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Sara Bialas Foto: privat
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Nachruf auf Sara Bialas „Nehmt nicht zu ernst, was ich da singe"

Sie war im KZ. Ihre Eltern hat sie verloren. Immerhin, sie konnte über das, was war, erzählen.

Sara steht 2011 in einem schwarzen Kleid, zusammengehalten von einem glänzend-schwarzen Gürtel, in Warschau auf der Bühne. Bei ihr sind der Chansonier Karsten Troyke, der Gitarrist Jan Hammerschmidt und das Ukrainische „Trio Scho“. Sara sagt ein paar polnische Sätze in den Zuschauerraum: „Ich bin jetzt 84 Jahre alt. Und ich denke, dass ihr etwas hören werdet, was ich noch nie vor einem so feinen Publikum gesungen habe.“ Das Publikum lacht, es applaudiert. Sie spricht weiter: „Nehmt nicht zu ernst, was ich da singe oder zu singen versuche. Es ist ein kleines Liedchen. Es geht mir nicht aus dem Kopf, ich muss es immer wieder singen, auch heute noch einmal.“ Und dann singt Sara einen langsamen, traurigen Tango.

Sie singt andere Lieder, lautere, leisere, alle aus vergangenen Zeiten, den Zwanzigern, den Dreißigern, vergessene jiddische Lieder ihrer Kindheit. Lieder, die sie von ihren Eltern und im Konzentrationslager und im Lager für „Displaced Persons“ gehört hat.

Sara sitzt 2011 in einem blau gemusterten Kleid auf einem Sofa. In einem Film des Vereins „Child Survivors Deutschland“, der überlebende Kinder der Shoah zu Wort kommen lässt, erzählt sie ihre Geschichte.

Links von ihr, auf der Lehne des Sofas, kauern zwei Puppen, ein grauhaariger Mann und eine grauhaarige Frau in altmodischer Kleidung und mit kindlichen Gesichtern. Sara sagt, ganz sachlich: „Ich habe die Shoah überlebt, eine, von einer ganz großen Familie. Ich war ab 13 Jahren im KZ Groß-Rosen, meine KZ-Nummer ist 34803, bin alleine geblieben auf dieser Welt, habe Schweres durchgemacht im KZ und nach der Befreiung war die zweite Hölle, weil ich nicht wusste, dass meine Eltern ermordet wurden.“

„Jetzt geht es los mit dem Weinen.“

Zu Beginn der sechsten Minute ihres Berichtes, als sie erzählt, wie sie nach dem Krieg den Namen ihres Vaters auf einer Liste suchte, sagt sie: „Jetzt geht es los mit dem Weinen.“ Während der dreiviertelstündigen Aufnahme weint sie immer wieder, still, im Versuch, die Tränen zurückzuhalten.

Sara hieß nicht von Anfang an Sara. Sie wurde in Polen, in der Stadt Czestochowa, mit dem Namen Stefania Sliwka in eine jüdische Familie geboren. Sie hatte zwei ältere Schwestern, Esther Perla und Hadasa. Ihr Vater war Schuhmachermeister, ihre Mutter verkaufte Stoffe und Schneiderzubehör. Vormittags ging Stefania auf eine katholische Schule, nachmittags auf eine jüdische. Sie las viel, tanzte und sang und spielte lieber mit Jungen als mit Mädchen. Eines Tages wollte sie ihrer Klasse ein Glas voll mit Blutegeln zeigen. Vor der Schule aber zog ein Junge kräftig an ihren Haaren, woraufhin sie das Glas über seinem Kopf ausleerte.

