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Margit und Siegbert Cohn Foto: privat
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Nachruf auf Margit und Siegbert Cohn Sie waren doch gut!

Schlimmes haben sie durchgemacht. Aber was entschuldigt das eigentlich? Der Nachruf auf zwei Menschen und die Suche nach einem Standpunkt.

Die beiden gehörten zusammen, seit über 60 Jahren, in Israel haben sie sich kennengelernt, in Berlin sind sie gestorben, Margit im Mai 2020, Siegbert ein knappes Jahr darauf. Dass er nicht lange ohne sie sein würde, hatte er gesagt.

Zu ihnen gehört, auf eine schwierige Weise, Daniela, Margits Tochter aus der ersten Ehe. Daniela erzählt von ihrer Mutter und von Siegbert, den sie niemals Papa nannte, obwohl er es sich so gewünscht hat. Sie sagt: „Es waren gute Menschen!“ „Sie waren weltoffen, nie rassistisch.“ „Was die durchmachen mussten!“ „Sie hatten es wirklich schwer!“ Regelmäßig besucht sie sie jetzt auf dem Friedhof. Sie pflegt das Grab. Es waren doch gute Menschen!

Daniela könnte ganz anders sprechen. Manchmal spricht sie auch ganz anders über ihre Mutter und ihren Stiefvater. Sie sucht nach einem Standpunkt. Sie erzählt.

Margit, Danielas Mutter, ist in Rumänien aufgewachsen, der Sprache nach war sie Deutsche. Und sie war Jüdin, wenngleich sie an keinen Gott glaubte. Ihre Biografie, ihre Heimatlosigkeit ist geprägt von dieser Abstammung. Aus ihren frühen Jahren ist nicht viel bekannt, da sie nicht viel erzählt hat. Zu tief waren die Wunden. Aufgewachsen ist sie in Czernowitz, einer Stadt, die heute in der Ukraine liegt, ihre beste Zeit in der österreichisch-ungarischen Monarchie bis 1918 hatte und danach bis 1944 zu Rumänien gehörte. Der größte Teil der Bevölkerung war jüdisch, manche ukrainisch, manche rumänisch, manche deutsch. Deutsch sprach auch die Familie des Textilfabrikanten Nathan Gottlieb Wolf. Das war Margits Stiefvater. Vom leiblichen war nie die Rede. Auch von ihrer Mutter sprach sie kaum, das Verhältnis zu ihrer Tante war enger. Es kamen der Krieg, die Judenverfolgung, der mehr als die Hälfte der Czernowitzer zum Opfer fielen. Die Wolfs überlebten, ihr Wohlstand war dahin, sie zogen fort, irgendwohin nach Rumänien, und alles, worüber Margit später sprach, war die saftig-grüne Landschaft. Warum sie 1951 auswanderten nach Israel, wo es trocken war und heiß, darüber kann man nur spekulieren.

Ein Leben mit dem Kind? Unvorstellbar

Noch in Bukarest hatte Margit einen Mann geheiratet, Eliahu Schiller, ebenfalls ein Jude, der nur fort wollte vom Katastrophenkontinent Europa. Die beiden waren eher eine Notgemeinschaft als ein Liebespaar. Dennoch gebar Margit eine Tochter, Daniela, 1953 war das, und sie gab sie fort zu ihren Eltern, die in Tel Aviv lebten. Margit und Eliahu arbeiteten am Toten Meer in einer meteorologischen Station. Da war es unwirtlich und viel zu warm, ein Leben mit dem Kind ganz unvorstellbar. So erzählte es die Mutter später ihrer Tochter.

1957 ließen sich die Schillers scheiden, und kurz darauf lernte Margit Siegbert Cohn kennen, ihren Mann fürs Leben. Der war so anders als Eliahu, nicht traumatisiert wie dieser von Erlebnissen in Lagern, sondern lebensfroh und zuversichtlich. Dabei war der Weg, der ihn hierher, nach Israel, geführt hatte, auch alles andere als leicht gewesen.

