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Janis Maximilian Neumann Foto: privat
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Nachruf auf Janis Maximilian Neumann Wehe, einer tippt gegen die Scheibe!

Man muss nur hinter ihm herlaufen, so hieß es, und das Geld aufsammeln, das er verliert, dann wird man reich. Er nahm es lässig.

Was für ein schöner Tag. Alle lachten und weinten. Meist gleichzeitig. Eine Kollegin tanzte am Grab, wie versprochen. „Ich küsse deine Augen“, stand auf der Grabschleife seiner Freundinnen. Dieses Gefühl der Dankbarkeit teilten alle, die da waren, um Janis zu verabschieden, an die 100 Menschen. Und so passte auch der Spruch auf der Schleife seiner Arbeitskollegen: „Aber ich hab’ doch alles richtig gemacht.“

Sie hatten schon immer mit dem Tod gelebt. Julie, seine Schwester, Christine, seine Mutter, und sein Vater, Heiko, der vor sieben Jahren gestorben war. Drei Wochen lang verbrachten sie viele Stunden an seinem Bett im Hospiz, haben Karten gespielt, gelacht, geweint. Im letzten Moment war Heiko dann doch allein geblieben, weil er es so gewollt hatte, aber er sah wunderschön aus nach seinem Tod. Und sie sprachen von ihm immer, als wäre er noch bei ihnen. Denn die Liebe bleibt ja, auch wenn der Mensch geht. Bis zu ihrem Tod hatte auch die Oma bei ihnen gewohnt, trotz der Demenz, die ein großer Spaß war für Julie und Janis, denn kindisch waren sie ja selbst am allerliebsten. Aber auch sehr altklug zuweilen.

Als Janis das erste Mal ausziehen wollte, da war er fünf. Nach einem Streit um sein unaufgeräumtes Zimmer kündigte er an: „Ich ziehe aus.“ – „Dann muss es so sein“, bemerkte die Mutter. Nach einer halben Stunde Bedenkzeit kam er aus seinem Zimmer zurück: „Wenn du mir fünf Mark gibst, bleibe ich.“ – „Liebe kann man nicht kaufen“, entgegnete Christine. Also zog er sich wieder ins Kinderzimmer zurück, kam mit einem gepackten Rucksack und der Schwester an der Hand wieder, um seiner Drohung mehr Nachdruck zu verleihen: „Wir gehen beide!“ Die Mutter bedauerte das sehr, aber sie zahlte nicht. Und Janis begriff, dass er sein Geld auf andere Weise verdienen musste.

Zusammenbauen fiel schwerer

Als Schüler war er sich zunächst noch unschlüssig, wie er seine Talente nutzen wollte. Also hat er die erste Klasse wiederholt. Jahrelang spielte er mit dem Gedanken, Gefängniskoch zu werden, bis er die Wunderwelt der Elektronik für sich entdeckte. Auseinanderbauen konnte er alles, zusammenbauen fiel anfangs schwerer. Aber der Alarm, den er im Kinderzimmer installiert hatte, um die Zahnfee zu ertappen, funktionierte einwandfrei – bei der Schwester.

Da nie viel Geld im Haus war, hat er früh das Gemeindeblatt ausgetragen, hat geputzt, gekellnert und beschlossen, kein Abitur zu machen, denn in den Restaurants ließ sich gut Geld verdienen, trotz des Geizes derer, die viel hatten, aber nie Trinkgeld gaben. Janis war da anders. Er hat immer großzügig Geld ausgegeben, so oder so, es hieß, man muss nur hinter Janis herlaufen und das Geld aufsammeln, das er verliert, dann wird man reich. „Manchmal verliert man, manchmal gewinnen die anderen.“ So kommentierte er seine gelegentliche Schusseligkeit. Ein Schlüsselbund konnte schon mal abhandenkommen oder seine Vespa, aber im Beruf war er zuverlässig. Es wurde dann doch etwas mit Medientechnik, und darin war er sehr erfolgreich. In der Liebe nicht so. Er wollte immer gern und viel seine Ruhe haben. Eine romantische Konstellation in seinem Sinn: wenn er am Computer saß und die Freundin vor dem Fernseher. Mit seinen Kumpels war er lebendiger, da feierte er auch schon mal Party auf Mykonos, aber der Stammtisch war ihm noch lieber, immer am selben Ort, am gleichen Tag.