Am Sonntag dem 3. September 1939 marschierten Truppen der Wehrmacht in Czestochowa ein. Am folgenden Tag, dem „Blutigen Montag“, erschossen die Soldaten etwa 1140 Menschen. Sie zündeten Synagogen, Kirchen und Häuser an, auch das Haus der Sliwkas. Die Familie kam bei Tanten unter. Am 9. April errichteten die Deutschen für die Juden ein Ghetto. Stefanias Vater beschloss, sie und seine Frau aus dem Ghetto herauszubringen, zu seiner ältesten Tochter Esther Perla, die mit ihrem Mann und ihrem Kind weit außerhalb der Stadt lebte. Die Flucht gelang. An einem Sonntag im Januar, Stefania, 13, war allein zu Hause, hämmerten zwei Deutsche gegen die Tür. Sie brüllten, Stefania verstand nicht, was. Sie wurde, zusammen mit anderen Mädchen, ohne Mantel auf die Straße getrieben, Hunde bellten. Sie weinte. Und hörte plötzlich die Stimme ihrer Mutter. Rief ihr tröstend zu: „Mama, weine nicht, wir fahren nur arbeiten, aber mich werden sie nicht nehmen.“ Das war das letzte Mal, dass Stefania ihre Mutter sah.

Man brachte sie ins Zwangsarbeiterlager Gabersdorf in der Tschechoslowakei, wo sie in Textilfabriken eingesetzt wurde. Ihr musste ein Hocker hingestellt werden, weil die Maschinen viel zu groß für sie waren.

Im März 1944 wurde das Arbeitslager zu einer Außenstelle des KZ Groß-Rosen. Die Arbeitszeit betrug jetzt zwölf Stunden, nicht mehr acht. Die Pause zehn Minuten. Dann wurden 16 Mädchen ausgesucht. Darunter Stefania, 15 Jahre alt. An ihnen wurden gynäkologische Experimente durchgeführt. Die meisten von ihnen konnten später keine Kinder bekommen. Stefania hatte Glück.

Am 6. Mai 1945 befreite die Rote Armee das Lager. Stefania änderte ihren Namen in Sara. Sollte eine überleben, hatte ihre Mutter zu ihr im Ghetto gesagt, dann solle sie, in Erinnerung an die Demütigung, diesen Namen tragen, den alle jüdischen Frauen ihrem Vornamen hinzuzufügen hatten.

Saras Schwester Hadasa wurde im Ghetto erschossen. Was mit ihrer anderen Schwester Esther Perla geschehen ist, hat sie nie erfahren. Ihre Eltern vergasten die Deutschen in Treblinka.

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Zurück in Czestochowa begegnete sie Mosche Tenenberg, der mehrere Konzentrationslager überlebt hatte. „Du hast niemanden mehr und ich auch nicht. Lass uns heiraten“, sagte er. Sie wollte nicht, und stimmte dann doch irgendwann zu. „Ich wusste nicht“, erzählte sie, „was er danach noch alles von mir will, und so haben wir uns in der Hochzeitsnacht nicht geliebt, sondern geschlagen.“

Zusammen mussten sie in ein DP-Lager in der Nähe von Freilassing. Dort wurde ihr erster Sohn Bernard geboren. 1947 gingen sie nach Paris. Sara bekam Zwillinge, einer der beiden starb.

1948 siedelten sie nach Israel über. „Israel war meine Befreiung. Ich bin vom Schiff und bekam gleich einen Ausweis und war eine Bürgerin.“

Sie engagierte sich bei den Kommunisten, sie kämpfte für Frauenrechte.

1961 fiel die Entscheidung, nach Ost-Berlin zu gehen. Warum, hat sie nie preisgegeben. Zumindest dachte sie, im besseren Deutschland angekommen zu sein. „Es war ein Fehler“, sagte sie später. Oft glaubte sie, Täter wiederzuerkennen. Immerhin, dies geschah: Sie brach ihr Schweigen. Sie erzählte, erzählte, erzählte.

Nachdem Mosche bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, lernte sie Heinz Bialas kennen, sie heirateten, hatten ein gutes Leben. Sara begann zu singen, trat auf, nahm eine Platte mit Karsten Troyke und ihren vergessenen jiddischen Liedern auf. Aber zur Ruhe kam sie nie. „Ich habe nicht mal einen Knopf von meiner Mutter.“

In dem Buch "Treffen mit Sara", 2021 im Verlag Hentrich und Hentrich erschienen, wird die Lebensgeschichte von Sara Bialas erzählt.

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