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Joshua Baganz Foto: privat
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Nachruf auf Joshua Baganz Untragbar, weil zu schwer

Held mit Superkraft, Botaniker, Science-Fiction-Autor – er war schon vieles und hätte noch viel mehr werden können. Viele Fragen. Keine Antwort.

Für Joshua kam jedes Jahr der Weihnachtsmann. „Ich glaube an ihn, andere nicht, das ist in Ordnung“ Bis er das Weihnachtsmannkostüm fand. Zwölf war er da und stinksauer. Sein Vater Rico erklärte ihm das Schauspiel. Joshua beruhigte sich und versprach, für seinen kleinen Bruder mitzuspielen. Bis dieser alt genug sein würde, die Wahrheit zu erfahren. Das würde dann aber er, Joshua, übernehmen. So war es abgemacht.

Vier Generationen sitzen am Tisch. Die Urgroßeltern, die Großeltern, die Eltern, der kleine Bruder. Die Erzählungen holen Joshua zurück, für ein paar Augenblicke. Wie er auf die Welt kam, 55 Zentimeter groß, vier Kilo und zehn Gramm schwer, um 22 Uhr 35. Im Radio der Geburtsstation lief „I don’t want to miss a thing“ von Aerosmith. Noch bevor das Lied zu Ende war, schrie Joshua das erste Mal.

Rico war 23 Jahre alt, Adina 19. Sie kannten sich aus dem Kampfsportkurs, er gab ihr Nachhilfe fürs Abi, das eine kam zum anderen, und schon war Joshua da. Was für ein Glück. Auch wenn es nicht leicht war, Studium, Kind und Geldverdienen unter einen Hut zu bekommen.

Adina erzählt, wie Joshua das Krabbeln einfach ausließ und stattdessen auf dem Po überall hinrutschte. Einmal rutschte er ein Mädchen um, das erschrak und weinte, und er umarmte sie. Als er die Mundspülung seiner Mutter ausgetrunken hatte und der Arzt im Krankenhaus ihn fragte, wer er sei, sagte er schuldbewusst: „Ich bin der ganz kleine Joshua.“

Da waren die Urgroßeltern und die Großeltern, die Joshua von der Kita abholten, mit ihm in den Zoo gingen und zur Krummen Lanke fuhren. Abends durfte er im Oma-Bett einschlafen. Zum Muttertag hatte er ein Geschenk vergessen. In seiner Not nahm er einen riesigen Speckstein, schliff ihn glatt, bohrte ein Loch rein, fädelte eine Schnur durch. Untragbar, weil zu schwer, aber von Herzen.

„Darf ich mich vorstellen...“

Joshua drückte sich gewählt aus. Der Putzfrau bei den Urgroßeltern gab er die Hand. „Darf ich mich vorstellen, mein Name ist Joshua Baganz.“ Bei der Nachbarin klingelte er: „Guten Tag, Frau Ambrosi, ich wollte wissen, wie es Ihnen geht und der Katze?“ Sobald er lesen konnte, verschlang er ein Buch nach dem anderen. Er wusste viel und ließ andere daran teilhaben. Außerdem sagte er, was er dachte, wenn er etwas oder jemanden mochte – oder nicht mochte. In der Schule kam das nicht nur gut an.

Joshua wurde geärgert, ziemlich fies sogar. Zum Glück kam Jason in die Klasse, der war groß und stark. Alle wollten mit ihm befreundet sein, und er entschied sich für Joshua. „Ich fand es unfair, dass er gemobbt wurde. Wir sind durch dick und dünn gegangen, waren immer ehrlich miteinander“, schreibt er per Whatsapp.

Helden mit Superkräften waren die beiden. Stöcke wurden zu Laserschwertern. Trotzdem gab es immer mal wieder Ärger. Joshua versuchte zu deeskalieren, und wenn das nicht klappte, prügelte sich Jason: „Wir gegen den Rest der Welt. Er war die Intelligenz und ich die Kraft.“ Joshuas Eltern bekamen den Ärger mit und sorgten dafür, dass er nicht mehr in den Schulhort ging, sondern in eine Tagesgruppe mit spezieller Betreuung. Von da an wurde es besser.

Joshua liebte Pflanzen. Sein Zimmer war ein botanischer Garten. Sogar ein spezielles Anzuchtlicht hatte er sich angeschafft. Aus einem Rosensamen zog er behutsam ein Pflänzchen, das er Zackenblättchen nannte. Und Joshua kochte: freitags in einem Kochkurs vom Jugendclub und zu Hause sowieso, am liebsten Überbackenes im Ofen.

