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Horst Jakobi Foto: privat
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Nachruf auf Horst Jakobi (Geb. 1943) Am Gutsein interessiert

Judka Strittmatter

Fürs Geld betreibt er die Architektur. Für die Seele das Malen. „Wie lange brauchst du für ein Bild?“ - „So lange, wie ich alt bin.“

Das Malen, was für ein Glück! In seinem Atelier in Kreuzberg, stundenlang. Eine schöne Jazzplatte dazu, so muss sich Vollkommenheit anfühlen. Horst Jakobi wollte nur Gutes machen und hinterlassen, und alle Wegbegleiter nahmen ihn auch so wahr: am Gutsein interessiert. Es ist ja schon schwer genug, es dann auch hinzukriegen, und Gutes liegt sowieso im Auge des Betrachters, aber allein die Absicht adelt. Glücklicherweise war Horst Jakobi so aufgewachsen, dass ein Harmonie-Mensch aus ihm werden konnte. Zur Welt gekommen war er in Bonn. Seine Eltern, halbwegs gut durch den Krieg gekommen und ein innigliches Paar, zogen ihr einziges Kind in der Hansestadt Warburg in Nordrhein-Westfalen liebevoll auf. Und nahmen ihn überall hin mit. Auf Reisen, zur Kultur.

So aufgestellt, absolviert der junge Horst erst eine Maurerlehre, es folgt ein Architekturstudium an der Werkkunstschule Kassel, die Jahre dort saugt er förmlich auf, das Diskutieren, Philosophieren – das ist alles seins und macht ihn glücklich. Geld und Macht sind nicht sein Streben, Menschsein immer. Die Bauhauszeit wird ihn ein Leben lang faszinieren, ein Besuch als junger Mann im Jazzkeller lässt ihn zum Fan werden, lebenslang. Er liebt Miles Davis, John Coltrane, viele Freejazz-Größen. Die Plattensammlung wächst, Klassik kommt hinzu, auch Musik aus Afrika und Indien. Zwar zerbricht die erste große Liebe, aber den Getrennten bleibt die gemeinsame Tochter Eva. Mit seiner zweiten Freundin, die er heiratet und ihren Sohn adoptiert, bricht er nach Berlin auf, weil man dort der sein kann, der man sein will. Es ist das Berlin der Achtundsechziger, der Hippies. Man versucht’s mit Anarchie, man lebt in Wohngemeinschaften.

Markenzeichen: lange Haare, langer Mantel

So will es auch Horst Jakobi, Markenzeichen: lange Haare, langer Mantel. Er hat viele schwule Freunde – so etwas offen zu thematisieren, ist längst noch nicht alltäglich. Weich und sensibel ist auch er, aber eindeutig den Frauen zugetan. Er arbeitet in verschiedenen Architekturbüros. Und malt und malt. Die Wohnungen seiner Lieben sind voll mit seinen Werken, Abstraktes in der Farbskala düster bis licht. Immer wieder stellt er seine Bilder aus, die Kinder nennen es, als sie noch klein sind, „Krickelkrakel“. Oder sehen den Räuber Hotzenplotz auf seiner Leinwand. Er lacht darüber, so sind sie eben, frei heraus. Später wird er die Enkel auch ans Malen bringen, seine Art, als Opa auf sie aufzupassen. Geduldig ohne Ende. Er ist einfach dankbar, dass er diesen Weg gefunden hat, sich auszudrücken. Kniet sich immer ganz tief rein, taucht darin ab. Bleibt aber erreichbar für Freunde und Familie. Schaut, was andere Künstler treiben, kaum eine Woche vergeht ohne Ausstellungsbesuch. Auf die Frage: „Wie lange brauchst du für ein Bild?“ ist seine Antwort: „So lange, wie ich alt bin.“ Den Inhalt seiner Kunst erklärt er so: „Meine Bilder sind abstrakt, gegenstandslos, informell. Doch wenn wir sie betrachten, setzen wir sie neu zusammen. Entscheiden uns, und jeder wird sein Eigenes finden.“

Die Architektur betreibt er weiter für den Broterwerb, das Malen für die Seele. Und dann sind da auch die Kinder, von denen es am Ende drei eigene werden. Und vier Frauen. „Er war schon gern verliebt“, sagt Tochter Laura. Er macht auch Singlezeiten durch, aber er versucht immer, es sich schön zu machen, Sinnlichkeit und Achtsamkeit zu leben. Naja, vielleicht nicht immer. Zumindest dann nicht, wenn er auf seinem roten Rennrad sitzt mit dem Schriftzug „Fausto Coppi“. Vielleicht hofft er, die Kühnheit dieses Sportlers würde sich auf seine Radfahrkünste übertragen.

Der mit der Latzhose

Er ist bereit, sich selbst zu hinterfragen. Und sich nicht ganz so ernst zu nehmen. Mit zunehmendem Alter öffnet er sich der Psychologie, will seine Innenwelten besser nachvollziehen können. In Leipzig, wohin er wegen der Arbeit schon zu Mauerzeiten fährt, wird er aufgrund der Latzhose für den Monteur gehalten, dabei berät er einen japanischen Auftraggeber bei dessen Bauvorhaben. Viele Bücher bringt er sich von drüben mit, sie gefallen ihm auch von der Grafik her. Den Fall der Mauer begrüßt er selbstverständlich, nur dass die Leute danach kaum noch auf die Straße gehen, begreift er nicht. So etwas wie Afghanistan in diesen Tagen, er wäre mit den Seinen schon längst losdemonstriert. Aber seit dem letzten Jahr lag sein Fokus wegen nachlassender Kräfte nur noch eingeschränkt auf Politik und Gesellschaft. Zeitungsleser und Wahlgänger war er immer gewesen. Sein Herz schlug links. Nach verschiedenen Architekturbüros wechselt er zur heutigen Investitionsbank Berlin als Kunstbeauftragter. Beim Bewerbungsgespräch trägt er lila Hosen – seine Kleidung darf gern etwas ausgefallen sein. Nicht, dass er Anzüge verschmäht, doch seiner Natur kommt Legeres mehr zupass, wird aber dennoch sorgfältig ausgewählt. Er kauft die Kunst ein für die Bank, betreut sie umfänglich, kuratiert sie. Dass irgendwann so vieles nur noch im Internet vonstatten geht, Zeitung, Unterhaltung, Kennenlernen – das geht dem Sinnlichkeitsmenschen Jakobi gegen den Strich, auf diesen Zug springt der Mann, der immer für den Wandel war, doch nicht mehr auf.

Mit dem Krankwerden, gar dem Tod rechnet er nicht. Er fühlt sich fit, fühlt keine Zipperlein, fährt Rad, geht manchmal auch noch joggen. Doch die Diagnose ist brutal, und alles geht recht schnell und raubt dem Mann am Ende alles, was ihm immer wichtig war: das Hören und das Sehen. Damit das Malen, das Lebendigsein. Horst Jakobi stirbt im Hospiz, umringt von seinen Lieben.

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