Sport: eher nein. Der Hometrainer in seiner Wohnung war stillgelegt. Er ging zum Schießen in den Schützenverein, kleine rennende Wildschweine, da blieb er ein Kindskopf, wie bei Autos auch. Eigentlich hatte er immer einen Opel Manta gewollt, aber es wurde dann doch ein Audi, ein gut motorisierter. Damit ist er gern zu Autorennen gefahren, und er hat ihn sehr gern geputzt. Wehe, einer tippte von innen gegen die Scheibe.

In vielen Dingen war er lässig, in anderen sehr kontrolliert. Auch der Gesundheit wegen. Er wäre ja beinahe mit zehn gestorben, hätte er damals nach dem Schwimmunterricht die Flasche Limonade getrunken. Eine unentdeckte Diabetes. Er lernte früh, sich selbst zu spritzen. „Es ist meine Diabetes“, erklärte er von Anfang an und entließ die anderen aus der Verantwortung.

Was seiner Schwester Julie nicht so leicht fiel. Die beiden hatten ja immer aufeinander aufgepasst. Gemeinsam ließen sie sich in der Evangelischen Gemeinde konfirmieren, gemeinsam organisierten sie die Jugendarbeit, was Aktivitäten einschloss, über die ewiges Stillschweigen vereinbart wurde. Durch die Gemeinde hatten sie auch zum Glauben gefunden, dass es so etwas wie eine Seele gibt und ein Leben nach dem Tod und die Pflicht, auch denen zu helfen, die man nicht so mag. „Ich bin Christ“, erklärte Janis seiner Mutter auf deren verdutzte Nachfrage, warum er noch den letzten Unsympath in seine Fürsorge einschloss.

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Gemeinsam hatten sie vor nichts Angst in der Familie. Dann kam Corona. Er wollte nicht, dass seine Mutter sich ansteckte und erteilte ihr Ausgehverbot. Er schleppte Säcke voller Nudeln an, Konserven, besorgte die besten Masken, organisierte die frühestmögliche Impfung und zog sich selbst immer mehr zurück.

Lebst du noch, fragte seine Mutter von Zeit zu Zeit telefonisch an. Ja klar, grad noch so. Oft hat er sich tagelang, wochenlang nicht gemeldet, aber an Weihnachten war er zur Stelle. Das große letzte Fest. Und er sah gut aus, nicht so nerdig wie sonst.

Zu Weihnachten wurde immer viel Unsinn geschenkt, das war eine Tradition, die noch Heiko eingeführt hatte: die „Warum-nicht-Geschenke“. Fusselrollen, Geschirrspülmittel und in Coronazeiten: viel Klopapier. Sein vierjähriger Neffe Theo hatte sich einen Müllmannsanzug gewünscht, da kümmere ich mich drum, hatte Janis versprochen, nichtsahnend, dass die BSR überhaupt keinen Fanshop betreibt, was ein Unding ist, wie er fand, denn alle Kinder finden Müllmänner toll. Also besorgte er ein Oranje-Trikot der holländischen Nationalmannschaft samt Stulpen.

Dann war Weihnachten vorbei und er wieder allein. Wäre er zum Stammtisch mit seinen Kumpels gegangen, hätte er seinen Zuckerwert im Blick behalten. Aber er hat daheim allein das Glas gehoben auf all die guten Zeiten. Und so ist er eingeschlafen und erst im Himmel wieder aufgewacht, erstaunt, plötzlich ganz oben gelandet zu sein, aber nicht wirklich überrascht: „Kiek an, ick hab’s geschafft, auf ’ne Art.“

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