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Nachruf auf Ton Veerkamp „Warum betest du nicht?“ - „Weil keine Antwort kommt.“

Er wurde Jesuit, und er wurde Priester. Doch in einer geheimen Kammer seiner Seele, da wohnte die Skepsis. Und seine geheime Liebe, die wohnte in Ost-Berlin.

Über wen reden wir, wenn wir über Gott reden? Über einen alten weißen Mann mit Bart, der sich müde von seiner missratenen Schöpfung abgewandt hat? Der Gott in Tons Amsterdamer Kindheit war der mütterliche Gott, der fürsorgende. Vier Brüder. Der Vater arbeitete auf dem Bau als Stuckateur, kam viel herum, der Arbeit wegen, und weil er es zu Hause nie lange aushielt. Die Mutter kümmerte sich um die Söhne. „Auf der Baustelle durfte der Vater Kommunist sein, zu Hause regierte die Mutter, die Familie war ihre regio, sie bestimmte ihre religio“, erinnert sich Ton in seiner Autobiographie „Abschied von einem messianischen Jahrhundert. Politische Erinnerungen“.

Ton war ein magerer Junge, anderen Kindern körperlich unterlegen, aber seine starken Flüche machten Eindruck: „Hinter einer so großen und groben Schnauze konnten nur unheimliche Kräfte stecken.“ Gut, dass die anderen es selten wagten, diese Kräfte auf die Probe zu stellen. Gut, dass er selbst früh den Glauben an die eigene geistige Stärke fand.

Die Deutschen marschierten in Holland ein. Der Vater ging auf Arbeitssuche nach Frankreich, wurde interniert, nach England zum Arbeitsdienst verschifft, was für ihn ein Glück war. Für die Familie daheim bedeutete es Hunger. „In ganz Europa ging es den Müttern nicht viel anders, die Männer waren unterwegs zum Töten oder Getötet-Werden, die Frauen hielten die Familien zusammen.“ Was von Tag zu Tag schwerer fiel. Denn auch die Mutter, so gläubig sie war, wusste keine Antwort auf das allgegenwärtige Elend. Wenn Gott sich gnädig zeigte, dann allenfalls den Reichen. Die Kinder der armen Leute starben an Unterernährung, an Diphtherie. Es starben die Kinder der Ungläubigen wie der Gläubigen, was für Ton schwer zu verstehen war. Die Mutter konnte es ihm nicht erklären. „Niemand weiß, warum Gott das macht. Hier kann man das nicht begreifen, später, im Himmel. Vielleicht.“

Die Erwachsenen ließen sie in Ruhe

Ton sah, wie die Juden aus ihren Häusern geholt und auf offene Laster getrieben wurden. Von der Sammelstelle zum Bahnhof, dann nach Auschwitz und Sobibor. „Das Wort Konzentrationslager war uns bekannt – es bedeutete einen Ort, wo man hinkam, um umgebracht zu werden.“ Es gab einen Streik der Bau- und Hafenarbeiter für die Juden, auch der Vater nahm daran teil, eine der ganz wenigen Protestaktionen in den besetzen Gebieten Europas. Er wurde blutig niedergeschlagen. Von den hunderttausend Juden, die in Amsterdam gelebt hatten, kehrten nur wenige nach dem Krieg zurück. Zwar blieb die Stadt von Bomben weitgehend verschont, aber sie verlor ihre Seele, so empfand es Ton in der Rückschau als Erwachsener.

Die ersten Kriegsjahre waren für die Kinder nicht nur eine unglückliche Zeit. Die Erwachsenen ließen sie in Ruhe. Die Straße bot unendliche Möglichkeiten für Spiele der wildesten Art. Zwar wurden die Lebensmittel mit Fortdauer des Krieges immer knapper, aber die Hoffnung auf den Sieg der Alliierten wurde von Monat zu Monat größer. Das glückliche Ende schien so nah. Im Herbst 1944 wurde Holland in weiten Teilen befreit, aber die Deutschen unterbrachen die Transportwege für Lebensmittel. Der letzte Kriegswinter überbot an Grausamkeit alle vorigen. „Der Hunger fraß sich durch die Stadt. Niemand weiß genau, wie viele Menschen verhungerten, es müssen tausende gewesen sein. Das Holz für die Särge fehlte.“ Es wurde als Brennholz für die Lebenden gebraucht.

