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Ingeborg Meyer Foto: privat
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Nachruf auf Ingeborg Meyer Ein kleiner Aufstieg

Fünf Kinder, ein murrender Mann. Sie ist auch oft erschöpft aber sie murrt nicht. Der Nachruf auf eine, die durchhielt.

Kinderkrankenschwester oder Tänzerin. Wenn man jung ist, stellt man sich alles Mögliche vor. Liegt da, schaut in die Höhe und malt sich ein Leben aus. Details. Weiße Krankenhausflure und eine weiße Schwesterntracht. Einen Rock aus hellem Tüll und gleißendes Scheinwerferlicht. Man träumt und ahnt, dass es anders kommen wird.

1947 macht Inge eine Schneiderlehre. Es ist in Ordnung, sie mag den Beruf weder besonders noch lehnt sie ihn ab. Sie kann wenigstens in der Zeit der Not einen warmen Mantel nähen oder auch ein luftiges Kleid. Sie ist froh, dass die Wohnung der Eltern in Halensee nicht zerbombt wurde, dass sie mit dem Trick, sich einen Verband um den Kopf zu wickeln und eine geistig Behinderte zu mimen, den Vergewaltigungen russischer Soldaten entkommen war. Sie probiert noch manchmal einige Stepptanzschritte, die ihr ihre Schulfreundin Maria Fris, später eine bekannte Ballerina, gezeigt hatte. Denkt zurück an die Abende im „Kabarett der Komiker“ am Lehniner Platz, wo ihr Vater Heizer war, und wo sie sich ab und an unter die Kulturleute gemischt hatte. Sie ist jung, sie möchte wieder etwas anderes sehen als immer nur Stoffe und Ruinenschutt.

1948 freundet sie sich mit dem Sohn eines ungarischen Diplomaten und einer Violinistin an. Sie betritt eine Welt und eine Wohnung, die nur aus Kunst und Kultur und erlesenen Gegenständen besteht. In diesem Kreis am Ku’damm verkehrt auch ein Mann, der sie interessiert. Er ist 15 Jahre älter, spielt Geige, kam gerade aus sibirischer Gefangenschaft, verdiente vor dem Krieg ausgesprochen gut als Grafiker und Bildhauer, besaß eine Instrumentensammlung, die seine erste Ehefrau jedoch während des Krieges verkauft hatte. Besitzt jetzt nichts mehr.

Dieser Mann verliebt sich in Inge, in das unbeschwerte, bodenständige Mädchen, das in allem sein Widerpart und deshalb genau die Richtige ist. Eine Familie möchte er, unbedingt, Kinder, etwas, das seiner Existenz wieder eine feste Form gibt. Denn Depressionen zermürben ihn, sein Vater hatte sich das Leben genommen und auch sein Bruder, seine Mutter war gestorben, als er 25 war.

Sie überlebt

Inge und Peter heiraten, sie wird schwanger. „Alles in Ordnung“, verkündet der Arzt, „das wird ein schönes Kind.“ Peter betastet Inges Bauch mit seinen empfindlichen Künstlerhänden und sagt: „Da sind zwei.“ Carola und Heidi. Aber Inge geht es schlecht. Eine schwere Vergiftung der Nieren. Die Ärzte kämpfen. Sie überlebt. Ihre Hände aber sind gelähmt, über Monate. Peter wickelt die Zwillinge und legt sie an Inges Brust. Sie erholt sich. Näht für die Mädchen identische Kleidchen und Hosen aus alten Mänteln. Peter lacht ein wenig spöttisch, dieser Konformismus ist der reinste Kitsch für ihn. Er sucht nach philosophischen Gesprächen, versucht, beruflich an die Zeit vor dem Krieg anzuknüpfen. Arbeitet als Redakteur beim Berliner Rundfunk, schreibt einen Fortsetzungsroman, ein Theaterstück, ein Drehbuch, „Heimweh nach Deutschland“. Bevor der Film in die Kinos kommt, geht der Filmverleih pleite.

Die Familie lebt beengt. Peter leidet unter dem sozialen Abstieg. Er erleidet einen Herzinfarkt. Inge bekommt ein drittes Kind, Peter. Und bald ein viertes, Gisela. Sie ziehen nach Lichterfelde Süd, in eine Siedlung für unverschuldet in Not Geratene. Für Inge und die Kinder ein Glück, drei Zimmer, ein Bad, Wiesen, Bäume. Für Peter ein Albtraum. Inge näht nebenbei für ein paar Mark und sorgt sich immerzu um die zerrüttete Seele ihres Mannes. Er sei eben zu sehr Künstler, sagen die Leute. Er ist gebrochen, verteidigt sie ihn stets und vehement. Liebt ihn, immer weiter.

1957 schlägt er sich ein Leben als freischaffender Künstler endgültig aus dem Kopf. Arbeitet im Senat für Bau- und Wohnungswesen, das Geld ist jetzt nicht mehr so knapp. Es fühlt sich an wie ein kleiner Aufstieg. Aber die Situation in der „Kleinraumsiedlung“, die von Leuten, die nicht dort leben müssen, verächtlich „Mau-Mau-Siedlung“ genannt wird, verschlechtert sich zunehmend. Peter unternimmt zwar viel mit den Kindern, und Inge ist froh, dass sie den halben Tag durch die umliegenden Äcker und Wiesen streifen können. Doch sie wollen weg von hier. Und finden eine Wohnung in der Motzstraße in Wilmersdorf. Kind fünf, Thorsten, kommt zur Welt. Ein Jahr darauf, 1962 übersteht Peter eine Enzephalitis und leidet ständig unter Kopfschmerzen. Inge ist erschöpft, aber sie murrt nicht, lässt sich nicht unterkriegen. In die Motzstraße kann jeder kommen, und wenn es noch so eng ist, ihre Freunde und die Freunde der Kinder. Jemand spielt Jimi Hendrix auf der Gitarre, ein anderer führt mit Peter philosophische Gespräche. Manchmal, wenn Inge doch eine Pause braucht, schließt sie sich in der kühlen Ruhe des Bades ein.

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1979, nach seiner Pensionierung, beschließt Peter, nach Bayern zu gehen. Inge ist zunächst wie vor den Kopf gestoßen. Wie soll das gehen? Eine Weile pendelt sie zwischen Berlin und Tacherting, dann entscheidet sie, ganz zu ihrem Mann zu ziehen. Sie wohnen direkt am Fluss, Inge mag das ländliche Leben mehr und mehr. Doch dann zerreißt dieses Leben. Peter stirbt. Inge ist 56.

Sie begräbt ihren Mann und kümmert sich um sich selbst. Zieht wieder nach Berlin, übersteht eine Brustkrebserkrankung, pflegt ihre Mutter. Fährt an die Ostsee, fliegt zu ihrer Tochter, die nach Amerika ausgewandert ist. Sie spaziert mit einem Pferd durch Malibu, lässt sich im Chevrolet durch Hollywood kutschieren, trinkt einen Cocktail im Beverly Hills Hotel. Als sie zurück kommt, sieht sie 20 Jahre jünger aus.

Sie betrachtet das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder. Sie fühlt sich lebendig. Geht ins Ballett, liest alles, was sie über Nurejew finden kann. Ihr alter Traum vom Tanz.

2010 wird sie schwächer, vier Stents, drei Mal pro Woche Dialyse. Sie liegt viel im Krankenhaus. Aber Corona kann ihr nichts anhaben, auch nicht die Einsamkeit, alle sind für sie da. Am 23. März stirbt Inge an Herzversagen.

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