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Adriane Klama Foto: privat
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Nachruf auf Adriane Klama "Was für eine wilde Fahrt!“

Wann immer sie aus der Kurve zu fliegen drohte, hatte sie einen ihrer Sprüche parat: „Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, frag nach Tequila und Salz!“

Ihr Schwur: „Das Leben soll keine Reise sein mit dem Ziel, in einem attraktiven, gesunden Körper ins Grab zu steigen. Wir sollen lieber seitlich hineinrutschen, mit Schokolade in der einen und einer Flasche Sekt in der anderen Hand, der Körper total abgerockt und verbraucht, aber glücklich schreiend: Wow, was für eine wilde Fahrt!“ Wild war ihre Fahrt, gern auch kreuz und quer, aber wann immer sie aus der Kurve zu fliegen drohte, hatte sie einen ihrer Sprüche parat: „Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, frag nach Tequila und Salz!“

Sie war ein Sonnenschein, als Kind schon. Die Eltern zogen mit ihr aus Polen weg, da war sie fünf Jahre alt. Ihre Spielsachen hatte sie zurücklassen müssen. Kein Wort Deutsch konnte sie. Und ihre neue Heimat war eine Stadt, die im Krieg völlig zerstört worden war: Pforzheim. Aber, hob sie gern mahnend den Finger, in den hässlichsten Städten finden die nettesten Leute sich an den schönsten Plätzen. So erging es zumindest ihr, denn wo auch immer sie sich hinsetzte, lernte sie binnen kürzester Zeit die liebsten Menschen kennen. Und bald war sie selbst stadtbekannt, denn sie tanzte als Funkenmariechen im Karneval.

Adriane hat gern Menschen begeistert, ein paar Lehrer ausgenommen, deswegen brach sie die Fachhochschule ab, und die Physiotherapieausbildung ließ sie auch sausen. Sie hat alles gern gemacht, aber nur, wenn sie es auch wirklich mochte. Sie ging in die Gastronomie, denn sie mochte Menschen, und die Menschen mochten sie. Sie war eine der Kellnerinnen, für die die Gäste in jedes Lokal kommen würden, nur um von ihr begrüßt zu werden. „Sie hatte immer die Sonne im Gesicht“, schwärmen die Stammkunden. Und sie war eine Schönheit, was umso angenehmer auffiel, weil sie sich nichts darauf einbildete. Natürlich hatte sie die freie Auswahl bei den Männern, aber das brachte ihr nicht unbedingt Glück. So perfekt, wie sie den Vater ihres Kindes wollte, konnte eigentlich kein Mann sein. Ein Griesgrämiger kam ihr nicht ins Haus, ein Schmuddeliger auch nicht, kein Hässlicher, kein Unsportlicher, und schon gar kein Doofer oder einer ohne Humor. Da blieb keine große Auswahl mehr, dafür geriet ihre Tochter dann aber auch ganz wunderbar, was die Erziehung denkbar einfach machte: „Ich lieb dich immer dreimal mehr!“

„Freunde sind da, um die Familie zu erweitern“

Das schloss gelegentliche Brüllereien nicht aus, weil Tochter Sina früh schon ihren ganz eigenen Willen hatte, aber: „Kinder kommen nicht nach fremden Eltern“. Also rauften sich die beiden immer wieder zusammen. Der Vater war da gar nicht mehr nötig, zumindest nicht seine ständige Anwesenheit. Es gab ja viele alleinerziehende Mütter, gerade in der Gastroszene, und alle kannten sich, halfen einander, so hatten die Kinder viele Mütter und die Mütter viele Freundinnen. „Freunde sind da, um die Familie zu erweitern“, und um zu feiern. In der Wohnung lief immer Musik, ob Shakira oder Roger Cicero oder Max Giesinger, immer forderte einer zum Tanzen auf, und wenn Adriane tanzte, war sie woanders, „für den Moment dort, wo sie will“. Dort fuhr sie dann auch hin, im blauen Käfer, denn nichts schien unmöglich. Als ihr Pforzheim zu klein wurde, ging sie nach Berlin und fing hier ein neues Leben an. Sie studierte an der Hotelfachschule und jobbte nebenher in einem Restaurant, dessen Name ihr wie ein Glücksversprechen schien: „3 Minutes sur Mer“.

