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Helmut Wonschik Foto: privat
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Nachruf auf Helmut Wonschick „Ich will mir große Mühe geben!“

Vieles konnte er nicht vergessen. Gesprochen hat er darüber kaum. Dafür näherte er sich umso offener den Schicksalen anderer.

Das größte Glück widerfuhr ihm, als er nicht mehr damit rechnete: Helmut war schon Mitte 40, seine Frau Hannelore fast 41, als ihre Tochter zur Welt kam. Das Mädchen sollte Hester heißen, beschloss Helmut, das klänge nach einer fröhlichen Berliner Göre. Fröhlich und unbeschwert durchs Leben gehen – nichts wünschte sich Helmut sehnlicher für sein Kind.

Als Hester noch im Bauch der Mutter war, begannen die Eltern ihre Gedanken in ein rotes Buch zu schreiben. Hester entdeckte es nach dem Tod des Vaters. „Noch hat sie keine Vergangenheit“, schrieb er am 12. November 1992, sie war damals ein halbes Jahr alt. „Darum beneide ich sie. Aus ihren Augen spricht das Alter der Welt: ein Blick, der doch schon alles gesehen hat. Ja: All das, was wir allmählich – die gnädige Natur – vergessen.“

Vieles konnte Helmut nicht vergessen. Vor allem nicht, wie sehr er als Kind unter seinem Vater gelitten hatte. Gesprochen hat er darüber kaum. Er fand andere Wege, damit umzugehen, kreative, literarische Wege.

Helmuts Vater war bei der berittenen Polizei, die im „Dritten Reich“ der SS eingegliedert wurde. Nach dem Krieg tauchte er unter. Er muss aber seine Frau Anna zwischendurch getroffen haben, denn im kalten Januar 1947 kam ihr Sohn Helmut in einer Laube in Rosenthal zur Welt. 1949 wurde der Vater von den Russen aufgegriffen, als Kriegsverbrecher verurteilt und für sieben Jahre in Bautzen inhaftiert.

Die Mutter brachte Helmut und die zehn Jahre ältere Schwester durch die schwere Zeit. Sie war leidenschaftliche Straßenbahnschaffnerin, „Klingelfee“, wie es damals hieß. Aber noch leidenschaftlicher sorgte sie sich um ihren kleinen Sohn.

Flucht aus West-Berlin

Der Familienfrieden endete, als der Vater 1956 heimkehrte. Sie übersiedelten in den Westen, nach Neukölln. Für Helmut begannen qualvolle Jahre. Aus dem Vater war ein verbitterter, tyrannischer Mann geworden. Faschistoides Gedankengut vergiftete die Atmosphäre.

Nach dem Abitur 1966 drängte der Vater Helmut, eine Ausbildung in der Rentenversicherungsanstalt anzutreten. Helmut schmiss nach wenigen Monaten hin, schrieb sich an der Freien Universität für Theaterwissenschaft ein, besuchte kunstpädagogische Seminare. Die Mutter gab Geld, wann immer sie konnte. Aber die Nähe zum Vater, die Enge der Mauerstadt quälten ihn. 1972 zog, oder eher: floh Helmut. In Lörrach, Würzburg und Bamberg arbeitete er als Kirchenrestaurator.

Jahre später, Hester war noch nicht geboren, schrieb Helmut in das rote Buch: „Ich will mir große Mühe geben, dass du vor uns nicht flüchten musst! Aber wenn, dann hast du meinen Segen. Ehrenwort!“

1974 kehrte Helmut nach Berlin zurück, arbeitete eine Zeitlang als Bühnenbildner und Theatermaler, bewegte sich in der Kreuzberger Off-Szene. 1977 machte er eine kleine Ladengalerie in der Friesenstraße auf, stellte seine eigenen Bilder aus. Manchmal verkaufte er eins. Mit Aufträgen als Restaurator und Maler und mit der Unterstützung der Mutter kam er über die Runden.

Ende der 80er Jahre lernte er Adolf-Henning Frucht kennen, einst ein führender Wissenschaftler in der DDR, der Kenntnis von chemischen Kampfstoffen erhalten hatte, mit denen die Sowjetunion das Frühwarnsystem der USA hätte lahmlegen können. Er informierte die CIA und wurde wegen Spionage zu lebenslanger Haft verurteilt. Neun Jahre saß er in Bautzen, im selben Gefängnis wie Helmuts Vater. 1977 kam Frucht durch einen Gefangenenaustausch frei. Helmut wurde Herausgeber des Buches „Briefe aus Bautzen II“, eine seiner prägendsten Arbeiten. Menschen wie Frucht, mutig, undogmatisch, faszinierten Helmut. Sie waren für ihn, wie es Hannelore beschreibt, „das, was der Vater hätte sein sollen: sinnstiftende Identifikationsfiguren“.

Kein böses Wort

Durch Frucht lernte er im November 1989 Hannelore kennen. Die Leidenschaft für Literatur und Kunst verband die beiden. Als Hester aufwuchs, arbeitete Helmut vor allem als Autor für den Hörfunk. Hester erlebte ihren Vater meist an seiner Schreibmaschine sitzend, Zigaretten rauchend. Manchmal erfüllte Musik den Raum. Manchmal verriet der Duft von Farben, dass er wieder einmal ein Bild malte. Nie hatte sie Eintrittsverbot, sie war immer willkommen.

„Er zeigte seiner Tochter die Welt, einfühlsam, liebevoll, spielerisch“, so beschreibt es Hannelore. „Manchmal war es mir, als ob er selbst die Welt mit ihr neu erfahren, ja neu erschaffen würde, eine Welt, in der die Gespenster seiner Kindheit und Jugend Eintrittsverbot hatten.“ Hester sagt, sie habe von ihm nie ein böses Wort gehört.

Über seinen Vater schrieb er nie; zu groß war die Angst vor den Gespenstern. Dafür wandte er sich umso offener den Schicksalen anderer zu, waren diese auch noch so schmerzhaft. Hörfunksendungen machte er über die Jüdin Stella Goldschlag, über den polnischen Dichter Tadeusz Rózewicz, die Widerstandskämpferin Mildred Harnack-Fish.

Helmut und Hannelore trennten sich 2003. Hester wohnte bei ihrer Mutter, doch das enge Band zwischen den dreien blieb bestehen. Helmut zog in die Souterrain-Wohnung einer Villa mit schönem Garten in Lichterfelde-West, die einem Künstler gehörte. Er malte wieder mehr, lud zu Ausstellungen. Doch nach dem Tod des Eigentümers wurde ihm der Mietvertrag gekündigt. Ein Schock. Wohin sollte er gehen? Seine Einkünfte waren schmal, die Mieten stiegen.

In Fürstenberg an der Havel fand er eine bezahlbare Wohnung, aber mit der Gesundheit ging es bergab. Er erlitt leichte Schlaganfälle. Hester besuchte ihn regelmäßig und kümmerte sich um ihn. Als er Ende 2021 dreimal kurz hintereinander ins Krankenhaus musste, sagte er am Telefon zu Hannelore: „Ich werde wohl den bürgerlichen Heldentod sterben.“ Was er damit meine, fragte sie. „Einfach zu Hause sterben.“

An einem Dezembermorgen ist es geschehen. Der Nachbar fand ihn leblos an seinem Schreibtisch sitzend, eine Zigarette im Aschenbecher. Bei der Trauerfeier erklang das Lied von Franz Schreker, mit dem er sich lange beschäftigt hatte: „Sie sind so schön, die milden, sonnenreichen verträumten Tage früher Herbsteszeiten.“

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