Isodoro Bustos Valderrama Foto: privat
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Nachruf auf Isidoro Bustos Valderrama „Warum vorsorgen für vier Tage?"

So dachten viele Chilenen im Exil, anfangs. Doch die Hoffnung auf Rückkehr schwand.

Er verschwand, einfach so. Die Familie blieb lange ohne ein Lebenszeichen. General Augusto Pinochet hatte sich am 11. September 1973 an die Macht geputscht, und noch am selben Tag wurde der angesehene Jurist Don Isidoro, jüngster Direktor im Justizministerium, in ein Gefangenenlager verschleppt. „Desaparecidos“ hießen sie, die Verschwundenen, tausende politische Gefangene, viele kehrten nicht wieder, wurden erschossen, erschlagen oder starben in den Foltergefängnissen.

Isidoro wurde in Chillán geboren, mitten in Chile, der Vater, Kapitän zur See, starb, als er elf war. Die Mutter zog die sechs Kinder allein groß, alle studierten. Isidoro tat sich früh hervor in der Schule, er war sehr ernst, sehr klug und sehr politisch. Ein Sozialist, schon in jungen Jahren, der sich von den Kadern nichts sagen ließ, sondern die Klassiker selbst las, Hegel, Feuerbach, Marx. Er studierte Jura, arbeitete einige Jahre als Rechtsanwalt in Santiago und begann dann seinen Dienst im Justizministerium. Es waren hoffnungsvolle Jahre.

Mireya Barros, seine große Liebe, hatte er nach langem Widerstand ihrer Familie 1964 heiraten dürfen. Zwei Söhne kamen zur Welt, Salvador Allende wurde zum Staatspräsidenten gewählten, aber schon nach 1000 Tagen war der Traum eines gerechteren Chile ausgeträumt, Allende tot, Pinochet an der Macht.

Im Juni 1974 erhielt die Familie dank des Roten Kreuzes ein erstes Lebenszeichen von Don Isidoro, Amnesty International setzte sich vehement für die politischen Gefangenen ein, der Druck aus dem Ausland erhöhte sich. Am 6. September 1974 kam Isidoro Valderrama frei, er wog 15 Kilo weniger, war verhöhnt und gefoltert worden, aber er war kein gebrochener Mann. Er redete nicht über das Leid, das er erfahren hatte. Er besprach sich mit Mireya, und da sie beide eine zweite Verhaftung fürchteten, verließen sie mit ihren Kindern im Dezember 1974 das Land. Mehr als eine Million Chilenen flohen damals aus der Heimat.

„Warum vorsorgen für vier Tage? / Du kehrst morgen zurück“, dachte Brecht, als er emigrierte. So dachten viele Chilenen, die ins Exil gingen, auch Don Isidoro. Helfer empfingen die Familie in Berlin, sorgten für eine Wohnung, für ein wenig Heimat, denn anfangs war alles fremd. Die Sprache lernten sie schnell, mit einigen deutschen Eigenarten hingegen taten sie sich schwerer. Vor allem mit der Unsitte, dass immer so schnell und so freudlos gegessen wurde, und so wenig gesprochen während der Mahlzeit. Das war im Hause Bustos Barros anders. Der große Tisch war stets voll mit Speisen, rundum besetzt mit Freunden, und die Gespräche dauerten lang, denn meist ging es um Politik.

Aber die Hoffnung, nach Chile zurückkehren zu können, schwand mit den Jahren. Und selbst als Pinochet abtrat, gab es keine Anzeichen, dass das geschehene Unrecht je gesühnt oder die Täter auch nur namhaft gemacht werden würden. Nie gab es eine Entschuldigung für all das, was ihm, was seiner Familie widerfahren war. Don Isidoro wollte keine Rache, er wollte Recht. Aber das Recht wurde zugunsten derer gebeugt, die ihn des Landes verwiesen hatten.

Einem Freund verriet er, dass er gern ein Buch schreiben würde, in dem die Hauptfigur Mireya sein sollte, auf dass dieser unsägliche Kummer endlich zur Sprache kommen würde, den sie beide vor den Söhnen nie hatten zeigen wollen. Noch immer schrak er zusammen, wenn er Uniformierte sah, und in seinen Träumen war die Zeit in den Lagern umso gegenwärtiger, je älter er wurde. Er veröffentlichte 1987 tatsächlich ein Buch, ein wissenschaftliches allerdings, seine Dissertation, die sich mit der undemokratischen Verfassung Pinochets beschäftigte.

Er wollte auch über sein Leben schreiben, aber dafür blieb ihm im Alter keine Zeit mehr und keine Kraft. Denn 15 Jahre lang pflegte er Mireya und hielt die Erinnerungen an die schöne Zeit mit ihr lebendig und wach. Sie war und blieb seine große Liebe; und auch wenn er ein Dickkopf sein konnte, wurde er stets schwach, wenn er nur an sie dachte. Selbst aus dem Gefangenlager heraus war es ihm gelungen, ihr einen Strauß Rosen zukommen zu lassen. Wenn die beiden ausgingen, dann stets sorgsam gekleidet, nicht aus Eitelkeit, sondern aus Respekt dem Leben gegenüber. Beide hatten Arbeit in der Erwachsenenbildung gefunden, immer befristete Stellen, aber das minderte nicht ihre Leidenschaft, Wissen zu vermitteln. Don Isidoro blieb Sozialist, aber er ließ sich ungern von deutschen Kathedersozialisten darüber belehren, warum die Revolution in Lateinamerika gescheitert war.

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Ein wenig Don Quichote war er, und ein wenig Franz von Assisi, aber ohne Gottesglauben, denn das erste Gebot verbat er sich. Alle anderen nahm er sehr ernst, vor allem das der Nächstenliebe. Was die Liebe sich selbst gegenüber anging, so blieb er bescheiden, und inszenierte sich ganz und gar nicht als Latino. Allzu viel Bewegung mied er, Schach war für ihn die einzige denkbare Sportart. Seine Spazierwege in einer fremden Stadt führten meist vom Parkplatz ins Café, wo er über Politik redete. „Wozu wandert ihr von A nach B, wenn es eine Busverbindung gibt?“, fragte er seine Schwiegertochter verwundert. Wenn er und Mireya sich erholen wollten, gingen sie ins Museum, hörten sie Musik. Er konnte vor Bildern stillstehen, zur Ruhe kommen, er konnte zuhören, wenn klassische Musik erklang, und er tanzte, nicht aus freien Stücken, sondern Mireya zuliebe, den Tango, wenn es nach ihm ging, den Bossa Nova, wenn sie führte. Sie blieben verliebt lebenslang, gingen im Alter händchenhaltend spazieren, und wenn es ihr nicht gut ging, ging es ihm nicht gut.

Er hatte sich immer gewünscht, vor ihr sterben zu dürfen. Als sie dann tot war, verließ ihn rasch die Kraft und zunehmend auch das Gedächtnis. Er fand sich nicht mehr zurecht in den Erinnerungen, verwirrte sich in seinen Niederschriften, tat nur noch den Söhnen zuliebe so, als würde er an seinen Memoiren arbeiten und ließ es schließlich ganz. Bei der Beerdigung seiner Frau hatte er keinen Priester sehen wollen, und auch als es mit ihm selbst zu Ende ging, suchte er keinen Trost. Aber seine Familie hätte er gern gesehen, doch sie durfte in den Monaten der Epidemie nur selten zu ihm kommen. Das hat ihm das Herz schwer werden lassen, so schwer, dass es irgendwann nicht mehr schlug.

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