Ihre Wohnung in Friedenau war voll mit Dingen, die sie schön fand, und sie fand viele schöne Dinge auf dem Sperrmüll, über Kleinanzeigen, viel Geld musste sie nie dafür ausgeben. Sie machte liebend gern Geschenke, keine teuren, denn sie bastelte alle selbst. Tochter Sina rollte nervös mit den Augen, wenn es wieder einmal hieß: „Wir setzen uns jetzt hin und filzen!“ Und Adriane liebte es, Geschenke zu bekommen, gerade am Muttertag, der war ihr wichtig, insgeheim, denn ausdrücklich hätte sie nie darauf bestanden, geliebt zu werden.

Der Mann, mit dem sie nach Berlin gegangen war, verließ sie, aber die Stadt war so schön, und sie so verliebt in die Stadt, dass jeder Kummer ganz fern schien. Sie wanderte gern auf dem Gendarmenmarkt umher und auf der Museumsinsel, und noch lieber war ihr die Essenspause nach dem Spaziergang mit Sina am Tisch und vielen Genussgeräuschen: Hast du das schon probiert, mmmhhh, lecker! Und je besser das Essen, desto lauter ihr Lachen.

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Dann kam der Krebs. Bestrahlung ja, Chemo nein. Der letzte schöne Sommer. Sie verliebte sich noch einmal. Chris, ein Australier in Berlin. Das Leben meinte es wie immer gut mit ihr. Sie reisten und sie tanzten, und sie wussten sich so sicher in ihrer Liebe.

Nicht dein Ernst, lieber Gott, musste sie gedacht haben, als sie dann die Diagnose erhielt, die ihre Kräfte überstieg. Chris war auch an Krebs erkrankt und wollte oder konnte nicht krank mit ihr zusammen sein. Er zog zu seiner Familie nach Australien. Adriane sprach nicht viel darüber, über ihren Kummer, vielleicht konnte sie es auch nicht. Nicht jeder Schicksalsschlag lässt sich mit einem witzigen Spruch parieren. Es war zu viel. Denn auch ihr Krebs kam zurück, unerwartet, und der Befund ließ ihr nicht viel Zeit. Sie versuchte es mit der Chemo. Eine Freundin ging mit ihr in den Perückenladen. Dort wurden ihr die Haare abrasiert. Wie war die erste Nacht?, fragte die Freundin. „Hab’ mit Mütze geschlafen. Das Gefühl ist gewöhnungsbedürftig. Aber der Mensch passt sich ja schnell an.“

Sie ging mit Sina und einer guten Freundin auf Kreuzfahrt. Es war schön, aber auch so traurig, denn sie war nicht mehr die unbekümmerte Adriane. Sie wollte nicht sterben, aber noch weniger hätte sie es gewollt, wenn sie als ein trauriger Mensch in Erinnerung geblieben wäre. Das zerriss sie. Dieser Schmerz, als sie Abschied nahm von Sina, beim letzten Essen, als beide sich die Augen trocken geweint hatten. Als sie die letzte lange Umarmung hinausschob, als Sina gegangen war, ihr Blick im Rücken, der bleibt. Ein Wiedersehen am Muttertag, da war Sina schon auf dem Weg zum Krankenhaus. Sie wollte ihrer Mutter sagen, dass sie immer für sie da sein würde, auch wenn sie nicht zu ihr ans Bett durfte, wegen Corona, aber Adriane starb vor ihrer Ankunft. Im Wissen, dass Sina auf dem Weg zur ihr war, und dass sich in die Trauer immer auch ein Lächeln einschleichen würde, über all das Glück, all das Lachen: „Und denk immer daran: Geile Schnecken leben nur einmal … “

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