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Karl-Heinz Gustav Müller Foto: Saied Sharifi
© Saied Sharifi

Nachruf auf Karl-Heinz Gustav Müller Und er an der Theke, von früh bis spät

"Harry" hieß sein Imbiss an der Yorckstraße. Säckeweise hat er das Geld da rausgetragen.

Er muss etwas über 50 Jahre alt gewesen sein, als er sie kennen lernte. Karin war 25 und arbeitete als Putzkraft in dem Wohnhaus, in dem sich die Bülowkneipe befindet. Er war Hauswart, Verwalter und Techniker und wohnte in der Einzimmerwohnung über der Kneipe. Interesse an ihr hatte er nicht, sein Leben war voll genug. So viele Frauengeschichten schon gehabt, zwei gescheiterte Ehen, zwei Kinder, die nichts mehr von ihm wissen wollten. Karin war verheiratet, ein Sohn. Vor allem war sie viel zu jung. Doch eines Tages brachte er ihr Skat bei. Da kam ihr Mann in die Kneipe, baute sich vor ihr auf und verpasste ihr eine Ohrfeige. Heinz verpasste ihm einen Kinnhaken. Die Polizei eskortierte den Ehemann hinaus, und zwischen Heinz und Karin gab es von nun an eine Verbindung. Irgendwann sagte Heinz: „Wenn du dich von ihm trennen willst, ich stehe hinter dir.“

Heinz war das einzige Kind, sein Vater war Ingenieur, seine Mutter Hausfrau. Gleich um die Ecke vom Ku’damm wohnten sie. Er hatte ein Kinderzimmer und ein Schlafzimmer, Rollschuhfahren lernte er auf dem langen Flur. Einmal ging seine Mutter mit ihm auf den Spielplatz, er wollte unbedingt alle seine Buddelsachen mitnehmen. Als er sie nicht wieder zurücktragen wollte, schmiss sie sie in den Landwehrkanal. „Das sollte mir eine Lehre sein.“

Eine Backpfeife für Goebbels

Und es passte zu seiner Mutter, die Goebbels eine Backpfeife verpasst haben soll. Die Familienlegende besagt, dass sie und der Vater sich 1930 „Im Westen nichts Neues“ im Kino anschauten, als auf einmal SA-Männer und Joseph Goebbels in den Saal marschierten. Der soll sie am Arm gepackt und zu ihr gesagt haben: „So ein Film geziemt sich nicht für eine deutsche Frau.“ Zack, hatte er die Schelle im Gesicht. Und dann rannten Vater und Mutter, so schnell sie konnten.

Ein andermal waren sie bei der Oma auf dem Bauernhof. Heinz verschwand, die Erwachsenen suchten ihn. Er saß spielend in der Hundehütte, zusammen mit dem Hofhund. Hunde liebten Heinz, auch später. Sie legten sich vor ihm auf den Rücken und wollten von ihm gestreichelt werden.

1943 legten die britischen Flugzeuge einen ihrer ersten großen Bombenteppiche über Berlin. Mutter und Sohn saßen im Bunker und zitterten; der Vater war früh gestorben. Dann rummste es, sie waren verschüttet. Mühsam kletterten sie von Keller zu Keller und standen schließlich vor den Trümmern, „von jetzt auf gleich arm“. Sie fanden eine neue Wohnung, er und sein Mütterchen, wie er sie immer nannte. Als die Front sich näherte, flohen sie zu Verwandten aufs Land.

Sowjetische Besatzungszone, DDR, Abitur und Ausbildung zum Fernmeldetechniker. Heinz legte Telefonleitungen zwischen Ost- und West-Berlin, ein Grenzsoldat bewachte ihn. Am 17. Juni 1953 lief er ganz vorne mit und hatte einen Heidenspaß, die SED-Parteibüros zu zerlegen. Danach musste er sich in den Westen absetzen. Sein Mütterchen kam ein paar Jahre später nach.