Sein Traumberuf: Schriftsteller. Er hatte so viele Ideen, gefiel ihm eine, setzte er sich an den Computer und schrieb. Es ging um Kinder, die durch Dimensionsportale in andere Welten traten, um Raumschiffe, die in die Tiefen des Weltalls vordrangen, auf Rettungsmission. Joshua träumte und träumte, bis er selbst Teil dieser Welten wurde. Dann malte er Skizzen, wie seine Helden und die Welten aussehen könnten.

Stunde um Stunde verbrachte er allein in seinem Zimmer. Er schien das zu können, schien mit sich und seinen Projekten zufrieden. Manchmal fragte ihn seine Mutter, ob er nicht mal rauswolle, um die Häuser ziehen, wie die anderen Jugendlichen. Joshua schüttelte den Kopf. Manchmal konnte er auch wütend werden. Wie Godzilla, der auf Tokio losgelassen wird, sagt sein Vater. Dann steigerte er sich in etwas rein. Schwer war es, ihn aus seinem Film wieder rauszuholen.

Nachdem die Eltern sich getrennt hatten, ging Joshua jedes zweite Wochenende zu seinem Vater und dessen Partnerin. Dort wartete sein kleiner Bruder auf ihn, sie spielten, schauten sich Kinderfilme an. Mit seiner Mutter ging er Bubble-Tea trinken, immer die verrücktesten Geschmackskombinationen.

Siebte Klasse noch auf der Gemeinschaftsschule, die achte Klasse schon auf dem Gymnasium. Joshua hatte gute Noten, Mathe lag ihm, da kam er oft auf ganz eigene Lösungswege. Beim Taschenrechner fand er heraus, wie er damit Wörter schreiben konnte. Wenn er sich meldete und seinen Gedanken freien Lauf ließ, durfte ihn niemand unterbrechen: „Jetzt rede ich!“ Oft war er aufgedreht und hibbelig, redete viel und wirkte glücklich, dann wieder war er still und schweigsam. So richtig ließ er niemanden an sich heran, und so richtig kannte ihn auch niemand. Außer Kristina. Wie Jason in der Grundschulzeit war sie sein Rückhalt auf dem Gymnasium.

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Sie schreibt: „Es fällt mir schwer, in der Vergangenheitsform über Joshua zu sprechen. Er ist mein allerbester Freund. Wir haben uns in der 8. Klasse, am ersten Schultag, kennengelernt. Joshua saß auf einer Bank, ich ging auf ihn zu und habe ihn nach seinem Namen gefragt … Wir lesen gerne Bücher, hören die gleiche Musik und züchten Pflanzen. Unser Lieblingslied ist ,Nuvole Bianche‘ von Ludovico Einaudi. Wir kamen zu spät zum Unterricht, weil wir viel Zeit im Musikraum verbrachten, in dem er mich immer wieder bat, Klavier zu spielen. Im Theaterunterricht spielten wir ‚Die Schöne und das Biest‘, Joshua hatte die Rolle des grummeligen Zwergs. Wir haben alles zusammen gemacht: Präsentationen, Projekte, Hausaufgaben. Wir wollten auch unsere Präsentationsprüfung in Psychologie in der 12. Klasse gemeinsam ablegen. Er schenkte mir den Spross eines Zitronenbaums, den er gezüchtet hatte. Ich kümmere mich um ihn sehr gut.“

Mit seinem Vater ging er noch auf eine Jobmesse. Robotik und Prothesenbau fand er spannend. Das könnte etwas für ihn sein, wenn das mit den Büchern nicht klappt. Dann rief die Schule an, Joshua sei zwei Wochen nicht mehr da gewesen. Der Mutter sagte er, er habe ein paar Kurse verpasst, sich dann geschämt und sich nicht getraut, wieder aufzutauchen. Jetzt gehe er aber wieder hin. Am nächsten Morgen verließ er früh das Haus und kam nicht mehr zurück. Anfang Dezember war das. Der Vater suchte, die Polizei suchte mit Hunden, mit dem Hubschrauber. Joshua blieb weg. Zu Weihnachten saßen sie am Tisch, ein Stuhl, ein Teller blieben frei, für Joshua. Sicher würde er noch kommen. Er wollte doch seinem Bruder das mit dem Weihnachtsmann erklären. Die Polizei kam. Joshua wurde in einer Laubenkolonie gefunden. „Ein Fremdverschulden kann ausgeschlossen werden.“

So viele Fragen, keine Antworten. Um sich seinem Sohn nahe zu fühlen, besucht Rico das Haus, das sich Joshua in einem Onlinespiel erschaffen hat. Dann geht er darin herum, von Raum zu Raum. Seine Mutter setzt sich in Joshuas Zimmer, zu den Büchern, zu den Pflanzen, zum Zackenblättchen.

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