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Gerhild Koch Foto: privat
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Nachruf auf Gerhild Koch „Nun aber Ruhe, meine Herrschaften!“

Ein Kreuzberg-Leben: Frauen-WG, Raubdrucke, Hippie-Schmuck, Wagenburg, Sozialprojekt. Und hinterm Tresen war sie die Respektsperson.

Im Spätherbst eine letzte Runde durch Kreuzberg mit Rollator und Sauerstoffgerät, ein Kraftakt, vorbei an den Kneipen, in denen sie gearbeitet hat. Die alte Kundschaft findet sie pandemiebedingt vor Spätis und am Mariannenplatz wieder, wo ein Punk-Konzert stattfindet. Überall wird sie begeistert empfangen. Getrunken wird ja immer, gerade in Scheißzeiten.

Im Dezember dann die Beisetzung in Schöneberg, unter Auflagen. Viele stehen vor der Kapelle, noch mehr am Grab. Der Himmel reißt auf und zieht sich wieder zu. Es werden Lieder von Rio Reiser gespielt, der nicht weit entfernt unter der Erde liegt. Es gibt Butterbrote und Bier, als Abschiedsgruß ein Päckchen ihres Tabaks, der mit ihr in die Erde wandert.

Aufgewachsen ist sie im Ruhrpott, Wirtschaftswunder, kleinbürgerlich, repressiv. Nichts hält sie dort. Sie zieht nach Heidelberg, um Arzthelferin zu werden. Leider ist der Arzt drogensüchtig und übergriffig, Gerhild flüchtet sich in die Gammlerszene. An der Uni formiert sich das „Sozialistische Patientenkollektiv“ mit der Parole „Aus der Krankheit eine Waffe machen“. Gerhild bleibt lebenslang der Antipsychiatrie-Bewegung verbunden. Bei ihrem hochbegabten Bruder, manisch-depressiv, sieht sie in die Abgründe der Drehtürpsychiatrie.

Umzug nach West-Berlin, Kreuzberg. Sie lebt in Frauen-WGs, sie wird schwanger, der Erzeuger bleibt Randnotiz. Sie lernt Stephan kennen, ihre große Liebe. Er nimmt liebevoll ihre Tochter und später den gemeinsamen Sohn mit in eine Lebenswelt am Rand. Beide verkaufen Raubdrucke, Hippie-Schmuck, Tee. An der Gedächtniskirche steht sie neben einer unscheinbaren älteren Frau, die erotische Strickwaren, Bildchen und Transparente zeigt: Ficken ist Frieden! Der Mut von Helga Goetze imponiert ihr.

Nach Spanien!

Wenn es eng wird, wird gejobbt. Altenpflege, Männerwohnheime. Dann geben Stephan und sie ihre Wohnung auf und starten mit einem Bus nach Spanien, alles noch mal neu, die Kinder sind begeistert. Doch so leicht ist das alles nicht, Geld fehlt, mit der Sprache ist es auch nicht so weit her, also wieder zurück in die Inselstadt. Wo sie ihren Wohnbus auf die Brache am Potsdamer Platz stellen. Mit Gleichgesinnten bauen sie eine Wagenburg auf, mühsam und später schön. Eine Idylle mit Pflanzen und Tieren, bis die Mauer fällt und die Investoren kommen.

Die Wagenburg zieht um nach Neukölln, auf ein Friedhofsgelände. Wieder alles auf Anfang. Beide Kinder finden ihren Weg ins Leben mit Arbeit und eigenen Wägen nebenan. Aber Stephan und Gerhild verlieren sich. Er zieht in eine andere Wagenburg, sie bewohnt den maroden Bus nun allein, wieder sprießt die Natur um ihn herum. Die Erinnerungen auch. Gerhild verkauft auf Flohmärkten Klamotten, arbeitet in einem Sozialprojekt am Ausschank. Alkohol ist tabu. Dafür ist hier niemand allein.

