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Nachruf auf Yaron Tausky Diese Angst, sich vollends zu verlieren

Therapien, Medikamente, sich selbst neu programmieren – er hat alles versucht. Doch die Leere blieb.

Eigentlich war er noch ein Kind. Ängstlich, einsam zuweilen, neugierig, verspielt, abenteuerlustig. Dann wieder war er sehr, sehr alt, lebensmüde, erschöpft von den Tragödien dieser Welt, die zu verstehen viel zu viel Kraft kostete. Darüber hat er Tagebuch geführt, jahrelang, über seine widersprüchlichen Gefühle und Sehnsüchte, ein gut leserliches Tagebuch, denn er wollte, dass es nach seinem Tod Leser findet. Er wollte, dass etwas von ihm bleibt. Die Handschrift ist meist akkurat, nach Art des Musterschülers, der er immer war, dann zuweilen streben die Buchstaben aus der Reihe, vereinzeln sich, verkümmern, fallen heraus, als wollten sie sich nicht mehr fügen.

Yaron war hochbegabt, das bemerkten die Eltern schon früh. Mit zehn Monaten summte er die Melodie der Spieldose an seinem Bett, mit zwei Jahren legte er Puzzle, die für viel ältere Kinder gedacht waren, mit sieben baute er neue Welten aus Legosteinen. Mit 14 Jahren wurde er depressiv. Er selbst hatte es schon länger gewusst, seine Freunde hatten es gespürt, aber nun gaben die Ärzte der Krankheit einen Namen, und sie gaben ihm Medikamente, die meist nicht halfen.

Er wollte nicht in Israel bleiben

Yarons Weg als brillanter Wissenschaftler schien vorgezeichnet. Er immatrikulierte sich an der Technischen Hochschule in Haifa, aber er mochte das Leben in seinem Heimatland nicht. Zu patriotisch, zu militärisch, zu betont männlich. In seiner Welt sollte es friedlicher sein. Er liebte Tiere, wollte vegan leben, viele Freunde finden in der ganzen Welt. Ihm als ingeniösem Programmierer standen ja alle Türen offen, aber einige davon schloss er sehr rasch selbst wieder. Er wollte nicht in Israel bleiben, er wollte nicht nach Amerika, weil er den „American way“ verabscheute, und so zog er in die Schweiz, wo Verwandte wohnten. Er fand einen Freund, der ihm zugleich Geliebter wurde, wanderte mit ihm Wochen und Monate in der Welt umher, Australien, Neuseeland, Indonesien, aber er kam nicht zur Ruhe gedanklich, ganz gleich, ob er zu zweit war oder allein. Was sollte aus ihm werden? Ein Helikopterpilot, das wäre er gern geworden, ein Kartograph, der all die Gegenden, die er überfliegt, für andere aufzeichnet. Ein Kalligraph des Lebens, der alles Erfahrene in Schönschrift überträgt. Dem Dasein eine verbindliche Form geben, wie es die Japaner in ihrer Kunst, in ihren Ritualen vermögen, die er so sehr bewunderte, dass er sich vorstellen konnte, auch dort zu leben, hätte er sich nur an Sushi gewöhnen können.

Er ging nach Berlin, was angesichts der Zahl der Sonnenstunden nicht wenige seiner Freunde erstaunte. Aber er liebte die Stadt, sie wurde ihm ein wenig zur Heimat, weil hier so viele Menschen aus aller Welt zusammentrafen, und das meist friedlich. Als Programmierer fand er sofort eine Anstellung, eine Wohnung, er sang im Chor, spielte Klavier und Oboe, kochte für sich und gelegentlich auch für Freunde. Aber all das lenkte auf Dauer nicht ab von dieser Leere, die er immer mehr verspürte, und die er nicht zu füllen vermochte, obwohl er alle erdenklichen Anstrengungen unternahm. Er suchte ein Gegenüber. Er fühlte sich einsam ohne einen Geliebten, aber zu einer festen Beziehung mochte er sich nicht hergeben, vielleicht aus Angst, sich vollends selbst zu verlieren. Andererseits, er mochte es ja von einer großen Menge Menschen umgeben zu sein, zuweilen, er hasste das Homeoffice, zu dem ihn Corona verdammte, denn es entband ihn von der heilsamen Pflicht, regelmäßig seine Kollegen zu treffen. Aber ständig Gespräche führen zu müssen, die sich um nichts anderes als um Alltägliches drehten, widerstrebte ihm nicht minder.

Einer, der nie die Orientierung verliert

Als Programmierer für Navigationssoftware war er versorgt und respektiert, einer, der weiß, wo es lang geht, der alles im Griff hat und nie die Orientierung verliert. Das hat er andere nie spüren lassen, sein Wissen, seine Überlegenheit, weil er sich selbst viel zu unbedeutend vorkam. In allem unzulänglich, zu klein, zu dick, zu wenig erfindungsreich, denn sonst hätte er doch längst etwas Eigenes erschaffen können, ein Spiel nach Art des magischen Theaters, das ihm in der Kindheit die schönsten Träume geschenkt hatte.

Yaron liebte „Pokémon“, diese neue Welt in der alten, wo sich die Identitäten so leicht wechseln ließen, und jede Flucht aus dem Alltag sich wie ein Abenteuer anfühlt. Aber dieses Gefühl stellte sich im Erwachsenenleben immer seltener ein. Die Aufregung, in ein anderes Universum wechseln zu dürfen, sie schwand, im Videospiel wie bei der Arbeit, die Leere verschlang alles, was einst Freude gemacht hatte.

Yaron hat sich Mühe gegeben, systematisch seine Gefühle und seinen Geisteszustand zu erforschen, er probierte jedes empfohlene Medikament, suchte therapeutische Hilfe, versuchte sich selbst neu zu programmieren. Er kaufte eine Wohnung. Dauer spüren, Permanenz erzeugen, „Frieden mit sich selbst finden.“ Er wollte nicht mehr sein größter Kritiker sein. Sich täglich an etwas erfreuen: ein Traumjournal führen, jede Woche ein neues veganes Rezept erproben, die Handschrift verbessern, am „Projekt Euler“ teilnehmen und sich wieder verstärkt mathematischen Problemen widmen. Aber, bilanzierte er bitter im Tagebuch: „Nichts ist mehr gut genug.“

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Was ihm half, wenn er mit seiner Mutter sprach: „Ich erzählte ihr von meinen Ängsten und Sorgen … allein schon ihre Stimme zu hören, gab mir ein gutes Gefühl.“ Ähnlich, wenn er seinen Vater traf, an seine Schwestern dachte.

Als sich die jüngere das Leben nahm, zog sich auch Yaron immer mehr in sich selbst zurück. War sein Gedanke ihr Gedanke gewesen, ihr Gedanke seiner: „My life a waste“? Das Leben vergeblich? Wie kann man etwas Schönes schaffen, ein einziges Mal im Leben, dem Namen Ehre machen, Yaron, was auf Hebräisch so viel heißt wie: Er wird sich freuen, er wird singen. Aber für wen? „I have to find a way.“

Es war der falsche. Vielleicht nicht für ihn, aber für seine Eltern und Freunde, und für seine Schwester. Yaron wollte der Welt unbedingt ein Geschenk machen, etwas hinterlassen, das einzigartig war und schön, ein Gedanke, eine Idee, etwas, an das sich die Menschen immer wieder froh erinnern sollten. Was er nicht begreifen wollte, oder konnte in seiner Schüchternheit, dass er selbst dieses Geschenk gewesen war.

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