Siegbert kam aus Berlin, einfache Verhältnisse, auch seine Eltern Juden, beide Schneider. Als die Situation in Deutschland unerträglich wurde, gelang es den Eltern, wenigstens ihn, den einzigen Sohn, hinauszuschicken. An die Situation am Bahnsteig konnte sich Siegbert bis an sein Lebensende erinnern: Der Vater, der mit dem anfahrenden Zug mitläuft, er, der 14-Jährige, der aus dem Fenster winkt. Das war im Herbst 1939, der Zweite Weltkrieg hatte schon begonnen. Bis auf Siegbert und seine Mutter hat aus dieser Familie niemand den Holocaust überlebt.

Siegbert fuhr mit der Bahn 1000 Kilometer Richtung Süden, bestieg in Triest ein Schiff, das ihn auf abenteuerlichen Wegen nach Palästina brachte. Eine Tante von ihm wohnte in Tel Aviv, allerdings so beengt, dass er auf dem Balkon schlafen musste. Bis er in einem Kibbuz unterkam, einer jener genossenschaftlichen Siedlungen, in denen sie versuchten, eine bessere Welt zu errichten.

Sie planten Anschläge auf britische Flughäfen

Doch die Welt drumherum war alles andere als gut. Den Staat Israel gab es noch nicht, die Briten hielten Palästina besetzt und schränkten die Zuwanderung jüdischer Flüchtlinge aus Europa ein. Palästinenser bekämpften jüdische Siedler. Diese wiederum unterhielten eine paramilitärische Schutztruppe, die „Hagana“. Siegbert war einer jener Jugendlichen, die die „Hagana“ für den bewaffneten Kampf ausbildete, sei es gegen die Araber, sei es gegen die Briten. Er erzählte später gern von dieser Zeit, er war 16, er schlief wenig, er war Teil einer Gemeinschaft, sie schossen in der Wüste bei Tel Aviv mit Maschinengewehren und warfen Granaten, sie beschützten ein Kinderdorf und planten Anschläge auf britische Flughäfen. Siegbert bewachte den Bungalow von David Ben-Gurion, dem Anführer der „Hagana“ und ersten Ministerpräsidenten Israels. Besonders von dessen Frau schwärmte Siegbert, weil sie so hervorragend kochen konnte. Schließlich hatte er großes Glück, als sie ihn in einen Betrieb schickten, wo feinmechanische Geräte für die Rüstung produziert wurden. Denn aus seiner Kampfabteilung kamen die meisten im ersten israelisch-arabischen Krieg 1948 ums Leben.

Er wurde Werkzeugmacher, einen Schulabschluss hatte er nicht. Was wohl ein Grund dafür war, dass er sich mit seiner ersten Frau nicht so recht wohlfühlte. Sie war Krankenschwester, weitaus gebildeter als er, er fühlte sich ihr unterlegen. Sie bekamen eine Tochter, und das Leben war hart. Er verdiente viel zu wenig. Um die Milch fürs Kind bezahlen zu können, verkaufte er sogar seine Klarinette. Musik hatte er schon lange gespielt, auch in Kapellen. Damit ließ sich das Leben versüßen, aber fürs Geld lohnte es sich kaum.

Auf Margit machte seine Musikalität einen großen Eindruck. Die frisch Geschiedene traf den Verheirateten bei einer Party in Tel Aviv, und sie verliebten sich sofort. Siegbert strahlte eine solche Lebensfreude aus, er konnte tanzen! Wie man sich die damalige Margit vorstellen darf, kann ihre Tochter nicht sagen. Doch so schwermütig und angestrengt, wie sie sie Jahre später erlebt hat, wird sie noch lange nicht gewesen sein.

Nach acht Jahren bei den Großeltern kam Daniela in einen Kibbuz. Dort wurden damals viele Kinder und Jugendliche aufgenommen, um sie zu arbeitsamen, sozialistischen Zionisten heranzubilden. Für Daniela war das eine schöne Zeit. Sie währte, bis sie 15 war und ihre unbekannte Mutter sie zu sich rief. Nach Berlin.