Selbst wenn sie eine emphatische Zuhörerin und Ratgeberin ist, nüchtern ist das nicht zu ertragen. Sie kennt ja diese verbrauchten Gesichter, die Kreuzberger Randexistenzen.

Sie putzt in Galerien, lernt Menschen kennen, die Kunst produzieren oder Lebenskünstler sind, stellt sich hinter echte Tresen echter Kneipen, schiebt Nachtschichten. Gerlind ist cool und souverän, eine Respektsperson. Wer ihr dumm kommt, besoffen-aggressiv ist oder rechten Scheiß rausgrölt, fliegt raus. „Nun aber Ruhe, meine Herrschaften!“ Liebgewordene Stammgäste können bei ihr persönlich anschreiben, auch wenn sie selbst ein Habenichts ist. Als sie auf Tagesschicht wechselt, spendiert sie Schnittchen, damit die Frühtrinker nicht vom Stuhl fallen.

Die Lebensbahnen verschatten sich. Freunde erkranken, sie ist da, wenn es Hilfe braucht, hält Hände, hört letzte Worte und Seufzer. Muss mit bitteren Verlusten leben lernen, versucht, es buddhistisch zu nehmen. Wo das nicht gelingt, soll der Alkohol helfen. Zum Glück hat sie noch ihre Kinder und die grüne Oase mitten in der Stadt.

Eine ältere Frau

Die politischen Endlosdiskussionen gehen ihr am Arsch vorbei, sie befördern nur den Nikotinkonsum und das Wachkoma. Zu Demos geht sie selbstverständlich. Und ihr Refugium bleibt die Wagenburg. Auch wenn der Bus rostet und es zieht, im Winter Eisblumen blühen. Im Sommer lädt sie gerne ein, Kinder von Freunden bestaunen die bunte Welt, die so anders ist als „Löwenzahn“ im Fernsehen. Gerhild hofft auf ein Enkelkind.

Als Adam kommt, kann sie ihr Glück kaum fassen. Fuchst sich in die digitale Welt ein, in der Kneipe an Tisch eins werden nun Handyfotos eines Heranwachsenden gezeigt. Gerhild, die liebevoll so vielen fremden Kindern Schlittschuhlaufen und andere Kompetenzen vermittelt hat, ist jetzt aber eine ältere Frau. Atemnot und Gliederschmerzen sind Begleiter, fit ist die Oma nicht mehr. Der Bus ist Geschichte. Ein Obdachloser hatte sich dort breitgemacht, als sie im Ostseeurlaub weilte. Der Schock sitzt tief. Sie wohnt nun bei einer Freundin gleich neben dem „Goldenen Hahn“, wo sie noch immer Bier ausschenkt. Richtig glücklich wird sie hier nicht mit Ofenheizung im dritten Stock und der Partymeile vor der Haustür. Kein Grün, nur Menschen in allen Aggregatzuständen.

Ein starkes Schmerzmittel und andere Stimulanzien sollen ihr Leben erträglicher machen; auf der Arbeit kommt sie an Belastungsgrenzen, in der Raucherkneipe ist der Sauerstoff knapp. Tischservice geht nicht mehr, die Gewerkschaftspausen mit Kippe neben dem Tresen dehnen sich aus, Gäste helfen beim Spülen und Gläsereinsammeln.

Bis sie vollends nicht mehr kann.

Durch den resoluten Einsatz ihrer Schwester, einer Lehrerin, bekommt sie eine Seniorenwohnung im Kiez, doch mühsam ist das Leben und überschaubar die Welt. Als ihr Sohn sie in ihrer Wohnung findet, sieht es nach einem verzweifelten Kampf aus, kein Gegner, keine Luft. Die Polizei schließt Fremdeinwirkung aus.

Gut, dass der Junge handwerklich was draufhat. In mühevoller Kleinarbeit zerflext er Gerhilds zurückgelassenen verrotteten Bus. So wäre ein Stellplatz frei in der Wagenburg. Wenn die Kirche das Gelände nicht an Investoren verkauft hätte, die Eigentumswohnungen bauen wollen.

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