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Nachruf auf Wolfgang Assmann Mehr is' nich'

Klinker mauern - "Dit kann keener so wie ick!" Der Nachruf auf einen kleinen Mann und großen Macho

Wolfgang liegt mit nacktem Oberkörper lang hingestreckt auf dem Sofa und schläft. Auf seinem Brustkorb hat sich die Katze zusammengerollt. Wolfgangs Mutter kommt ins Wohnzimmer, wirft einen Blick auf das friedliche Bild, die Katze wird wach, springt auf den Boden, und alle Friedlichkeit ist dahin. Denn an der Stelle, auf der eben noch das Tier gelegen hatte, prangt eine handtellergroße Rose. Eine mit Tinte und Nähnadel in die Haut geritzte blaue Rose.

Wolfgangs Mutter tobt. Wolfgang versucht, sie zu beruhigen. Aber sie lässt sich nicht beruhigen und beginnt, mit Bürste und Seife auf seiner Haut herumzuschrubben. Die Blume bleibt.

Immer hat er irgendeinen Flitz im Kopf, immer musste er den Halbstarken spielen. In den Ruinen rumklettern, von der Oberbaumbrücke in die Spree springen, wenn die Großen Kohlen klauen, Schmiere stehen, sich von der Polizei erwischen lassen, mit Lederjacke und Elvistolle herumstolzieren, sich auf Tanzbattles in Hinterhöfen oder im „Lido“ und anderen angesagten Schuppen zum „Kreuzberger Rock’n’Roll-König“ küren lassen, die große Klappe riskieren, sich schlagen, wenn die Worte verbraucht sind. Nachkriegszeit, Berliner Arbeitermilieu.

Er, der jüngste von drei Brüdern, der Kleine, der Freche. Sein Vater, der erst im Krieg kämpfte und dann Zigaretten auf dem Schwarzmarkt tauschte. Seine Mutter, eine emigrierte Russin mit dem vornehmen Namen Eugenie, die Akkordeon spielte, Ölbilder malte, weinende Pierrots und Flamingos im Park, diese auf der Straße verkaufte und nebenbei den Haushalt schmiss. Denn das war klar wie nichts: Die Frauen sind für die Frauenarbeit und die Männer sind fürs große Ganze zuständig. Wozu auch die sachkundige Beurteilung der Frauenmaße gehörte. Wolfgang präferierte die Schmalen, Zierlichen. Denen pfiff er hinterher, verführte sie mit seinem Witz und seinem Charme.

„Gott, ist der klein!“

Da vom Pfeifen und Verführen keiner leben kann, begann Wolfgang mit 15 eine Maurerlehre. Kräftig anpacken, das konnte er, das musste er können. Seine zarte Seite zeigte er einer jungen Frau. Die wurde schwanger, sie heirateten, 1959 kam Uwe zur Welt. Doch es war alles zu früh: Ehe, Kind, Alltag. Die Scheidung folgte drei Jahre darauf.

Einige Zeit nach der Trennung fuhr er, locker und in Lederjacke, in seinem Wagen durch die Gegend. Plötzlich ein dumpfer Aufprall. Er stieg aus, wollte dem Dussel, der da nicht richtig über die Straße gehen konnte, schon die übelsten Dinge zubrüllen, als er  Marianne sah. Sie hob den Kopf und dachte als allererstes: „Gott, ist der klein!“ Ihre Verletzungen waren nicht der Rede wert. Auf dem Hochzeitsfoto überragt er Marianne um

einige Zentimeter. Was man nicht sieht, ist die Stufe, auf der er steht. Ein Jahr darauf, 1967, kam Claudia zur Welt.

Die Aufgabenverteilung blieb so, wie er es gelernt hatte: Die Frau werkelt schön drinnen, der Mann verdient draußen das Geld. Und geackert hat er immens, im Akkord, um sich und seiner Familie ein paar Dinge zu ermöglichen, auf die er in seiner Kindheit verzichten musste. Rollschuhe für Claudia zum Beispiel. Wie sehr er sich die früher gewünscht hatte. Weiße mit knallroten Rädern aus Amerika. Claudia probierte sie an, fuhr auf dem salbeigrünen Teppich einige Runden, eher lustlos, eigentlich nur für ihren Vater, der sich freute, als sei er der Beschenkte.

Manchmal nahm er sie mit auf Tour, zeigte ihr, was er so alles gebaut hatte. Klinker mauern, das war seine Spezialität: „Kleene“, rief er, „dit kann keener so wie ick!“

Er machte sich zusammen mit einem Freund selbstständig. Der Freund brannte mit der Kohle durch, Konkurs. Er war, erzählte Wolfgang später, kurz davor, sich in seinem Mercedes vor eine Mauer zu setzen. Aber er machte eine neue Firma auf und stellte einen jungen Türken an. Berührungsängste hatte er ja sowieso keine. Während einer Reise nach Ghana lud man ihn zu einer Beerdigung ein, ein riesiges Fest, auf dem Geld für den Sarg gesammelt wurde. „So’n Quatsch“, beschied er, „ick bezahl dit!“ Und bezahlte den Sarg.

Ein Chauvi blieb er aber. Er pfiff und verführte weiterhin sehr gern. Hatte es nicht so mit dem monogamen Glück. Marianne entsprach immer weniger seinem Ideal, zu groß, zu schwer. Sie litt. Nahm noch mehr zu. Entschied aber dann, dass es so nicht weitergehen könne. Ihr Vater besaß im gediegenen Hamburger Stadtteil Othmarschen einen Tabakladen. Dort fing sie an zu arbeiten, fuhr montags hin, kam donnerstags zurück. Wolfgang fand das schrecklich, dieses vornehme Hamburger Getue. Prinzipiell bewunderte er ja eigenständige Frauen, nur eben die Eigenständigkeit seiner eigenen nicht. Andererseits konnte er so in Ruhe mit seinen Kumpels auf die Piste gehen. Oder in den Dartverein.

Mochte er auch rüpelhaft agieren, mochte er verletzend sein, sich wie ein Pascha aufführen, letztlich ließ man ihm doch alles durchgehen. Ein übermütiger Spruch, ein Zwinkern, ein versöhnlicher Satz: „Komm, Kleene, erst mal’n Kaffe trinken!“

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Und dann, als Marianne krank wurde, hat er seine ganze Zeit nur ihr gewidmet, hat sie, bis sie 2008 starb, gepflegt.

Nach Mariannes Tod zog er sich ein wenig zurück. Was keineswegs hieß, dass er vereinsamte. Er traf weiterhin eine Menge Leute. Er kam in die Jahre, aber der Halbstarke von früher steckte noch in ihm. „Komm doch mal mit schwimmen“, schlug ihm sein Bruder vor, und Wolfgang winkte ab: „Ach nee, da sind die janzen alten Frauen!“

Die Pandemie veränderte ihn. Seine Lebenslust schwand. Der Tag bestand jetzt aus Einkaufen und Fernsehen. Nicht noch eine Dokumentation über die Gefräßigkeit der Lusitanischen Wegschnecke, nicht noch ein drahtiger Typ, der vormacht, wie man auch zu Hause fit bleiben kann. Als es um seinen 80. Geburtstag ging, sagte er: „Ick will nich’ mehr. Wat ick erlebt hab’, habick erlebt. Mehr is’ nich’.“

Am 22. November ist er an einem Riss der Aorta gestorben.

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