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Schwieriger Start: Im neuen Schuljahr müssen die Lehrkräfte mit den Schüler:innen viel aufholen. Foto: Britta Pedersen/dpa
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Anteil der Ungelernten steigt Berlin erfindet die „sonstigen Lehrkräfte“

Tausende Lehrer:innen wurden eingestellt, doch ein Großteil ist ohne formale Ausbildung. Der Bund zahlt 64 Millionen Euro, um Corona-Lernlücken zu schließen.

Berlins Mangel an ausgebildeten Lehrkräften hat sich weiter verschärft: Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) präsentierte am Dienstag die neuen Einstellungszahlen, aus denen hervorgeht, dass der Anteil der ungelernten Lehrer:innen abermals zugenommen hat. Zudem gab sie bekannt, wie die Bundeshilfen für Corona auf die Schulen verteilt werden.

Zu den Neueinstellungen sagte die Senatorin, dass es „trotz des harten bundesweiten Wettbewerbs um qualifizierte Lehrkräfte und trotz der pandemiebedingten Ausnahmesituation“ gelungen sei, 2886 Lehrkräfte einzustellen, darunter rund 1526 regulär ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer, was knapp 53 Prozent entspricht.

Um die Lücken zu füllen, wurden 790 Quereinsteigende verpflichtet, die jetzt berufsbegleitend ausgebildet werden. Das sind etwa studierte Biolog:innen oder Germanist:innen, denen bislang die pädagogische Qualifikation und oft auch noch das vorgeschriebene Zweitfach fehlt.

Da auch diese Gruppe ebenso wie in den drei Vorjahren nicht reichte, wurden 420 „sonstige Lehrkräfte“ eingestellt. Weitere 150 Bewerber seien noch „im Einstellungsprozess“, 80 Stellen vakant.

Bei den "sonstigen Lehrkräften" handelt es sich um Personen, die – anders als die Quereinsteigenden – mangels fachlicher Voraussetzungen nicht zu regulären Lehrer:innen ausgebildet werden können. Kaum zu unterscheiden sind sie von den "Seiteneinsteigern" (früher: "Lehrkräfte ohne volle Lehrbefähigung"), die ebenfalls kein Fach studiert haben, das einem Unterrichtsfach entspricht. Das können zum Beispiel Archäolog:innen sein, die dann in Geschichte oder bei Bedarf auch in ganz anderen Fächern eingesetzt werden.

Anders als die Seiteneinsteiger haben die "sonstigen Lehrkräfte“ aber eine Aussicht auf unbefristete Stellen: "Hier geht es um vormalige Willkommenslehrkräfte, Vertretungskräfte, Ein-Fach-Lehrkräfte, aber auch um Musiker oder Künstler für Musik- und Kunstunterricht, die von den Schulleitungen gezielt gewollt sind und nun erprobt werden", erläuterte ein Sprecher auf Anfrage. Die "sonstigen Lehrkräfte" sind somit eine neue Kategorie von erheblicher Größe. Noch im Vorjahr waren es unter 100, davor wurde diese Gruppe gar nicht ausgewiesen.

892 Stellen mit wurden gar nicht erst erwähnt

Wie schon im Vorjahr ließ Scheeres eine weitere Personengruppe zahlenmäßig unter den Tisch fallen, die ebenfalls die Lücken füllt. Dabei handelt es sich um 892 volle Stellen, die ebenfalls zum neuen Schuljahr mit neuen Verträgen besetzt wurden - allerdings befristet. Auch ihnen fehlt – wie den genannten 420 „sonstigen“ Lehrkräften – die fachliche Voraussetzung für den regulären Quereinstieg mit der Nachqualifikation zur regulären Lehrkraft.

[Lesen Sie mehr: 700 Lehrer werfen hin: Neue Kündigungswelle an Berliner Schulen verschärft Personalnot (T+)]

Dass Scheeres diese Gruppe nicht bezifferte, begründete ihr Sprecher damit, dass diese 892 Stellen schon länger im Haushalt festgeschrieben seien. Im übrigen weise auch die Kultusministerkonferenz „die befristet beschäftigten sonstige Lehrkräfte nicht mehr eigens statistisch aus“.

