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Nachruf auf Heinz-Peter Baganz Damals, im Kalten Krieg

Er dankte den Amerikanern, er ging zur Polizeireserve, er war Beamter in der Innenverwaltung. Vom Leben in einer nervösen Stadt

Die Rosinenbomber dröhnten am Himmel. Peter wetzte los, den Maschinen hinterher. Da schwebten die Pakete an Minifallschirmen herab, mit Schokolade darin und Kaugummi. Süße Versprechen auf eine bessere Zukunft. Peter lief und lief, bis auch er so ein Paket in seinen Händen hielt. Glück.

Glück war auch sein großer Stiefbruder Heiner. Peter wich nicht von seiner Seite. Heiner wiederum verteidigte ihn auf dem Schulhof, wenn es Ärger gab. Heiner rebellierte gegen die strenge Mutter, er nahm Peter mit ins Kino, teilte die Brause mit ihm. Immer wieder schreibt Peter von ihm in seinem Tagebuch.

Glück waren auch die Päckchen, die Onkel Ernst Joseph aus den USA zu Weihnachten sandte mit Süßigkeiten und Kugelschreibern, die es in Deutschland noch nicht gab. Gaben aus dem gelobten Land. Wann sich Peters Vorliebe für Cola durchsetze, ist nicht bekannt, aber irgendwann trank er nur noch Cola.

Im August 1961 malte Peter Stacheldraht in sein Tagebuch und notierte: „Alarm in Berlin. Fast alle Sektorenübergänge sind geschlossen. Ost-Berlin hat sich in ein Heerlager verwandelt.“ Als Kennedy in die Stadt kam, fuhr Peter mit seinem Motorrad auf der Straße, auf der die Präsidentenkolonne unterwegs war. Er schaute rüber, sah ihn. Schaute wieder rüber, übersah ein Auto. Schulter gerissen, Operation, künstliche Sehne. In seinem Krankenzimmer stand ein Radio, das Kennedys Rede übertrug. Als Reagan 1987 vor dem Brandenburger Tor auf einer Bühne stand und sagte „Mr. Gorbatschev, open this gate“, war Peter auch vor Ort, im Dienst der freiwilligen Polizeireserve.

Briefwechsel mit Amerika

Nachdem die Mauer tatsächlich gefallen war, schrieb er seinem Onkel Ernst Joseph einen langen Brief, legte ein Mauerbröckchen bei, und dankte allen Amerikanern, die so viel für sein Berlin getan hatten. Der Onkel sandte den Brief weiter an das Weiße Haus und bekam eine Antwort im Namen des Präsidenten: großer Dank für „diese bewegende Nachricht in diesen bewegenden Zeiten“. Den Brief von Peter und die präsidiale Antwort druckte die texanische Tageszeitung „Insight“ auf der Titelseite ab.

Zwei Mal ist Peter sitzen geblieben. Vielleicht lag es daran, dass er so frech sein wollte wie Heiner. Oder daran, dass er ein bisschen eitel war und partout seine Brille nicht aufsetzen wollte. Was vorne an der Tafel passierte, bekam er nicht so richtig mit. Als Junge war er noch in den Häuserruinen unterwegs, Patronen suchen. Als Jugendlicher ging er mit den Pfadfindern in den Wald, Hütten bauen, Lagerfeuer machen, Fahnen von anderen Stämmen klauen. Mit 18 trat er in die freiwillige Polizeireserve ein, die als Antwort auf die Betriebskampfgruppen Ost-Berlins gegründet wurde. Peter lernte schießen mit Maschinenpistolen, bewachte öffentliche Gebäude, wurde Hundertschaftsführer.

West-Berlin war eine nervöse Stadt. Wie würde sich die DDR verhalten? Was plante die Sowjetunion? Würde es Krieg geben? Auch Peter trieben diese Sorge um, so sehr, dass er sich entschloss, vollends in den Staatsdienst einzutreten, erst als Verwaltungslehrling, dann als Stadtinspektoranwärter. Erst in Spandau, dann bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, schließlich fürs Innere. Er war ein eher unbequemer Beamter mit einem Hang zur Dickköpfigkeit. War ein Protokollblatt voll, fügte er eigenmächtig Zeilen hinzu. Mochte er nicht, was ein Chef anwies, diskutierte er, gab nicht klein bei. Als in Tschernobyl die Reaktoren schmolzen, saß er in der Berliner Task Force und organisierte Magermilchpulver und andere Nahrungsmittelnotreserven für die Stadt. Später arbeitete er als Leiter für das Beschaffungsreferat der Polizei und verhandelte über Uniformen und Bewaffnung. Zuletzt war er Chef der Berliner Verkehrslenkung. Er sang im Polizeichor, war ehrenamtlicher Richter, besuchte einen Debattierclub, unterrichtete Verwaltungsrecht und absolvierte seine 100 Liegestütze jeden Morgen.

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Seine Mutter war gegen Lieselotte. Ihre Eltern mochten ihn nicht. Und Peter dachte: Jetzt erst recht. Sie war Beamtin, er war Beamter. Sie feierte gerne, er feierte gerne. Das musste doch passen. 1969 heirateten sie, kauften sich einen Renault, bekamen einen Sohn, Alexander. Lieselotte sollte von nun an zu Hause bleiben. Peter liebte Alexander, raufte mit ihm, baute ihm die Eisenbahn und Indianerforts. Als Alexander älter wurde und ähnlich stur wie sein Vater, rumpelten sie aneinander. Peter aber wurde mit dem Alter nachgiebiger. Am Ende fuhr er mit seinem Sohn und dessen Frau in den Urlaub, nach Rom und auch nach Kasachstan, wo sie herstammt. Auf Fotos sitzt Peter mit traditioneller Mütze und Mantel in einer Jurte inmitten ihrer Familie. Er lacht und verständigt sich mit großer Geste. Der Kalte Krieg lag lange zurück. Am schönsten war es in der Savanne von Namibia. Allein war er in das Land gefahren, um den Sternenhimmel der südlichen Hemisphäre zu sehen. Da stand er dann, in völliger Dunkelheit, schaute nach oben in einen Sternenhimmel, so prachtvoll, wie er ihn noch nie gesehen hatte.

Dass dieser Virus ihn besiegen würde, hätte er nicht gedacht. Dem Arzt verkündete er, dass er auf jeden Fall das Krankenhaus so verlassen würde, wie er hereingekommen war, aufrechter Gang, selbstständig. Doch dann lag er im Koma, die Lunge völlig zerfressen. Zwei Tage vor seinem Tod war er nicht mehr ansteckend. Sein Sohn und seine Schwiegertochter durften endlich die Schutzanzüge ausziehen und seine Hand halten, Haut auf Haut. Sie sagten, dass sie bei ihm bleiben würden. Und dass er jetzt gehen dürfe.

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