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Jeanette Brisch Foto: privat
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Nachruf auf Jeanette Brisch Eine andere Welt

Ihr Weg schien vorgegeben, damals in Syrien, Heirat, Familie, Kinder. Das aber kam viel später. Denn man ließ sie ziehen.

Es war ein amerikanischer Arzt, der in dem Mädchen mit den schwarzen Haaren und den dunklen Augen etwas Besonderes sah. Vielleicht weil sie sagte, was sie dachte. Vielleicht auch, weil sie sich gleich nützlich machte. Jeanette war 13 oder 14 Jahre alt und lebte mit ihrer Familie in der syrischen Wüstenstadt Deir ez-Zor.

Da waren ihre vier Brüder, einer älter, die anderen drei jünger. Da war ihre liebevolle Mutter. Ihr Vater war Goldschmied, zwei kleine goldene Ohrringe hatte Jeanette von ihm geschenkt bekommen. Arabische Christen waren sie und gehörten der Chaldäisch-Katholischen Kirche an. Diese hat zwar einen eigenen Patriarchen, erkennt aber Rom und den Papst an. 1915 verließen Jeanettes Eltern ihre ursprüngliche Heimat in der Türkei. Der Völkermord an den Armeniern schlug auch sie in die Flucht. Kurden schmuggelten sie in die syrische Wüste, dorthin, wo der Euphrat fließt.

Der Vater starb, als Jeanette vielleicht neun Jahre alt war. Mit Häkeleien versuchte die Mutter die Kinder durchzubringen. Der älteste Bruder musste sich eine Arbeit suchen. Der Onkel half finanziell. Jeanette kochte, wusch, kümmerte sich um die jüngeren Geschwister. Sie musste lernen, sich durchzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. Sie lernte aber auch, sparsam zu sein, Geld zurückzuhalten, Essen nicht wegzuwerfen. Die Schule musste sie abbrechen.

Ihr Weg schien vorgegeben: Heirat, Familie, Kinder. Doch als sie 13 oder 14 war, erkrankten ihre Brüder und die Mutter an Typhus. Jeanette wurde zur Tante geschickt, die Krankenschwester in einem amerikanischen Missionskrankenhaus war. Jeanette war beeindruckt von dieser unabhängigen Frau in dieser völlig anderen Welt. Sie wollte unbedingt Englisch lernen, sich nützlich machen, obwohl sie nur zu Besuch war. Der amerikanische Arzt fragte, ob sie nicht auch Krankenschwester werden wollte. Er würde ihr einen Ausbildungsplatz vermitteln in einem anderen amerikanischen Krankenhaus, 500 Kilometer weiter weg, in Tripolis. Ihre Mutter ließ sie ziehen.

Eine Kerze in der Kirche

15 Jahre alt war sie, als sie sich in ihr neues Leben aufmachte. Sie stürzte sich in ihre Ausbildung, lernte Blut abzunehmen, Wunden zu versorgen, lernte Englisch. Wenn sie sich einsam fühlte, zündete sie in der Kirche eine Kerze an, kniete sich vor die Statue der heiligen Maria und nannte ihr ihre Sorgen und Hoffnungen. Nach vier Jahren, 1949, kehrte sie in ihre Heimatstadt und ins Missionskrankenhaus zurück. Viele der ärmsten Menschen kamen hierher. Jeanette war stolz, ihnen helfen zu können.

1957. Jeanette stieg aus dem Flugzeug. In der Hand einen Zettel, darauf die Adresse der Universität: Teachers College, 120th, Ecke Broadway, Manhattan, New York, da sollte sie hin. Wieder war es der Arzt gewesen, der einen neuen Plan für Jeanette hatte. Sie solle nun Ausbilderin werden. Stipendien gäbe es auch, er würde mit Empfehlungsschreiben weiterhelfen. Jeanette nahm Kurse in Pflegepädagogik, in Ernährungswissenschaften und Psychologie. Gleichzeitig machte sie ihren Schulabschluss nach. Schließlich lernte sie noch Klavier, entdeckte die Oper und ging in so viele Vorstellungen wie möglich, auch wenn ihr Geld nur für einen Stehplatz reichte.