Keine Entschädigung

Wie Margit dorthin gekommen war? Zunächst einmal trennte sich Siegbert von seiner Frau und seiner Tochter, um mit Margit zusammen sein zu können. Bei allem Glück der frisch Verliebten blieb das Leben kompliziert und das Geld knapp. Siegbert erfuhr, dass die Deutschen inzwischen Entschädigungszahlungen für Opfer des Holocaust leisteten, und er begab sich in das Land der reumütigen Mörder. Er, dem die Flucht gelungen war, hatte überlebt, der größte Teil seiner Familie nicht. Selbstverständlich war er ein Opfer.

Die deutschen Behörden sahen das anders. Woran das lag, formale Gründe, mangelnder Zahlungswille, mindere Zahlungsfähigkeit, wer weiß. Trotzdem blieb er in Berlin. Er war doch ein Berliner! Außerdem gab es hier ein Wirtschaftswunder; daran wollte er teilhaben. Und Margit wollte bei ihm sein. Auch sie kam nach Berlin, die beiden heirateten, und sie eröffneten ein Geschäft am Hohenzollerndamm, eine Parfümerie. Margits Eltern hatten damals in Rumänien mit Parfüm gehandelt. Das Geschäft lief schleppend. Stunden standen sie im Laden, um schließlich einen Lippenstift zu verkaufen. Dann hatten sie die Idee mit den Fotoarbeiten, und die war ausgesprochen zeitgemäß. Denn wann immer die West-Berliner ihre Insel verlassen konnten, flogen sie in die Ferne, und die Ausflüge mussten bezeugt werden, je farbiger, desto besser. Und die Zeugnisse der Fluchten mussten entwickelt und zu Papier gebracht werden – was nun zum Geschäft der Cohns wurde. Sie gaben ihrem Laden einen neuen Namen. Weil „Foto Cohn“ den Deutschen womöglich zu jüdisch geklungen hätte und „Foto Siegbert“ zu martialisch, nannten sie ihn „Foto Margit“.

Eine Ungeheuerlichkeit

Nach acht Jahren in Deutschland, acht Jahren mühsamer Aufbauarbeit, wollte Margit endlich auch ihre Tochter bei sich haben. Nicht, dass sie nun nachholen wollte, was sie in der Zeit davor verpasst hatte. Davon hatte sie ja keine Ahnung – nicht allein, da sie nie in der Mutterrolle gewesen war. Sie hatte auch selbst, als Kind, nicht erlebt, wie Mütterlichkeit funktioniert. Daniela war mit 15 nun alt genug, dass man sich nicht mehr groß um sie zu kümmern brauchte. Aber auch alt genug, um in Israel, im Kibbuz eine Heimat gefunden zu haben. Sie sprach Hebräisch, an ihre Mutter hatte sie keine Erinnerung, und jetzt sollte sie zu ihr, in ein fernes, kaltes Land, in dem die Leute anders sprachen.

Doch die Entscheidung lag nicht bei ihr; Daniela zog nach Deutschland, West-Berlin. Und hatte auf einmal nicht nur eine Mutter, sondern auch einen Stiefvater. Es fiel ihr nicht leicht, in der Schule mitzuhalten; da wurde keine Rücksicht genommen auf das Mädchen, das erst mal Deutsch lernen musste. Die Eltern konnten auch nicht helfen, die standen nur im Laden. Es war eher so, dass Daniela dort, im Laden, auszuhelfen hatte.

Nach zwei Jahren kam sie auf eine andere Schule, ihr Deutsch war gut, der Unterricht machte endlich wieder Spaß, da hieß es: neun Jahre Schule sind genug, wir brauchen dich jetzt im Geschäft! Margit war seit jeher nicht in der stabilsten Verfassung, nun hatte sie, vollkommen überarbeitet, einen Zusammenbruch erlitten. Daniela also gab die Schule auf und stellte sich in den Laden, wie es die Eltern wünschten.

