen“ festzustellen.

Die mangelnde Führungskultur habe über Jahre ein Klima des Misstrauens entstehen lassen. Eigeninitiative und Selbstvertrauen der Mitarbeiter und Führungskräfte seien beschädigt worden. Dennoch würde sich eine große Zahl sehr engagierter Mitarbeiter mit den Aufgaben der Gedenkstätte identifizieren.

Externe Berater sollen nun helfen, die Kommunikations- und Führungskultur innerhalb der Gedenkstätte zu verbessern. „Ein erster Schwerpunkt soll die Diskussion und Erarbeitung eines Präventionskonzepts zu den Themen Diskriminierung, Mobbing und sexuelle Belästigung sein“, schreibt Birthler.

Auch sonst listet sie in ihrem Bericht schwere Versäumnisse und Mängel auf. In dem fünfseitigen Bericht heißt es unter Berufung auf die befragten Mitarbeiter: „keine interne Kommunikation“, „Mangel an Wertschätzung“, „Mitarbeiter sind nur Erfüllungsgehilfen“ und seien gegängelt worden. Ihnen sei „Tagungstourismus“ vorgeworfen worden, wenn sie Fachveranstaltungen anderer Einrichtungen besuchen wollten. Zeitzeugen seien als „Attraktionspferd“ instrumentalisiert worden. Generell seien Frauenthemen unterrepräsentiert gewesen.

„Wie kann es an diesem Ort so viel Kälte und Rücksichtslosigkeit geben?“

Zwischen den als Referenten eingesetzten Zeitzeugen und der Gedenkstätte hätte es kaum Kommunikation gegeben. Zudem hätten die Mitarbeiter der Gedenkstätte unter Knabe einen Mangel an politischer Kultur attestiert: „Wie kann es an diesem Ort so viel Kälte und Rücksichtslosigkeit geben?“ Das Image der Gedenkstätte sei in Kreisen der Wissenschaft beschädigt, Knabe habe der Einrichtung seit Jahren geschadet. Er habe die Gedenkstätte „benutzt, um seine politischen Botschaften durchzudrücken“. Mitarbeiter hätten überwiegend kritisiert, dass Knabe die Gedenkstätte zu einem politischen Ort gemacht habe.

Auch die Zeitzeugen, also jene Stasiopfer, als deren oberster Anwalt sich Knabe dargestellt hat, haben dem Bericht zufolge unter ihm gelitten. Birthler zitiert aus den Gespräche: „dauerhafte Hab-Acht-Stellung wegen Unsicherheit der Perspektive“, „keine Möglichkeiten, ihre Interessen zur Sprache zu bringen und durchzusetzen“, „Leitung ist zu nichts verpflichtet“.

Das Arbeitsverhältnis war dem Bericht zufolge auch mit wirtschaftlicher Unsicherheit verbunden: „Einige Referenten leben von den Honoraren, haben aber keine verlässliche Basis für die Arbeit, zum Beispiel keinen Rahmenvertrag.“ Zum Teil sei die „Zuteilung von Führungen (…) von Wohlverhalten“ abhängig gewesen. Manche Mitarbeiter seien jedoch in Sorge, „dass die schützende Hand von Knabe fehlt, die die weitere Arbeit der Zeitzeugen verteidigt“.

Nach Knabes Beurlaubung habe große Unsicherheit geherrscht – nicht nur wegen der offenen Zukunft, sondern auch wegen der Frage, ob Knabe zurückkommt. Dies erzeuge „überwiegende Angst“. Die unklare Übergangssituation „wird teilweise als Belastung empfunden, teilweise aber auch als befreiend. Und die Mitarbeiter beschäftige die Frage, wie Knabes Versäumnisse diskutiert und trotzdem seine Verdienste gewürdigt werden können.

Die Mitarbeiter haben auch Wünsche für die Zukunft geäußert, darunter „mehr Transparenz“ und eine Stärkung des „wissenschaftlichen Profils“. Statt einsamer Entscheidungen der Leitung, „die dann durchgestellt werden“, müssten Mitarbeiter stärker beteiligt werden. Die Zahl der Besuchergruppen dürfe nicht ausufern, es dürfe „keine Fixierung auf Masse“ geben, auch ein Mindestalter für die Teilnehmer sei nötig. Zeitzeugen, die die Gruppenführungen vornehmen, müssten besser bezahlt und Volontäre besser begleitet werden. Die Zusammenarbeit mit anderen Gedenkstätten müsse gestärkt werden. Inzwischen hätten sich die Ängste gelegt, heißt es im Birthler-Bericht. „Es wird im Kollegenkreis viel und anscheinend lebhafter als früher diskutiert.“

Knabe hatte vor zwei Wochen eine einstweilige Verfügung für seine Rückkehr erwirkt und war wenige Stunden später wieder an der Gedenkstätte erschienen.  Auf Antrag von Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hatte das Landgericht die Verfügung wieder ausgesetzt. Am Freitag wird verhandelt, ob die Verfügung abgewiesen wird oder gültig bleibt.

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