Jörg Jeshel Foto: privat
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Nachruf auf Jörg Jeshel Sie hatten einander und ihre Arbeit und keine Hobbys

Er wollte frei sein! Bei der Familienplanung ließ ihm sein Beruf, Kameramann, aber nicht viel Freiraum.

Drei Wochen Fußmarsch, so lange dauerte der Weg hinauf zu den Schamanen in den Bergen des Himalajas. Seine Armeestiefel waren für den Aufstieg völlig ungeeignet, seine Füße mit Blasen übersät. Dann die Filmkamera, die Objektive, die 16mm-Filmrollen, die Akkus. Eine Plackerei. Sechs Monate sollte Jörg Jeshel da oben bleiben. Die Flöhe stachen, Wasser gab es nur am Fluss, der Wind war schneidend kalt. Jörg war hier, um die Schamanen zu filmen. Wer waren sie? Wie lebten sie? Wenn es sein musste, war er die ganze Nacht auf. Schaute und filmte, wie sie sich in Trance versetzten, wie sie ihre Heilungszeremonien durchführten. 1978 war das, und genau dafür war Jörg Kameramann geworden. Genau dafür war er Monate unterwegs, fror, holte sich Blasen an den Füßen.

Seine erste Frau, Ursula, hatte er auf einem Kreuzfahrtschiff kennengelernt, Anfang 20 war er da und Assistent des Schiffsfotografen. Tagsüber machte er Bilder von den reichen Gästen, nachts stand er in der Dunkelkammer. Sie betrieb den Schiffskiosk. Ursula und Jörg machten einander schöne Augen, küssten sich, spazierten an den Stränden der Karibik. Ein glückliches Jahr unterwegs. Zurück in Berlin, zogen sie zusammen, heirateten 1972. Jörg hatte da schon die Ausbildung zum Kameramann und Fotograf begonnen, hatte die ersten Jobs, Werbeaufnahmen, reiste nach Rio oder nach Havanna. „Ich will eine Familie gründen, ich will Kinder. Bist du dabei?“, fragte Ursula. „Kinder kriegen und Kameramann sein?“, antwortete Jörg. „Das geht nicht!“

Unterwäsche für die Damen - peinlich!

Er war im Krieg auf die Welt gekommen. Als der Vater von der Front wiederkam, war er zu kaputt, um sich zu kümmern. Die Mutter brachte Jörg durch und führte ein Textil- und Seidengeschäft. Als Jörg älter war, musste er aushelfen. Wenn Damen Strümpfe und Unterwäsche bei ihm bestellten, war ihm das peinlich. Mit 16 begann er eine Lehre zum Kaufmann, seine Mutter hoffte auf einen Nachfolger fürs Geschäft. Seine Firma schickte ihn nach Hamburg an den Hafen, einkommende Ware kontrollieren. Spannend war es da, die erste große Freiheit, die erste Selbstständigkeit. Er löste sich von Mutters Wünschen und nahm den Job auf dem Schiff an.

Jörg war ein ruhiger, zurückhaltender Kerl. Er sagte kaum was und wenn, dann erst, wenn er sich absolut sicher war. Im Schutz seiner Kamera fand er einen Zugang zu den Menschen. Mit ihr trat er in die Welt hinaus. Einmal war er bei einem Film über einen bekannten Psychiater dabei, der allein in seiner Zürcher Wohnung lebte, wie eingesperrt in einer Höhle. Die Filmcrew war versammelt, der alte Mann wollte sich noch rasieren. Da schnappte sich Jörg die Kamera, klopfte an der Badtür und fragte, ob er ihn beim Rasieren filmen dürfe. – „Wenn Sie mir nicht im Weg stehen.“ Das Eis war gebrochen, es wurden die intimsten Szenen des Films.

1978, die Vorbesprechung für ein Fernsehspiel, eine Tür öffnete sich, darin eine Frau mit dunkelblonden Locken, die Hände in der Luft, Uhu-verklebt mit Papierschnipseln dran. Brigitte, die Regieassistentin, die Skripte zusammenklebte. Jörg war sofort verliebt, Brigitte ebenso. Der Dreh war eine einzige Romanze zwischen den beiden. Doch was sollte aus ihnen werden? Er, der Kameramann aus Berlin, der in der ganzen Welt unterwegs war. Sie, die Dokumentarredakteurin aus Westdeutschland, die ebenso selbstständig war wie er.

Sie blieben zusammen, besuchten einander, wann immer es ging, verbrachten die Urlaube miteinander, heirateten in einem Tempel im Himalaja. Sie hatten einander und ihre Arbeit und keine Hobbys. Die Zeit war wertvoll. Leicht war es nicht; an so manchem Wochenende, das sie allein verbringen musste, spürte Brigitte die Einsamkeit. Wenn sie sich dann wiedersahen, war es umso intensiver. Einmal im Jahr machten sie einen Film zusammen. Er hinter der Kamera, sie als Regisseurin oder Produzentin oder beides.

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1998 zogen sie zusammen, in Berlin, unters Dach. Tritt man durch die Wohnungstür, geht es nach links in Brigittes Reich mit eigenem Bad, eigener Küche und eigener Dachterrasse. Rechts war sein Reich, mit eigenem Bad, eigener Küche und eigener Dachterrasse. Hier saß er, schaute auf der einen Seite zum Fernsehturm und auf der anderen zum Funkturm.

Erst hatte er einen stummen Herzinfarkt. Er spürte ihn nicht, oder er wollte ihn nicht spüren. Er war doch der Abenteurer. Dann erkrankte er an COPD, Folge der vielen Tausend Zigaretten, die er geraucht hatte. Wegen Corona ging er nicht zur Routine-Untersuchung. Im April konnte er nicht mehr atmen, musste ins Krankenhaus, kollabierte dort. Sie mussten ihn ins Koma versetzen und künstlich beatmen.

Jörg würde nie wieder der sein, der er vorher war, so sagten es ihr die Ärzte. Würde nicht mehr sprechen können, würde im Rollstuhl sitzen, sehr viel Pflege brauchen. Keine Arbeitsabenteuer mehr, keine Selbstständigkeit. So würde er nicht leben wollen, das ging sehr klar aus seiner Patientenverfügung hervor. Brigitte holte sich eine zweite ärztliche Meinung, erfuhr, dass er womöglich auf die Palliativstation verlegt werden musste, weil die Organe nicht mehr mitmachten. Dann musste sie eine Entscheidung fällen, die schwerste ihres Lebens.

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