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Ingeborg Leuthold Foto: privat
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Nachruf auf Ingeborg Leuthold „Sie müssen ein bisschen mehr auf die Leute zugehen“

Sie tat, was ihr gefiel. Also malte sie so realistisch, wie es nur ging - was sich als Problem erwies. Der Nachruf auf eine Eigensinnige

Die Dahlemer Damen zeigen sich degoutiert. Prinzipiell mögen sie ja das Künstlerische. Immerhin öffnen sie ihre Villen, um Künstlern Ausstellungsräume zu verschaffen. Sie haben einen Sinn fürs Schöne. Aber das hier? Beim besten Willen nicht!

Diese beiden prallen Frauen, halbe Kinder noch, die jungen Brüste fast entblößt, die viel zu hohen Absätze, der herausfordernde und zugleich bittere Blick, der Unrat zu ihren Füßen, darunter der Titel: „Babystrich“. Oder jenes Bild: Zwei Männer, eine Frau, schon älter oder vor der Zeit gealtert, auf einer Bank, betrunken, der umränderte Blick der Frau ins Nirgendwo gerichtet, die Hand des einen Mannes um eine Bierflasche gelegt, die zwischen den Schenkeln des anderen steht, Titel: „Endstation“.

„Schön“, sagt Ingeborg Leuthold, und es ist ein verächtlicher Klang in ihrer Stimme, der den Damen noch weniger passt, „Schön will ich auf keinen Fall malen.“ Denn die Welt ist es nicht. „Ich zeige, was ich sehe.“ Und zwar so realistisch, wie es nur geht.

Was sich neben der Sache mit der Schönheit ebenfalls als Problem erweist: „realistisch“ gilt in kunstinteressierten Kreisen beinahe als Unwort. Ingeborg Leuthold malt gegenständlich, ja, eine reaktionäre Kopistin der Natur ist sie nicht im Geringsten. Landschaften, Menschen, Gegenstände auf ihren Gemälden sind verfremdet, überhöht, reduziert, surreal. Kombiniert mit Details, die einen Bruch der Sehgewohnheit erzeugen.

Eine dürre Alte, deren fahl-graues Gesicht auch einem Alten gehören könnte, vor einer Landschaft aus trübem Nichts, übermäßig herausgeputzt in einem verschossenen Rokoko-Kleid mit riesigem d’Artagnan-Hut. Eine wirklichere Wirklichkeit, der sezierende Blick der Künstlerin.

Aber es ist umsonst, der Postkartenkitsch der Nazizeit lastet noch zu sehr auf den Gemütern, man will ihn loswerden, auf die radikalste Weise, der Kunstbetrieb erwartet Abstraktion, das Sichtbarmachen im Nichtsichtbaren. Schroff beharrt Ingeborg Leuthold auf ihrer Art, die Welt darzustellen. Mit Farbflächen oder Farbspritzern erscheint ihr das unmöglich.

Verwaltungslehre oder Kunst

„Sie müssen ein bisschen mehr auf die Leute zugehen“, sagt eine Galeristin. „Nein“, sagt Ingeborg Leuthold und arbeitet weiter in ihrem Atelier am Bundesplatz. Ins oberste Stockwerk des Altbaus gelangt sie über eine Serpentinentreppe, die sich über einem schmalen, düsteren Schacht windet, der schon als Kulisse in Horrorfilmen gedient hat.

„Nein“, hat sie bereits zu Karl Schmidt-Rottluff gesagt, „ich werde nicht expressionistisch malen, so wie Sie.“ Er hat sie dennoch zu seiner Meisterschülerin gemacht.

Ihr Vater war zwar selbst künstlerisch tätig, in einer Porzellanfabrik, hatte aber erwartet, dass seine Tochter eine Verwaltungslehre absolvieren würde. Sie bereitete heimlich die Aufnahmeprüfung für die Meisterschule der Textilindustrie in Plauen vor, bestand und begann ein Studium für Angewandte Kunst.

Was ihr später hilft, über die Runden zu kommen. Von ihren Bildern kann sie nicht leben, aber sie bekommt Aufträge für Mosaike, Porzellanmalerei, Teppiche. Riesige Gebilde mit Stadtansichten, Pflanzen, Fischen, alles gestickt. „Wie lange willst du denn daran sitzen?“, fragt Schmidt-Rottluff sie einmal verblüfft, als sie Faden für Faden durch ein Teppichgewebe zieht. Sie erfindet schließlich einen Stich, der es ihr ermöglicht, Flächen effektiver zu besticken. Einige ihrer Teppiche hängen im Kunstgewerbemuseum.

„Ja“, sagt sie zu Klaus Hosaeus, einem Beamten im Bauamt, der ebenfalls malt. Er ist ein sanfter Mensch, dessen weniger sanfter Frau es stets um Selbstbestimmung geht. Sie tritt der „Gedok“ bei, dem größten Künstlerinnenverband Europas, sie gründet eine Stiftung, um ihr Werk zu sichern – „Ich kann mich auf niemand anderen verlassen!“ – und um andere Frauen in Kunst und Wissenschaft zu fördern.

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Sie arbeitet ununterbrochen, steht noch mit 92 täglich im Atelier. Mischt sich mit 85 bei der Love Parade und beim Christopher Street Day unter die Leute, malt, was sie sieht. Immer wieder Körper, das Einsame in den Gesichtern. Zwei Transvestiten, viel Schminke, wenig Stoff, ein gazeartiger Überwurf, der das nackte Geschlecht noch deutlicher zeigt, eine blasse Rose, herabgefallene bunte Ballons, aufreizende Leblosigkeit. Menschen, denen sich Ingeborg Leuthold zuwendet. Vielleicht weil sie, bei allem Schmerz, etwas haben und etwas leben, das sie nie hatte oder hätte leben können.

Ein befreundeter Maler steht nach ihrem Tod noch einmal vor ihren Werken und sagt: „Sie war ihrer Zeit weit voraus.“

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