Erst arbeitete sie in dem Krankenhaus in Deir ez-Zor weiter, ging dann nach Damaskus, um angehende Krankenschwestern für das Flüchtlingswerk der UNO auszubilden. Schließlich wechselte sie zu einem Projekt der Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie verdiente so gut, dass sie ihrem jüngeren Bruder Joseph ein Studium in Ägypten zu finanzieren vermochte. So konnte er nach Kanada auswandern, als die Baath-Partei in Syrien an die Macht kam und ein freies Leben schwieriger wurde. Joseph fand Arbeit, verdiente Geld und konnte so seine anderen Brüder, deren Familien und auch die Mutter nachholen.

Syrien war ein Traumland für Archäologen, eine antike Stätte lag neben der anderen. Zusammen mit einer Arbeitsfreundin besuchte Jeanette die Ausgrabungsstätte eines deutschen Archäologen. Klaus Brisch hieß er. Er verliebte sich sofort in sie. Schön war sie, wusste, was sie wollte, diskutierte. Immer wieder lud er sie ein – bis auch sie sich in ihn verliebte. 1964 heirateten sie in der franziskanischen Salvatorkirche in Jerusalem.

1966 wurde Klaus Brisch ins islamische Museum nach Berlin berufen. Jeanette entschied sich für ihn. Ein Neuanfang. Salzbrunner Straße 29, ein wunderschöner Altbau, eine Wohnung von 120 Quadratmetern. Ein Sohn kam auf die Welt, danach eine Tochter. Und Jeanette wurde Mutter und Hausfrau. Liebevoll war sie, lieber erklärte sie ihren Kindern die Dinge, als dass sie etwas befahl. In den ersten Jahren sprach sie noch arabisch mit ihnen. Doch die Kinder antworteten irgendwann nur noch auf Deutsch. Das machte sie traurig. Ebenso, dass sie auf der Straße als exotisch wahrgenommen wurde. Sie lernte die neue Sprache, indem sie Radionachrichten erst auf Englisch hörte und dann auf Deutsch.

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Dreimal in der Woche ging sie zum katholischen Gottesdienst. Auch zu Hause las sie in der Bibel. Besonders zwei Stellen mochte sie: In der einen geht es darum, dass Gebete verändern können, und in dem anderen, dass Jesus immer da sein wird. Bei der katholische Frauengruppe war sie sofort dabei. Diskutierte, hielt Vorträge über den Islam und gab den Frauen Führungen im islamischen Museum. Zu den Treffen brachte sie selbstgemachte syrische Speisen mit, mehr als genug für alle.

Im Grunewalder Tennisclub spielte sie am liebsten im Doppel. Dahin fuhr sie in ihrem kleinen Nissan Micra. Der war ihr wichtig, mit ihm war sie unabhängig, auch von ihrem Mann. Da war ein tiefes Verständnis zwischen ihnen, er war aber auch altmodisch und wollte nicht, dass sie wieder arbeitete. Als er in Rente ging, wollte er zurück nach Köln; ihre Heimat war aber Berlin. Sie blieben. Als er krank wurde, war sie an seiner Seite. 2001 starb er.

Sie geht zum Tennis, in die Kirche, in die Oper, ist mit Nachbarn aus dem Haus befreundet. Dann wird ihre Wohnung verkauft, und sie soll ausziehen. Sie ist 86, als sie sich beugt. Ihre Tochter wohnt mit ihr in der neuen Wohnung, bis sie sich eingelebt hat. Doch jetzt beginnt sie vergesslicher zu werden, erkennt Freundinnen nicht mehr, kann nicht mehr in die Kirche gehen. Fast ein Jahr lebt sie noch in einem katholischen Pflegeheim, im September 2021 stirbt sie.

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