Nach dem Krieg kehrte der Vater als ein Fremder zurück. Die Eltern hatten sich auseinandergelebt, aber an Trennung war nicht zu denken, der Kinder und der Leute wegen. Ton lernte in einer katholischen Schule, die von den Jesuiten geführt wurde. Der Gott der Jesuiten war ein strenger Gott, ein kämpferischer. Einer, für den es Soldaten des Glaubens zu rekrutieren galt. Ton bestand sein Abitur und begann eine Banklehre; für ein Studium fehlte das Geld. Das erste Jahr stand er durch, dank seiner Liebe zur Literatur und zur Musik, aber weitere 40 Jahre? Leben, „nur um anderer Leute Geld hin und her zu schieben. Du kannst genauso gut ins Wasser springen.“ Oder es einem der Schulfreunde gleichtun. „Ich will Priester werden!“ Mit diesem Entschluss überraschte Ton alle, nicht zuletzt sich selbst. „Die Pfaffen haben ihn gekauft“, schimpfte der Vater, und auch die Brüder hatten wenig Sinn für den Verrat am Proletariat. Nur die Mutter war stolz.

„Das ist nicht Ton!“

Zwei Jahre Internierung im Kloster, Kontaktverbot, Berührungsverbot, die Ausbildung der Novizen war strengen Regeln unterworfen. Freundschaften waren verpönt, alle sollten sich unterschiedslos mit der gleichen geistigen Liebe begegnen. Stumme Demut. „Ein geistiger Mensch redet nicht, er schweigt und verkehrt mit Gott.“ Immerhin wurde gut gegessen und getrunken, gehungert hat Ton nie bei den Jesuiten. Aber die Exerzitien, die allen auferlegt wurden, um den innerlichen Bruch mit dem alten Leben zu vollziehen, schienen aus ihm einen neuen Menschen gemacht zu haben.

„Das ist nicht Ton!“, klagte weinend die Mutter nach einem der seltenen Besuche, aber sie irrte, denn auch wenn er sich scheinbar dem Gebot des absoluten Gehorsams fügte, so wahrte er innerlich doch Abstand. Er begriff, dass der Gott der Jesuiten ihm sein Ich rauben wollte. „Fortan gab es eine geheime Kammer in meiner Seele, dort wohnte, gut verborgen, meine Skepsis.“ Dennoch legte er das Gelübde der Armut, des Gehorsams und der Keuschheit ab. Aber insbesondere das letztere, so seine Ahnung, würde nicht lange Bestand haben.

Wie vom Orden aufgetragen, studierte Ton Philosophie, es sollte ein Ethikprofessor aus ihm werden. Darüber hinaus hatte er sich um die religiöse Anwerbung von Jugendlichen zu kümmern. Zu deren Abhärtung gegen die Versuchungen des Kommunismus wurde auf einer der Schulungsreisen die „Schandmauer“ in Berlin besichtigt. Bei einem Ausflug in den Osten der Stadt lernte er Marianne kennen, die dort als Buchhändlerin arbeitete. Im März 1965 begann ihre Brieffreundschaft, im Juli wurde er zum Priester geweiht. Eine unmögliche Liebe. Marianne hatte ihn gewarnt: „Ich bin gottlos.“ Dennoch verliebte er sich in sie, und sie kamen sich bei einem weiteren Besuch näher, „näher, als für einen römisch-katholischen Priester eigentlich vorgesehen war.“

„Dann hat man eben hin und wieder eine Freundin“

Ton wurde nach Amerika entsandt, er erhielt ein Stipendium, um in New York zu promovieren. Wie zur Probe seiner Unfähigkeit zum Zölibat führte er sich dort in der Weihnachtszeit mit einer studentischen Romanze in Versuchung. Er erlag der Versuchung kampflos und entschloss sich am 1. Januar 1967, den Orden zu verlassen und aus dem Priestertum auszutreten. Die Kirchenoberen wollten ihn zurückhalten. „Das Zölibat. – Wo liegt das Problem? Dann hat man eben hin und wieder eine Freundin“, hieß es verständnisvoll von Seiten eines Kirchenfunktionärs. Es dauerte noch eine Weile, bis er sich ganz lösen konnte.

