Flynn W. Picardal Foto: privat
© privat

Nachruf auf Flynn W. Picardal Kein Zögern, kein Zaudern

Er war Koch, Rockgitarrist, Versicherungsagent und Mikrobiologe. Denn wenn er einen Plan gefasst hatte, setzte er ihn auch um.

Flynn war ein disziplinierter Schüler, ordentlich, konzentriert, die besten Noten. Er wuchs an der Ostküste der Vereinigten Staaten, auf Long Island auf. Seine Mutter, irisch-deutscher Abstammung, schuftete in der chemischen Reinigung. Sein Vater, ein Immigrant von den Philippinen, arbeitete als Kellner von früh morgens bis spät abends und manchmal auch in der Nacht. Das Geld war knapp, und für Flynn war klar: Er würde später einmal gut verdienen! Was nur funktionieren konnte, wenn er der Beste der Klasse war. Also keine Partys, keine Freunde. Schule! Später, als Erwachsener, gab er den Kellnern immer ein hohes Trinkgeld, zehn Euro, 20 Dollar, alles darunter wäre ihm peinlich gewesen.

Besonders gut war Flynn in Biologie, Chemie und Mathe. Eine Begabung, die von einem Science-Fiction-Film genährt wurde, in dem ein verrückter Professor nur auf einen Knopf drücken musste, es qualmte und blitzte, und eine abenteuerliche Apparatur setzte sich in Gang. Das wollte Flynn auch können. Ein Lehrer erkannte Flynns Interesse und verschaffte ihm einen Platz in einem der begehrten naturwissenschaftlichen Universitäts-Vorbereitungskurse. Jeden Samstagmorgen setzte Flynn sich in die U-Bahn, fuhr den weiten Weg nach Manhattan zur Columbia-Universität. Und weil der amerikanische Traum hin und wieder in Erfüllung geht, bekam der hart arbeitende junge Mann ein Stipendium für ein Biologie-Studium.

Auch die Drogen waren eine Offenbarung

Die Uni war ihm eine Offenbarung, nicht wegen des Biologie-Unterrichts, sondern wegen der hübschen Frauen. Flynn hatte eine Freundin nach der anderen. Wenn er eine noch schönere sah, verabschiedete er sich von seiner aktuellen. Auch die Drogen waren eine Offenbarung: LSD, Amphetamine, alles, was die Welt zum Leuchten brachte. In Woodstock war er auch, doch während Jimmy Hendrix spielte, verarbeitete er seine chemisch induzierten Eindrücke. Sein Studium bestand er immerhin, wenn auch nur knapp.

Er war 22 und bereit für neue Abenteuer: ab ins Auto, quer durchs Land. In Kalifornien schlug er sich ein paar Jahre als Koch durch, in Florida arbeitete er tags für eine Versicherungsgesellschaft und lebte abends auf mit seiner Gitarre, mit den Jungs. Sie nannten sich "The Front", spielten harten Rock mit Punk-, Metal- oder New-Wave-Elementen. Sie nahmen Platten auf, gaben Konzerte. Die regionalen Radiosender spielten ihre Songs, sie traten im Fernsehen auf.

Wenn der Moderator mit seinen Fragen auf die Bühne trat, war es Flynn, der für sie alle sprach, cool, locker, lustig. Er war am besten mit den Wörtern, also sollte er das machen. „Unsere Musik ist für den Geist und den Körper. Es ist Tanzmusik für die Intellektuellen, die Technikfreaks und Wissenschaftsnerds. Es gibt viele Intellektuelle da draußen, die nur auf uns warten.“ Ihre Songs handelten von der Atommacht Amerika, von Bakterien – und auch von der Liebe. Ihr größter Erfolg war es wohl, als Vorband von U2 aufzutreten, „dieser interessanten Truppe aus Irland“.

Irgendwann dann, Mitte der 80er Jahre, hatte Flynn genug. Er war jetzt 35, und es war an der Zeit, sein Leben in andere Bahnen zu lenken. Wenn Flynn sich für etwas entschied, wenn er Pläne machte, dann setzte er sie auch um. Kein Zögern, kein Zaudern. Er verabschiedete sich von der Band und fuhr zurück nach New York.