53 Prozent reguläre Lehrkräfte - oder nur 40?

Das allerdings ändert nichts daran, dass es sich hierbei um Stellen handelt, die nur deshalb befristet besetzt werden, weil es nicht genug gelernte Lehrkräfte gibt. Wenn man sie zu den 2886 Einstellungen hinzurechnet, ergeben sich sogar 3778 Einstellungen. Von dieser Gesamtzahl machen die 1526 regulären Lehrkräfte nur noch 40 Prozent aus.

Wird der neuen Landesregierung nicht mehr angehören: Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD). Foto: Jörg Carstensen/dpa Vergrößern
Wird der neuen Landesregierung nicht mehr angehören: Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD). © Jörg Carstensen/dpa

Damit ist die Lage ähnlich dramatisch wie 2018, als erstmals Lehrkräfte eine größere Rolle gespielt hatten, die heute unter "Sonstige" zusammengefasst werden. Ein präziser Zahlenvergleich zur Mangelsituation von 2018 wird allerdings dadurch erschwert, dass die Bildungsverwaltung mal Vollzeitstellen beziffert und mal Personen, die zum Teil nur in Teilzeit arbeiten.

Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat sagte auf Anfrage, dass die Ausstattung der Berliner Schulen mit ausgebildetem Personal „noch nie so schlecht war wie in diesem Jahr. Das aber verschweigt Scheeres“. Für Arnd Niemöller, den Vorsitzenden der Vereinigung der Oberstudiendirektoren, ist die Einstellungssituation ein klares Signal dafür, dass „Berlin den Sonderweg bei der Einstellung der Lehrkräfte aufgeben und zur Verbeamtung zurückkehren muss“. Die hatte die SPD einst abgeschafft, seit 2019 fordern jedoch auch Scheeres und ihre Partei wegen des Lehrermangels die Rückkehr zum Beamtentum. Die Linke hat das in der rot-rot-grünen Koalition jedoch verhindert.

Die Not der Brennpunktschulen

Astrid-Sabine Busse von der Interessenvertretung Berliner Schulleiter erinnerte am Dienstag daran, dass es die Brennpunktschulen seien, zu denen die „sonstigen“ Lehrkräfte bevorzugt geschickt würden, weil sich die gelernten Kolleg:innen eher für Schulen im bürgerlichem Umfeld interessierten.

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Zur den Corona-Hilfen gab Scheeres bekannt, dass Berlin rund 64 Millionen Euro vom Bund erhält, davon 44 Millionen Euro allein für Lernförderung. Von diesen 44 Millionen fließen 30 Millionen Euro direkt in die eigenen Schulbudgets.

Damit dieses Geld zielgerichtet eingesetzt werden kann, sind die Schulen verpflichtet, zunächst den Lernstand ihrer Schüler:innen zu erheben. Vom Schulbudget müssen dann mindestens 70 Prozent zum Abbau der Lernrückstände verwendet werden. Bis zu 30 Prozent können für schulinterne Förderangebote zur psychosozialen Förderung der Schüler:innen angebracht werden.

Feedbackgespräche sind jetzt Pflicht

Zudem sieht der am Dienstag veröffentlichte neue Handlungsrahmen beispielsweise vor, dass die Lehrkräfte mit ihren Schüler:innen „mindestens zwei lernprozessbegleitende Feedback-Gespräche“ zu führen haben. Bei Minderjährigen werden die Erziehungsberechtigten hinzugezogen.

[Was sich alles ändert im neuen Schuljahr hat die Bildungsverwaltung auch in einer zwölfseitigen Mitteilung aufgelistet, die sie hier als PDF herunterladen können.]

Die Pandemie habe „tiefe Spuren an den Berliner Schulen hinterlassen haben“, sagte die Senatorin. Es gehe darum, die Schülerinnen und Schüler wieder „an den regulären Schulalltag zu gewöhnen, ihnen Sicherheit zu geben und ihnen Hilfsangebote zukommen zu lassen“.

Zu den vielen weiteren Neuerungen im kommenden Schuljahr, das am Montag beginnt, gehört, dass mehr als 200 weitere Schulen Sozialarbeiter:innen bekommen. Zudem geht der Ausbau des Herkunftssprachenunterrichts voran: So wird das Angebot im Türkischunterricht auf rund 1600 Schüler:innen an 78 Grundschulen ausgeweitet. Zu den bereits außerdem existierenden Angeboten für Arabisch und Kurdisch kommen erstmals herkunftssprachliche Angebote in Polnisch, Russisch und Vietnamesisch hinzu.

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