Die Zeit war im Aufruhr. Die Scheinheiligkeit der alten Autoritäten war zu offensichtlich geworden. Die aufrichtigsten Gläubigen, so schien es auch vielen, die in der Kirche blieben, verließen den Orden. Ton ging auf die Straße, er wollte die Bibel denen nahebringen, die kaum lesen und schreiben konnten. Denn die wahre Theologie, so seine Überzeugung, wird nicht an der Universität gelehrt, „Theologie entsteht immer in der Gemeinde; ohne direkte Verbindung zu der Welt, in der die Gemeinden leben, kann Theologie an den Fakultäten nur ein Glasperlenspiel bleiben.“

Waghalsig war das zuweilen. „Urban Mission“, so hieß das Trainingsprogramm, wenn zwei angehende Priester nach Harlem geschickt wurden, ins Ghetto, nur zehn Cent und zwei Token für die Subway in der Tasche. Einen Tag und eine Nacht in einer fremden Welt. Und plötzlich fühlten sie, wie ein Schwarzer sich allein unter Weißen fühlen musste. Kein gutes Gefühl. God’s Own Country bot nicht jedem eine Heimat.

Ton flog zurück nach Europa, traf Marianne wieder, die ihm ein Urlaubsvisum in die DDR besorgt hatte. Sie fuhren an die Ostsee und verliebten sich ins Landleben. Ton begann Marx zu studieren und erklärte Marianne, was sie ohnehin längst wusste, dass es ohne Marx nicht ging. Aber mit Marx allein ging es auch nicht, wie Ton in den nächsten Jahren feststellen musste. Er wurde nicht zum Kommunisten, aber in jenen Jahren war ein westlicher Denker schon verdächtig, wenn er den Sozialismus im Allgemeinen und die DDR im Besonderen nicht in Bausch und Bogen verdammte.

Als Studentenpfarrer, der eigentlich kein Pfarrer mehr war

Ton nahm seinen Platz zwischen allen Stühlen ein. Im Herbst 1967 kehrte er nach New York zurück und hielt einen Vortrag „Dialog zwischen dem biblischen Glauben und dem Marxismus“. Im Frühjahr 1968 wurde Martin Luther King erschossen. Zwei Monate später Robert Kennedy. Der Traum von der Great Society, der großen, friedlichen Gemeinschaft aller Amerikaner war ausgeträumt. „Martin Luther King“, bilanzierte Ton bitter, „wurde durch uns alle getötet, weil wir nie wirklich an seinen Traum geglaubt haben.“ Es zog ihn zurück nach Europa, nach West-Berlin, er wollte Marianne nahe sein. Die Familienzusammenführung gestaltete sich kompliziert und wurde nur unwesentlich beschleunigt durch Mariannes Schwangerschaft. Im Februar 1972 konnte sie endlich ausreisen, ihm zuliebe tat sie es, denn sie musste viel aufgeben, ihre Freunde, ihre Verwandten, ihre Arbeit als Buchhändlerin.

Die Evangelische Studentengemeinde in West-Berlin suchte zu der Zeit einen Studentenpfarrer. Ton bekam die Stelle, als Katholik, der eigentlich kein Pfarrer mehr war. Aber er verfügte über einen entsprechenden Pfarrstempel, was ihm bei den Behördenvertretern den nötigen Respekt verschaffte, den diese den Asylsuchenden nicht immer entgegenbrachten. In vielen Ländern herrschte damals Krieg und Aufruhr. Iranische Studenten, palästinensische, indonesische, chilenische, viele Hilfesuchende kamen nach Berlin. Ton wurden so viele Geschichten zugetragen, zu grausam, sie weiterzuerzählen. Er hörte zu, er half, auch wenn es galt, die Regularien der Hilfe menschlich und nicht nur buchstabengetreu auszulegen. Was ihm die gesteigerte Aufmerksamkeit des Verfassungsschutzes wie der Stasi einbrachte.