Ärger mit der Polizei

Er heiratete das erste Mal, bekam eine Tochter. Und er trank, rauchte, schlemmte und liebte andere Frauen. Er heiratete ein zweites Mal, bekam einen Sohn, wieder dasselbe. Außerdem hatte er drei Imbisse am Laufen. Zwischenzeitlich gab es Ärger mit der Polizei, weil ihm eine Geliebte unterstellte, Lieferautos unterschlagen zu haben. Er meinte, dass das seine Autos gewesen seien, die er bar bezahlt habe, nur halt ohne Papierkram. Der Staatsanwalt sah das anders, weshalb Heinz ihm eine Backpfeife gab. Das kostete eine Menge Geld und ein paar Wochen Gefängnis.

Nun also, viele Jahre später, Karin, mit der er so wunderbar lachen konnte. Sie zogen in eine Dachgeschosswohnung in der Bülowstraße. Sie brachte ihren Sohn mit, zusammen bekamen sie noch eine Tochter und einen Sohn. Er nannte sie „mein blondes Engelein“, machte ihr jeden Morgen Frühstück. Wenn sie stritten, wurde es laut, dann knallten die Türen, und sie rannte auf den Ku’damm. Dann ging er sie suchen. Karin gab ihm das Gefühl, endlich angekommen zu sein. Silvester, sie wollten zu einer Party. Sie hatte keine Handtasche dabei, er ging in einen Laden und kaufte ihr eine. Eine goldene.

1988 übernahm er ein runtergekommenes kleines Gebäude an der Yorckstraße, da wo es runter geht zur U7. Er machte das Dach, legte die Elektrik, baute eine Toilette ein. Abend für Abend, alles selbst, bis sein Imbiss fertig war. „Harry“ nannte er ihn, Pommes, Würstchen, Suppe, Schnitzel, Kaffee und Bier. Und Heinz an der Theke, von früh bis spät. Doch es lohnte sich: „Säckeweise“ habe er die Scheine rausgetragen, besonders nachdem die Mauer weg war. Die Schreckschusspistole immer dabei, falls ihm jemand dumm kam. Für seine Tochter war der Imbiss ein Paradies. Nach der Schule war sie da, durfte sich Cheeseburger machen, Langnese-Eis essen und lernte auf dem Bürgersteig vor dem Imbiss Rad fahren. Der Sohn hatte seine Schwierigkeiten mit dem Vater. Immer verglich der ihn mit der Schwester, die besser in der Schule war. Sonntags war der Imbiss zu, denn da war Familienausflug mit Kuchen am Schluss.

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Heinz liebte den Stress. Immer tausend Dinge gleichzeitig. Für ein paar Jahre betrieb er noch eine Kneipe in Neukölln. Erst mit Anfang 70 hatte er genug von der Hektik und verpachtete den Imbiss. 2008 heiratete er Karin. Zur Sicherheit, weil es ihm schlecht ging. Doch 2010 bekam sie Krebs. Acht Monate dauerte es. Er an ihrer Seite. Für ihren letzten Geburtstag organisierte er einen Rollstuhl, um mit ihr über den Gendarmenmarkt zu spazieren und sich noch mit Freunden zu treffen.

Er beerdigte sie auf dem Alten St. Matthäus Kirchhof an der Yorckstaße und kaufte für sich gleich eine Grabstelle dazu. „Da gehören wir hin!“ Doch noch war es nicht soweit. Ein Schrebergarten brachte ihm neue Kraft. Säen, pflanzen, gießen, auf der Hollywoodschaukel sitzen und in die Luft schauen. Er achtete jetzt auch auf seinen Atem, wurde immer ruhiger und verstand sich schließlich auch mit seinem Sohn wieder besser. Manchmal, wenn er ihn so betrachtete, sah er sich in ihm, wie er früher war. Auch eine neue Lebensgefährtin begleitete ihn in den letzten Jahren. Herbst 2021, er aß mit seiner Tochter Kuchen an der Yorckstraße. Zum Abschied drückten sie sich, und er stieg in den Bus. Dann kam der Herzinfarkt, und nun liegt er neben Karin auf dem Friedhof an der Yorckstraße, da wo sie hingehören.

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