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Nachruf auf Karl-August Wörner (Geb. 1948) Zu viele Regeln

Er ließ sich die Dinge nicht gern aus der Hand nehmen. Wer waren denn etwa diese Prüfer, die entschieden, wer gut genug war und wer nicht?

Ute und August, das passte. Vor allem, weil sich beide äußerst ungern an das hielten, was vorgeschrieben war. Wenn Ute vor einem Schild stünde, auf dem ein Pfeil nach rechts zeigt, würde sie nach links gehen. Wenn August vor diesem Schild stünde, würde er umdrehen, zurücklaufen und lauthals über das Schild schimpfen. Als sie sich endlich fanden – per Annonce in der Zeitung –, waren sie knapp 40.

August hatte seine Mutter gepflegt. Ute hatte drei Töchter großgezogen. Er hatte sein Kunststudium abgebrochen. Sie war Tierärztin geworden mit eigener Praxis. Er war nicht besonders talentiert im Glücklichsein. Sie war verletzlich, konnte es aber nicht zeigen. Bei ihm war das ähnlich. Dennoch, oder trotzdem, wer weiß das schon, waren August und Ute ineinander verliebt. Richtig schön anzusehen, erinnert sich eine Tochter, wie verwandelt, so fröhlich, die große Liebe. Weniger schön war dann das Zusammenleben. Regelrecht nervenaufreibend, weil August laut und grantig sein konnte, wenn ihm was nicht passte.

Seine Mutter war nach Bremen geflohen. Sein Vater lebte schon dort. Im Zug sahen sie sich das erste Mal und verliebten sich sofort. Er war da schon über 60, sie 46. Als der Vater starb, war August noch so klein, dass er sich kaum an ihn erinnern konnte. Die Mutter brach zusammen, musste behandelt werden und konnte sich nicht mehr um August kümmern. Rumgereicht wurde der Junge, von einer Pflegefamilie in die nächste. Trösten, in den Arm nehmen – darum ging es nicht. Satt und sauber sollte der Junge sein, mehr war nicht drin. Erst nach mehr als einem Jahr konnte er zu seiner Mutter zurück.

Stand eine Klassenfahrt an, blieb er lieber zu Hause, zu viele Leute, zu wenig Privatsphäre. Dafür zeichnete er, Skizze um Skizze, in Schulheften und Malblöcken. Die Mauer zum Beispiel, mit Stacheldraht, Türmen und Soldaten. So verarbeitete er seine Gedanken, seine Sicht auf die Welt. Auf Partys ging er nicht, viel zu viele Leute waren da. Hatte er aber jemand gefunden, den er mochte, dem er vertrauen konnte, war er treu, teils über Jahrzehnte.

Zu viele Menschen, die sagten, was zu tun war

Die Schule brach er ab. Zu viele Regeln und zu viele Menschen, die sagten, was zu tun war. Kunst studieren konnte er trotzdem. Jahrelang mühte er sich, vergrößerte sein Wissen, verfeinerte sein Können. Er war gut, aber nach eigenen Maßstäben nicht gut genug. Vielleicht wollte er auch keine Prüfungen absolvieren. Jegliche Prüfung empfand er als Zumutung. Wer waren denn diese Prüfer, dass sie die Macht hatten, zu entscheiden, wer gut genug war und wer nicht? Er packte all seine Bilder, all seine Malsachen und brachte sie auf Deponie. Weg damit.

August arbeitete nun als Kulissenrangierer im Bremer Theater. Im Publikum saßen die Bürgerlichen und schauten sich das revolutionäre Kunsttreiben aus sicherer Entfernung an. August stand hinter der Bühne und war mittendrin. Er war durchaus politisch und lehnte alles ab, was nach Autorität und Bevormundung roch. Nach den Theateraufführungen gingen sie noch in die Kneipe, die Techniker, die Künstler, August immer dabei. Das waren gute Zeiten. Er fand eine Freundin, zog mit ihr und seiner Mutter in eine gemeinsame Wohnung.

