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Warner Bergh Foto: privat
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Nachruf auf Warner Julius Bergh Steht die Kastanie noch?

In Berlin hieß er noch Werner Silberberg. Mit seinen Eltern emigrierte er nach Shanghai und später in die USA.

Er lebte schon seit 60 Jahren in den USA, da erzählte ihm ein Nachbar, dass er mit einem Deutschen im Briefkontakt stünde. Dieser Deutsche interessiere sich für Juden, die während des Krieges als Zwangsarbeiter arbeiten mussten, so wie er, der Nachbar. Er zeigte Warner die Briefe, sie waren auf Deutsch verfasst. Natürlich konnte Warner sie lesen, Lesen und Schreiben hatte er in Berlin gelernt. Sein Englisch klang nach all den Jahren in den USA auch immer noch sehr deutsch.

Warner las die Absenderadresse auf den Briefen. Freiherr-vom-Stein-Straße stand da. Die kannte er doch! Sie befindet sich in Berlin-Schöneberg am Rand des Bayerischen Viertels, Warners altem Kiez. Er schrieb nun selbst einen Brief an den Deutschen; es entstand ein Austausch über Jahre. Der Deutsche befragte Warner Julius Bergh, der einst Werner Julius Silberberg geheißen hatte, nach der Geschichte seines Lebens, und Warner befragte den Deutschen nach seiner alten Nachbarschaft. Ob die Kastanie noch auf dem kleinen Platz an der Bozener Straße steht etwa. Für einen, der die Stadt im Jahr 1938 verlassen hatte, war seine Erinnerung unglaublich dicht. Seine Seele hatte offenbar keinen schweren Schaden genommen an den Erlebnissen der Weltkriegszeit; da unterschied er sich von vielen anderen jüdischen Überlebenden.

Die Silberbergs waren eine mittelständische Familie, Werner das einzige Kind. Der Vater verdiente mit der Produktion von Gummimaterialien das Geld. Werner war acht, als die Mutter starb, der Vater heiratete eine neue Frau, die die Mutterrolle gut übernahm. In dem Jahr, in dem die Nazis an die Macht gelangten, wechselte der Zehnjährige auf das Werner-von-Siemens-Gymnasium an der Hohenstaufenstraße, dieselbe Schule, die Marcel Reich-Ranicki besuchte. Während dieser alt genug war, um in Berlin noch eine umfassende Bildung zu erlangen, gelang das Werner nicht mehr. Das liberale Gymnasium, dessen Schüler zu mehr als der Hälfte aus jüdischen Familien stammten, wurde 1935 aufgelöst. Werner besuchte ab da die Hohenzollern- Schule an der Martin-Luther-Straße. Während andere Juden bereits hart zu kämpfen hatten, sah es für die Silberbergs zunächst so aus, als ließe es sich auch unter den Nazis einigermaßen leben. Die Firma des Vaters profitierte vom wirtschaftlichen Aufschwung. Werner spielte als Verteidiger im „Jüdischen Sportclub“. Ein Berliner Turnier, den „Jüdischen Blitz“, gewann seine Mannschaft.

Der Vater im KZ

Doch es kam das Jahr 1938. Noch vor der Pogromnacht im November lernten die Silberbergs, dass es auch für sie höchste Zeit war, das Land zu verlassen. Werners Vater wurde verhaftet, vollkommen willkürlich, kam ins KZ Sachsenhausen und wurde, da hatte er großes Glück, nach zwei Monaten wieder entlassen. Er hatte 20 Kilo Gewicht verloren.

Sie wollten möglichst weit weg. Die USA ließen nur ein sehr begrenztes Flüchtlingskontingent ins Land. Schanghai war offen, Visa waren nicht erforderlich. Die Stadt wurde vom japanischen Militär kontrolliert, doch das Leben war, zunächst noch, recht frei. Es gab bereits eine große jüdische Gemeinde und sieben Synagogen. Die Silberbergs gehörten zu den 18 000 deutschen Juden, die zwischen 1938 und 1941 hierher flohen. Der Vater bekam Arbeit in einer chinesischen Gummifabrik, und auch Werner kam dort unter. Er konnte zwar noch an einer Abendschule Chemiestunden besuchen, aber an einen richtigen Schulabschluss war nicht zu denken. Aber Torwart war er, sowohl in einer Fußball- als auch einer Handballmannschaft.

Werner Silberberg etwa 1946 in Shanghai Foto: privat Vergrößern
Werner Silberberg etwa 1946 in Shanghai © privat

Die wenigsten Emigranten wollten in Schanghai bleiben; das Leben im Ghetto war hart, auch nach dem Krieg unter chinesischer Herrschaft. Werners Vater erschienen die Jobaussichten in den USA nicht sicher genug. Deshalb blieben sie noch drei Jahre in Schanghai.

Als sie schließlich doch über den Pazifik nach Amerika übersetzten, war Werner 25. Weil ein Onkel dort schon lebte, zogen sie nach Iowa im Mittleren Westen. In Des Moines, der Hauptstadt, gab es eine jüdische Gemeinde. Nicht dass die Silberbergs besonders religiös gewesen wären, aber die Gemeinschaft gab den Heimatlosen ein Gefühl der Zugehörigkeit.

Ein Job für Werner fand sich schnell. Zuerst arbeitete er in einer Maschinenfabrik, dann als Lagerarbeiter. Er war nicht besonders ausgebildet, aber sein Wille war stark und seine Konstitution stabil. Er war bereit, sich auf die neue Welt einzulassen und änderte sogar seinen Namen, aus Werner wurde Warner, aus Silberberg wurde Bergh. Bald stand er der Versandabteilung vor, und schließlich wurde er stellvertretender Geschäftsführer in verschiedenen Discountläden.

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Eine Frau suchte er aber noch in quasi heimatlichen Gefilden. Auf seine Annonce in der jüdischen Exilzeitschrift „Aufbau“ antwortete Esther Laster aus Süddeutschland. Über England und Palästina war sie in die USA gelangt und lebte in New York. Das war nicht gerade um die Ecke, also schrieben sie viele Briefe, bevor sie sich im Dezember 1956 trafen. Drei Monate darauf war Hochzeit. Die beiden Töchter, Jackie und Evie, kamen 1959 und 1961 zur Welt.

Sie waren eine amerikanischen Familie, so erinnert sich Evie. Deutsch sprachen ihre Eltern nur, wenn die Kinder es nicht verstehen sollten. Bei den Großeltern, Warners Eltern, war es anders. Die sprachen immer Deutsch; sie waren und sie blieben „Oma“ und „Opa“.

Warner betonte, dass er ein deutscher Jude sei. Kein jüdischer Deutscher. So war er auch nur einmal noch in Deutschland. Esther folgte einer Einladung für jüdische Emigranten nach München, er begleitete sie. Ende der 80er muss das gewesen sein, und sie besuchten wohl auch kurz Berlin, Warners alte Heimatstadt. Ob er zur Bozener Straße gefahren ist, um nach dem Kastanienbaum zu schauen? Evie weiß es nicht. Sie muss die Fotoalben mal durchsuchen. Die Kastanie jedenfalls, die steht noch da.

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