Und nicht nur dort sollte sie aushelfen. Der Stiefvater erbat sich auch deutlich mehr Zärtlichkeit, als statthaft war. Daniela gehorchte.

Warum so kleine Worte für eine Ungeheuerlichkeit? Weil man sich herantasten sollte an das Thema, denn es ist alles andere als abgeschlossen. Daniela hat mit wenigen darüber gesprochen, sie steckt in einer ganz und gar widersprüchlichen Gefühlswelt aus Zweifeln, Vorwürfen gegen die Eltern, gegen sich selbst, Verpflichtung gegenüber diesen Eltern, die selbst so viel Schlimmes erfahren hatten und mutmaßlich keine Ahnung davon hatten, was sie der Tochter antaten.

„Es waren doch gute Menschen!“

Siegbert wollte immer, dass sie ihn „Papa“ nennt, so wie es Töchter eben machen. Das immerhin verweigerte sie ihm.

Was kann, was soll man in einem Nachruf schreiben? Daniela überlegt. Was kann helfen, was könnte den Schmerz noch stärker entfachen? Aber er ist ja da, womöglich umso heftiger, je weniger man spricht. In der Familie wissen alle, auch Danielas erwachsene Kinder, dass Ungutes geschehen ist, obgleich nie offen darüber gesprochen wurde. Sie ahnen, wie Daniela kämpft. Sie hat sie, die Kinder, immer darum gebeten: Besucht Oma und Opa! Sie wollte, dass wenigstens sie ein gutes Verhältnis zu den alten Leuten hatten. Auch das war nicht gerade selbstverständlich, denn es waren keine Bilderbuchgroßeltern.

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weitere Texte des Autors, David Ensikat, lesen Sie hier]

Sie lebten in einer sehr eigenen, einsamen Welt. Einen großen Freundeskreis hatten sie nie, und als es Margit schlechter ging, entschied Siegbert: Wir ziehen nach Gran Canaria. Da hatten sie vorher immer Urlaub gemacht und kauften sich nun, Anfang der Achtziger, ein kleines Haus. Das Fotogeschäft war bestens gelaufen, genug Geld war da. Und Daniela führte „Foto Margit“ im Auftrag der Eltern weiter. Sie wundert sich selbst darüber: „Merkwürdig, oder? Ich habe immer gehorcht.“

Vor sechs Jahren zogen Margit und Siegbert zurück nach Berlin, weil es hier einfacher mit den Ärzten war. Dass sie heimkamen, kann man nicht sagen, was sollte schon ihre Heimat sein? Sie richteten ihre Wohnung ein wie die Wohnungen zuvor, neue Möbel, glänzende, meist schwarze Oberflächen, gut abwischbar. Spurenlos. Auf dem Sofa saßen Margits Plüschhunde. Davon gab es viele. Und es gab auch immer einen echten Hund; dem galt alle Liebe.

Wenn die Enkel sie besuchten, freuten sich die Großeltern, aber ausgesprochen herzlich ging es nicht zu. Wenn Siegbert mal ins Erzählen kam, beendete Margit das bald. Sie hielt nichts davon, in der Vergangenheit zu wühlen. Der Enkel erinnert sich, wie er mal – sehr vorsichtig – ansprach, dass nicht immer alles gut gelaufen sei zwischen ihnen und seiner Mutter. Da habe Siegbert geschwiegen, und Margit sei außer sich geraten. Er solle bloß nicht glauben, was Daniela so erzähle. Dabei hat Daniela kaum etwas erzählt. Es waren ja nur Ahnungen.

Sie sind sehr alt geworden, Margit und Siegbert Cohn. Sie hatten ein hartes Leben, sie haben hart gearbeitet. Das ist wahr, doch es gehört viel mehr zu der Geschichte, denn es gibt Menschen, die in ihr weiterleben. Daniela geht regelmäßig auf den Friedhof und pflegt das Grab der beiden, die Feldblumen, die sie im Frühjahr gesät hat, sind jetzt groß und bunt. Das war doch ihre Mutter, die dort liegt. Und Siegbert gehörte zu ihr. Es waren Menschen.

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