Als die Mutter krank wurde, pflegte er sie. Als sie starb, gab es keinen Grund mehr für ihn am Leben zu bleiben. Er schluckte Tabletten. Doch er wachte wieder auf und musste sich der Frage stellen, was er nun mit seinem Leben anfangen sollte? Er wurde Altenpfleger. Sich um andere kümmern, sie pflegen, ihnen zuhören, darin ging er auf. Dass er keine Ausbildung hatte und auch nicht vorhatte, eine zu machen, war nicht schlimm, das Pflegeheim nahm ihn trotzdem.

Ende der 70er muss es gewesen sein, als er in die USA flog, sich ein Auto mietete und eine große Küstentour machte. Überhaupt liebte er es, mit dem Auto unterwegs zu sein, immer wieder setzte er sich einfach hinters Lenkrad, fuhr und fuhr und stieg erst in einer anderen Stadt, in einem anderen Land wieder aus. Einen uralten Peugeot 402 hatte er, Baujahr 1935 bis 1942, in Dunkelgrün mit Ledersitzen. Damit fuhr er auf Oldtimer-Treffen und suchte in ganz Europa nach Ersatzteilen.

Dann Ute, die große Liebe, die Heirat. Sie war es, die ihm den Grund zum Leben wiedergab. Ihre erste Reise ging nach Venedig. Er, sie und ihre beiden riesigen Hunde, eine Dogge, ein Rottweiler. Von nun an arbeitete August in ihrer Tierarzt-Praxis, übernahm den Telefondienst und half, wo immer sie ihn brauchte. Als ihre Mutter krank wurde, pflegte er auch sie. Als die Mutter starb, war er an ihrer Seite.

Die guten Zeiten, die die beiden hatten, waren stärker, als die Streitereien. Ihr gemeinsamer Wunsch, nach Berlin zu ziehen, wurde immer größer. Sie mieteten sich eine winzige Wohnung in der Großbeerenstraße, um die Großstadt immer mal wieder zu testen. Galerien und Museen, Ausstellungen und Konzerte: August begeisterte Ute für die moderne Kunst. Abends saßen sie im „Bermuda-Dreieck“ in Kreuzberg. Alles schien bereit für Berlin.

Da bekam Ute den Krebs. Nur noch ein, zwei Jahre hätte sie, sagte der Arzt. Da entschieden die beiden, dass sie jetzt, sofort umziehen mussten. 2005 war das. Zwei Jahre blieben ihnen, um Berlin gemeinsam zu erleben. Als es beschwerlicher wurde, pflegte August auch Ute. Auf ihre Traueranzeige schrieb er: „Du warst das Beste in meinem Leben.“ Jede Woche besuchte er ihr Grab, das auch seins werden sollte.

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Da stand er nun, dieser große Mann, mit dem Vollbart, den langen Haaren, der schwarzen Hose, dem langen schwarzen Ledermantel, dem Totenkopfgürtel und der riesigen Dogge. Allein ging er ins „Bermuda-Dreieck“, allein erkundete er die Galerien, studierte die Tageszeitungen, sog die Kultur auf. Eintrittskarten, Kataloge, Zeitungsausschnitte trug er nach Hause. Er kaufte sich einen Berlin-Stadtführer von 1920 und ging auf die Suche nach den Überbleibseln.

August hatte Freunde und Bekannte in seinen Kreuzberger-Stammkneipen und half bei der Gründung eines Kiez-Vereins. Sie mochten seine Ruhe beim Zuhören, sie fürchteten seine grantige Motzerei, wenn ihm was nicht passte. Rauchen zum Beispiel, das hasste er, und das ließ er jeden Raucher, der sich ihm näherte, wissen.

Dann kam Corona und all das, was ihn am Leben hielt, ging nicht mehr. Außerdem hasste er diese Maske und am allermeisten, dass schon wieder jemand bestimmte, was er zu tun und zu lassen hatte. Im Mai bekam er Fieber. Es war eine Blinddarmentzündung. Doch ins Krankenhaus wollte er nicht. Dort hätte er nun wirklich alles aus der Hand geben müssen. Nicht mit ihm!

Zu seiner Beerdigung legten Utes Töchter einen Kranz auf sein Grab. Darauf stand: „Du warst halt so.“

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