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Nachruf auf Angela Friedrich Das Leid der frühen Tage

Auch als sie ein schönes Leben führte, hockten tief in ihr die Dämonen der Vergangenheit

Nachträglich schien es, als sei der Schrecken vorgezeichnet gewesen, als hätte er im Wesen der Dinge ihres Lebens gelegen. Zwei Ereignisse hinterließen tiefe Einschnitte, in ihrer Kindheit, in ihren jungen Erwachsenjahren.

Angela war fünf. Lebte mit den Eltern und der älteren Schwester nah der Ostsee, in den giebeligen Gassen Wismars. Der Vater war während des Krieges Major gewesen und betrieb nach der Befreiung durch britische und kanadische Truppen und nach der Ankunft der Roten Armee mit ehemaligen Gefährten aus der Wehrmacht eine Spionagegruppe, die den Amerikanern zuarbeitete. Man weiß kaum etwas über seine Tätigkeit, nur so viel, dass er Informationen über den Zug- und Autoverkehr der Sowjets beschaffte und weiterleitete. Er flog auf, mutmaßlich hatten ihn Nachbarn verraten, er konnte fliehen und kam nach sechs Wochen des Herumirrens in West-Berlin an. In dieser Zeit verhörten die Sicherheitsbehörden Angelas Mutter wegen möglicher Mitwisserschaft, in der Wohnung brüllten sie sie an und tauchten immer wieder ihren Kopf in kaltes Wasser, während sich die Kinder im Nebenraum duckten. In ihrer Angst, ihrer Qual nahm sie sich anschließend das Leben. Den Töchtern wurde später erzählt, sie sei auf einen Hochspannungsmast geklettert.

Nach dem Tod der Mutter holte der Großvater die beiden Mädchen ab, sagte, sie führen auf einen kurzen Besuch zu Verwandten nach Schwerin. Dann kann ich meine Lieblingspuppe da lassen, dachte Angela. Aber die Reise ging zum Vater in den Westen. Die Puppe hat sie nicht wieder gesehen.

In Berlin machte der Vater Karriere beim Verfassungsschutz. Er kaufte ein Haus in Kladow, heiratete erneut. Ins Außen gerichtet, ein Leben in Ordnung. Im Inneren eine Posse. Denn der Vater hatte die Frau zuvor ausspioniert und wollte sein schlechtes Gewissen nun durch den Akt der Hochzeit abschwächen. Zwischen der Stiefmutter und Angela gab es deutliche Spannungen. Dessen ungeachtet war sie ihre mütterliche Bezugsperson. Eine ambivalente Situation, ein strapaziöses Hin und Her. Frühes Leid.

Sie konnte das Lenkrad nicht mehr halten

Der zweite lebensprägende Einschnitt begann mit einer fröhlichen Fahrt zu viert. Angela, inzwischen 24, hatte gerade ihr Lehramtsstudium für Geschichte und Geografie abgeschlossen. Sie hatte sich an der Hochschule in Hans-Hermann verliebt und er sich in sie. Bevor aber das gemeinsame Leben so richtig beginnen sollte, wollte Hans-Hermann eine lange erträumte Weltreise unternehmen. Angela sollte ihn bis Paris begleiten, zusammen mit einer Freundin und der 16-jährigen Tochter von Bekannten. Sie setzten sich ins Auto, Angela am Steuer. Kurz vor Paris kamen sie auf eine regennasse Chaussee, der Wagen schlingerte, Angela konnte das Lenkrad nicht mehr halten, sie prallten gegen einen Baum, wurden aufs Feld geschleudert. Das Mädchen starb.

Vier Kinder kamen in den nächsten Jahren zur Welt. Angela pausierte mit der Arbeit an der Schule. Es war ein schönes Leben. Und doch hockten, tief in ihr, immer die Dämonen der Vergangenheit, der Tod der Mutter, der Tod des Mädchens. Angela ängstigte sich oft. Sie schlenderten am Strand von Helgoland entlang, ihr Ältester lief ein wenig voran, sie hielt das nicht aus. Die Angst war immer da, aber sie konnte sie noch kontrollieren. Als die Kinder groß genug waren, 1992, kehrte sie wieder in den Schuldienst zurück.

Sie verreiste mit Hans-Hermann, tanzte mit ihm, ging mit ihm in die Philharmonie, ins Theater, in Ausstellungen. Sie dachte nach. Sie las, besonders gern die Manns. Malte Landschaften, Kirchen, Sonnenblumen, in sattem Gelb, die Farbe, die sie vor allen anderen mochte.

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Im Moment ihrer Pensionierung, mit 63, kam die Diagnose Brustkrebs. Und es erschienen die Dämonen wieder, mit aller Wucht. Das Leid der frühen Tage kroch hervor und nahm die Gestalt einer Psychose an. Dazu Parkinson, falsche Medikation. Monate im Krankenhaus, die keine Besserung brachten. Sie magerte ab, und die Angst grub sich tiefer in ihren Kopf, ermattete sie, zermürbte sie. Sie dachte daran, ihrem Leben ein Ende zu setzen, sie bekämpfte die Gedanken. Sie ließ sich in die Psychiatrie einweisen. Doch der Spuk wich nicht. Sie fürchtete sich vor Hochwasser und vor Feuer, überall mussten Zettel mit den Zahlen 110 und 112 kleben. Sie sah ihre Kinder, klein noch, im Baum gegenüber sitzen. Oder neben sich auf der Bettdecke, wo sie murrten und gefüttert werden wollten. Oder sie, die sich ein Leben lang um alle gesorgt hatte, glaubte, ihre Familie umgebracht zu haben, wartete auf die Polizei, die sie gleich in Handschellen abführen würde. Zwischendrin gab es immer wieder lichte Augenblicke. Sie unterhielt sich, als gäbe es dieses andere, verzerrte Ich nicht.

Sie notierte Sätze: „Mein Kopf ist ganz durcheinander. Es wäre schön, wenn es wieder normal wäre.“ Oder: „Ganz schlapp. Ohne Kraft.“ Oder: „Habe manchmal das Gefühl, die Retardkapseln sind zu stark.“

Die Parkinson-Erkrankung, die falschen Tabletten machten sie fast bewegungsunfähig. Sie konnte kaum mehr schlucken. Lag nur noch. Presste die linke Hand an die Brust und führte sich mit der rechten langsam eine Traube in den Mund.

Corona verschärfte die Situation. Niemand durfte sie im Pflegeheim besuchen. Sie konnte das Telefon nicht halten, keinen Knopf drücken. Es kamen Lockerungen, die Familie fuhr zu ihr. Dann wurde die Einrichtung erneut geschlossen, sie wurde schwächer und schwächer. Und sie ließ los.

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