Den Doktor gleich hinterher

Arbeit fand er bei einer Versicherungsgesellschaft mit Sitz an der Wall Street, diesmal zuständig für Feuerschäden. Flynn hielt solange durch, bis sie ihn eines Tages befördern wollten. Doch er hatte genug, für dieses Nine-to-five-Schreibtisch-Arbeitsleben war er nicht geschaffen. Er vermisste die langen Nächte. Und er vermisste die Naturwissenschaften, die Biologie.

Kündigung ausgefüllt und ab in den Masterstudiengang, den Doktor gleich hinterher. Fünf Jahre verbrachte er dafür in Arizona und war verliebt in diese Landschaft. Glühend prallt die Sonne, heiß weht der Wind, riesige Kakteen, weite Landschaften; für Flynn war es ein Sehnsuchtsort. 1993 bekam er eine Stelle als Professor an der Indiana-Universität in Bloomington. Eine ruhige kleine Stadt, vielleicht ein bisschen zu ruhig und ein bisschen zu klein für einen wie Flynn. Dafür reiste er als Austausch-Professor in die Welt hinaus, ganz viel Asien, ganz viel Europa. Die Mikrobiologie des Wassers und technischer Umweltschutz, das waren zwei seiner vielen Themen. Dreimal war er für eine Gastprofessur in Deutschland. 2017 in Berlin, an der Technischen Universität. „In dieser Stadt will ich sterben“, sagte er einmal, halb im Ernst, halb aus Spaß.

[Die anderen Texte unserer Nachrufe-Rubrik lesen Sie hier,
weitere Texte des Autors, Karl Grünberg, lesen Sie hier]

Berlin faszinierte ihn, eine raue Stadt. Seine Lieblingsecke war der Kotti, in den Trinkteufel, die alte Punk-Kneipe um die Ecke, ging er, wenn die Nachtschwärmerei ihn packte. Susanne faszinierte ihn auch. Er lernte sie über eine Dating-App kennen. Ihr gefiel, wie er sie mit einem Kuss auf die Wange begrüßte, wie er ihr amerikanisches Craft Beer empfahl, wie sie sich stundenlang unterhielten. Völlig mühelos. Er hatte so etwas unbedingt Freundliches, Liebenswürdiges. Dazu seine großen, intensiven Augen. Drei-, viermal trafen sie sich, dann küssten sie sich richtig.

Als er zurück in die USA musste, fassten sie diesen Plan: Ein Jahr noch würden sie durchhalten, sie besuchte ihn, er zeigte ihr die Stationen seines Lebens, Long Island, New York City, das heiße Arizona und Bloomington. Danach würde er in den Ruhestand gehen, alles verkaufen, sein Haus, seine beiden Motorräder, und nach Deutschland ziehen. So geschah es, kein Zögern, kein Zaudern. Ein Jahr später war er wieder in Berlin.

Er wohnte auf der Roten Insel in Schöneberg, ging im Park am Südkreuz joggen, in Kreuzberg entwickelte er Fotos in einem Fotoklub. Er wollte seine Fitness verbessern, weniger rauchen, noch besser Deutsch sprechen. Er freute sich auf jeden neuen Tag in dieser Stadt, mit dieser Frau. Sie kauften sich eine Wohnung. Als sie viel Stress hatte, die Mutter schwerkrank, war er für sie da.

Bis zum 4. Januar. Am Abend davor hatte er ihr Nachrichten gesendet. Wollte mit ihr in den neuen Miles-Davis-Film gehen. Schrieb, dass er sie liebt. Doch jetzt erreichte sie ihn nicht mehr. Sie fuhr zu ihm, schloss seine Wohnung auf, fand ihn in seinem Schlafzimmer. Ein Herzinfarkt.

Nun liegt Flynn W. Picardal aus Long Island in Berlin begraben.

[Wir schreiben regelmäßig über nicht-prominente Berliner, die in jüngster Zeit verstorben sind. Wenn Sie vom Ableben eines Menschen erfahren, über den wir einen Nachruf schreiben sollten, melden Sie sich bitte bei uns: nachrufe@tagesspiegel.de. Wie die Nachrufe entstehen, erfahren Sie hier.]

Zur Startseite