So viele Avantgarden

Aber davon wusste er zu der Zeit nichts. Er pendelte unverdrossen zwischen dem idyllischen Falterweg im Grunewald, wo sein Wohnhaus und das Wohnheim der Studentengemeinde standen, und der Carmerstraße, wo die Dienststelle lag. Inmitten der „befreiten Zone“, zwischen Kinderläden, linken Buchhandlungen und Aktionsbüros. Was die „Struwwellotte“ für die Kleinen war, Spielzeuggeschäft und Abenteuerspielplatz der Fantasie, war die „Dicke Wirtin“ für die Großen. In der Kneipe wurde die Revolution herbeigeredet, die keiner wollte.

So viele Avantgarden der Arbeiterklasse, so wenig Arbeiter, die sich darum scherten. Der Berliner Proletarier wollte an die Adria, nicht an die Rotfront. Inmitten all der Besserwisser und Götzenanbeter, die Mao, Stalin oder Ho Chi Minh für unfehlbar erklärten, versuchte Ton zu klären, worüber überhaupt geredet wird, wenn von Ausbeutung und Klassenkampf die Rede ist. Alle miteinander ins Gespräch bringen, das war ein Anliegen, das nicht jedem seiner Vorgesetzten sofort einleuchtete. Und so musste er die Kirchenleitung von Zeit zu Zeit daran erinnern, dass der christliche Gott der Gott der Unterdrückten und Ausgegrenzten ist und nicht der weihnachtlichen Grunewalder Kirchgänger.

„Linkssein und Engstirnigkeit“ schlossen sich für Ton aus. Er konnte mit allen reden, sofern sie redeten und nicht brüllten. Denn die Verrohung der Sprache, die aus Andersdenkenden Unmenschen machte, die es niederzuschreien galt, führte geradewegs in den Terror. Ton hielt auf seine Weise dagegen. Er gründete eine Zeitschrift „Texte und Kontexte“, er schrieb Bücher, arbeitete mit am „Historisch-kritischen Wörterbuch des Marxismus“ und lud unentwegt ein, über Gott nachzudenken. Was vielen, die Trost suchten, ein Umweg schien.

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„Warum betest du nicht?“, wurde er im Interview gefragt. „Weil keine Antwort kommt.“ Gott hat sich uns entzogen. Also müssen wir lernen, anders nach ihm zu fragen. „Die Frage ist nicht: Gibt es einen Gott? Die Frage ist: Wer oder was funktioniert in einer gegebenen Gesellschaft als Gott? Gott gibt es immer, die Frage ist, was für einen Gott?“

Es herrscht ein Verlassensein, diagnostizierte Ton, das Verlassensein von einer „großen Erzählung“, welche die „Sehnsucht nach einer völlig anderen Welt“ verkörpern könnte. Wer soll sie erzählen? Die Ideologen können es nicht. Die Theologen könnten es, denn die Geschichte der Sehnsucht nach einem neuen Leben, sie wurde schon vor langer Zeit erzählt, in der Bibel. Deswegen bot Ton immer wieder an, die Bibel neu zu lesen, politisch zu lesen, als Buch der Befreiung von allem Unwesentlichen. Denn wo ist Gott, wenn nicht in der gemeinsamen Suche nach ihm? Aber es nahmen immer weniger an der Suche teil.

Ihre Zeit ist vorbei, hieß es hämisch von vielen einstigen Gegnern, und ein wenig überkam ihn die Melancholie. Nach der Pensionierung zog er aufs Land mit Marianne, erlitt einen Schlaganfall, der ihn nicht niederwarf, ebenso wenig wie die Sentimentalität. Denn seine zwei Enkel erinnerten ihn daran, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Vielleicht nicht im Paradies, aber auf Erden. Denn nur hier sind wir heimisch. Und so blieb er ein Fragender. Worüber reden wir, wenn wir über Gott reden? Über die Hoffnung, dass es ein Miteinander geben könnte, das uns von allen Göttern erlöst.

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