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Marco Reckinger Foto: Laurent Zappone
© Laurent Zappone

Nachruf auf Marco Reckinger Verrückter Superheld

In Brasilien geboren, in Luxemburg aufgewachsen, Electro-Musik und Feierlaune. Berlin war seine Stadt. Oder?

Es endet damit, dass 100 Menschen an einem kalten, nassen Januarabend auf dem Bürgersteig stehen und sich von Marco verabschieden. Es sind Nachbarn aus der Straße, Leute aus dem Neuköllner Kiez, der Späti-Besitzer. Sie können nicht fassen, dass Markus gestorben ist. Dieser schlaksige Kerl, 33 Jahre jung, mit den wuscheligen, schwarzen Haaren. Seit zwei, vielleicht drei Jahren lebte er auf der Herrfurthstraße, zuletzt in einem überdachten Eingang, eingewickelt in seinen Schlafsack, nur die Augen schauten raus.

Markus, so hatte er sich genannt. Marco war sein richtiger Name. Er führte Selbstgespräche, schimpfte mal laut, mal leise mit den Stimmen in seinem Kopf. Er trank, viel, oft und oft schon morgens. Einer von den U -8-Bahnhof-Junkies war er aber nicht. Er saß auch nie bei den anderen Trinkern. Marco war in seiner eigenen Welt.

Wenn er aber klar war, half er dem Späti-Besitzer beim Kisteneinräumen. Tanzte zu lauter Hiphop-Musik aus dessen Boxen. Grüßte die Schulkinder mit erhobenen Daumen. Hatte ein ansteckendes Lachen zu verschenken. Die Nachbarn mochten ihn. Und sie machten sich Sorgen um ihn, brachten Essen, Tee, Decken und Matratzen oder riefen, wenn sie glaubten, dass es schlecht um ihn stand, einen Rettungswagen. Doch Marco lehnte ab. Kein Krankenhaus, auch keine Notunterkunft, die ihm manchmal die Obdachlosenhelfer anboten. Zuflucht suchte er im „Syndikat“, einer linken Kneipe um die Ecke. Hier durfte er die letzten Stunden der Nacht unterschlüpfen, hatte seine Ecke, sein Kopfkissen. Im August wurde die Kneipe jedoch geräumt, seine Zuflucht war passé.

Schmerz, Liebe, Wut

Wieso ist Marco überhaupt auf der Straße gelandet? Gab es einen Zeitpunkt, an dem ihm noch zu helfen gewesen wäre? Die drei Freunde, die ihn seit seiner Kindheit in Luxemburg kennen, haben keine Antwort. Spricht man mit ihnen, hört man Schmerz, Liebe, aber auch Wut.

Da ist Max. Er war mit Marco jedes Jahr im Sommerferienlager. Marco war der Aufgedrehte, kannte alle Breakdance-Moves, konnte rappen, wusste alles über HipHop. Einmal gingen Max und Marco spazieren, zwei Stunden referierte Marco, dass man nicht nur am Ende der Zeilen reimen könne, sondern auch am Anfang oder in der Mitte. Einmal zeichneten die beiden ein Comic, in dem Marco der verrückte Superheld war. Er bekam Ritalin, um sich in der Schule besser zu konzentrieren. Wenn er es nicht nahm, raste er mit dem Snowboard die gefährlichsten Pisten runter, völlig angstfrei. Daran erinnert sich Max.

Da ist Dominique. Sie ist mit Marco in der gleichen Straße aufgewachsen, in Düdelingen, Luxemburg. Oft stand er vor ihrer Tür, fragte, ob sie rauskommen wollte, Spielen auf dem Spielplatz, Rumstromern auf dem Friedhof, Skaten im Park. „Er wollte nie allein sein, er lud mich und andere Kinder zu sich ein, am liebsten mit Übernachtung, am liebsten noch länger“, erzählt sie. Später war sein Keller der Treffpunkt. Hier hingen sie alle ab, hörten Musik oder machten selbst welche. An der Wand hing eine große Brasilienfahne.

„Ich war seine brasilianische Schwester“, sagt Dominique. Sie stammt aus Brasilien wie Marco. Seine Luxemburger Eltern adoptierten ihn, als er fünf Monate alt war. Während die weiße Dominique in Düdelingen nicht weiter auffiel, war Marco der einzige schwarze Junge, in der Straße, in der Schule, im Ferienlager. „Da war eine große Sehnsucht nach Brasilien in ihm und auch die Frage, wer seine leiblichen Eltern waren.“ Immer wieder hat er darüber gesprochen. „Eines Tages wollten wir zusammen nach Porto Alegre fahren, wo er geboren wurde.“ Sie berichtet außerdem, dass Marco große Angst vor Ärzten und Krankenhäusern hatte.

Schließlich ist da Chris aus seiner Grundschule. Als Kinder saßen sie bei Marco im Kleiderschrank und hatten den Fisher- Price-Kassettenrecorder dabei. Marco drückte die Aufnahmetaste und erzählte seine Geschichten, eine nach der anderen. Mit 18 oder 19 trafen sie sich im Café „Why not“ in Düdelingen wieder. Marco hatte inzwischen sein Abi geschmissen. Disziplin halten, ruhig dasitzen, Dinge lernen, die ihm keinen Spaß machten, war nicht so seins. Stattdessen war er nach München gegangen, um eine Ausbildung zum Toningenieur zu machen. Nun war er wieder zurück. Chris erinnert sich an den Moment des Wiedersehens genau. Wie Marco reinkam, wie sie sich umarmten und Marco atemlos losredete: ein Electro-Projekt plane er. Er brauche noch einen Partner, ob Chris nicht mitmachen wolle. Als Schlagzeuger kenne er sich doch mit Rhythmen aus. In Marcos Kellerstudio standen die Rechner, Synthesizer, Drumpads, Mikrofone. Marco zeigte ihm in drei, vier Stunden, wie das alles funktionierte, wie man einen Beat baut, wie man die Melodie dazu einspielt und alles zusammenmischt. „Marco hatte so eine Magie, man hatte Bock, mit ihm was auf die Beine zu stellen.“

"CRCKSN" - Sohn des Crack

„Cristal and Crack“ nannten sie sich. Sie brachten eine EP raus, traten in Clubs und auf Konzerten auf. Marco mit dem Mikro mitten zwischen den Leuten, die ausrasteten. Ihre Art des „Live Electro“, nicht einfach nur auflegen, sondern die Musik live entstehen zu lassen, gab es so noch nicht in Luxemburg. Zeitungsartikel, Musikvideo, ihren größten Auftritt hatten sie vor 3000 Leuten. Irgendwann in dieser Zeit ließ Marco sich ein Tattoo stechen, groß auf den Arm. Es ist das Konterfei des Schauspielers Thierry van Werveke. Eine Legende in Luxemburg, auch wegen des Alkohols, der Drogen und Exzesse. Er ist mit 50 gestorben.

Marco wollte in die Welt, nach Paris, nach Berlin. Vor allem nach Berlin: Elektro-Mekka, wo die Nächte nicht aufhörten, wo er und seine Musik gebraucht wurden. So dachte er jedenfalls. Sein Soloprojekt nannte er „CRCKSN“, wie Crackson, wie Sohn des Crack. Am 13. November 2011 war er das erste Mal in Berlin. Rief Max an, der schon in Neukölln in einer WG wohnte. Ob er bei ihm schlafen könne, nur ein paar Tage, nur eine Matratze in der Ecke.

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Drei, vier Monate bleibt er. Völlig berauscht von Berlin. Feiern hoch drei. Neue Freunde! Neue Clubs! Eine Flasche Whisky am Tag – kann schon mal vorkommen. Er macht ein Praktikum in einem Tonstudio, alles läuft super, so erzählt er es Max. Ein paar Jahre später trifft Max die Studiobesitzerin: Nein, Marco war nur einmal da, dann nie wieder. Schade, sie fand ihn sehr nett und talentiert.

Auch Dominique ist in Berlin. Immer wieder schlägt Marco bei ihr auf, sieht fertig aus, übernächtigt, dann steckt sie ihn in die Badewanne, macht ihm eine Suppe, hört ihm zu, wie er über seine Musik berichtet. Sie sagt, dass sie bald nach Brasilien geht. „Ich komme dich besuchen“, sagt Marco. Und baut weiter an seinen Tracks, spielt mal in München, in Berlin, in Luxemburg, so steht es auf seinem Facebook-Account. Aber ist das auch wahr? Freunde werden unsicher. Erzählungen, Daten, Ereignisse stimmen nicht überein. Sie reden mit ihm, wollen ihm helfen, bitten ihn, zurück nach Luxemburg zu kommen. Einmal klappt es.

Heimkehr. Entzug. Ein Neuanfang? Eher nicht. Marco muss zurück nach Berlin. Es ist wie ein Zwang, ein Sog. Entgrenzt in der grenzenlosen Stadt. 2016, 2017, 2018, die Spuren verlieren sich. Marco postet wirre Videos auf Facebook. Er spricht von Verfolgung. Er sei ein Rockefeller. Er erklärt sich für tot. Einmal geht er noch in ein Berliner Krankenhaus auf Entzug, doch nach ein paar Tagen ist er wieder raus. Chris kommt nach Berlin, um ihn noch einmal zu suchen. Max trifft ihn zufällig am U-Bahnhof Boddinstraße. „Es hat mir so wehgetan, meinen Freund so zu sehen.“ Im Schillerkiez lebt Marco jetzt auf der Straße, wie auch immer er dahin gekommen ist, was auch immer aus seiner Musik geworden ist. Hilfe will er keine. „Ich mache genau das, was ich machen will“, sagt er zu Max.

In Luxemburg soll Marco nun beerdigt werden. Seine Freunde, seine Eltern warten auf die Urne.

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