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In der Exzellenzinitiative waren FU, HU, TU und Charité 2019 als Berlin University Alliance gemeinsam siegreich. Foto: Matthias Heyde/BUA
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Wo der Berliner Exzellenzverbund steht Aufbau der BUA? - „Einfach ist anders“

Wie weit ist der Exzellenzverbund der Berliner Unis gediehen? HU-Präsidentin Sabine Kunst spricht im Interview über den mühsamen Aufbau und neue Vorhaben.

Sabine Kunst ist Präsidentin der Humboldt-Universität zu Berlin und spricht aktuell für die Berlin University Alliance (BUA), den Bund der großen Berliner Universitäten.

Frau Kunst, vor zwei Jahren wurde die „Berlin University Alliance“ (BUA) zu einer der Siegerinnen in der Exzellenzstrategie gekürt. Der Verbund von FU, HU, TU und Charité soll die Zusammenarbeit der großen Berliner Universitäten auf eine völlig neue Basis stellen. Groß öffentlich auf sich aufmerksam gemacht hat die BUA seitdem noch nicht. Täuscht der Eindruck, dass der Aufbau des Verbundes mühsam ist?
Einfach ist anders. Es fordert natürlich einige Vorbereitungen und die Klärung komplexer Prozesse, ehe es rund läuft. Das tut es jetzt aber. Wir sind an dem Punkt, an dem wir für eine neue Qualität von Forschungsvorhaben einen Call nach dem anderen in die Häuser bringen. Die gute Nachricht ist: Der Verbund ist in den Universitäten angekommen, so dass es aus den Fakultäten sehr gute Rückmeldungen gibt.

Demnächst steht das erste „Statusgespräch“ mit Bund und Land über den Fortschritt der BUA an. Was berichten Sie – wo liegt die BUA im Plan, wo nicht?
Die Mittelgeber interessiert, inwieweit wir unter Pandemiebedingungen das Geplante auch umsetzen können. Sie fragen nach, ob wir den Berliner Verbund im Vergleich zur Beantragung anpassen müssen.

Und, müssen Sie?
Wir liegen im Plan mit den Calls, also mit dem, was wir uns für die großen, neuen Forschungslinien vorgenommen haben und was aus der Wissenschaft heraus gestaltet wird. Wo die Rechnung ebenso aufgeht: Auf Dinge zu reagieren, die so nicht vorhersehbar waren. Die Corona-Pandemie hat jetzt direkte Auswirkungen auf unsere derzeitige große Ausschreibungsrunde zum Thema „Global Health“, die durch einen Call im Jahr 2020 zur Datenerhebung über die Auswirkungen der Pandemie vorbereitet wurde.

Was muss noch besser werden?
Eine wichtige Frage ist, wie man die bereits bestehenden Forschungscluster der Berliner Universitäten stärker in die Verbundstruktur einbindet. Auf diesen Punkt werden wir in den kommenden Jahren sicher noch stärker achten müssen.

Wie formt man einen Verbund aus vier Einrichtungen in der Pandemie? 14 Monate lang waren ja praktisch keine persönlichen Treffen möglich, und das Pandemiemanagement hat viele Ressourcen gebunden.
Dass Anträge zwischen den Institutionen jetzt nur digital entstanden sind, ist schon ein Hemmnis. Das führt dazu, dass man sich nicht so sehr zusammenrauft wie sonst in Präsenz. Bewundernswert ist aber, wie die Geschäftsstelle auch unter den Pandemiebedingungen zusammenwächst und die Verbindungen in die Häuser hält.

Muss man den Verbund mit den Pandemieerfahrungen neu denken?
Das eine große Forschungsthema ist sozialer Zusammenhalt. Damit haben wir zufälligerweise die Pandemie antizipiert. Das Thema passt aber auch ohne diese Naturkatastrophe in jedem Fall nach Berlin. Da können wir ein neues Blatt aufschlagen. Und das zweite große Thema Global Health hat durch die Pandemie erst recht einen aktuellen Bezug bekommen, den wir natürlich lieber vermieden hätten. Aber nun, da er da ist, zeigt sich, wie wichtig und nah an der Gesellschaft die Ziele der BUA sind.

HU-Präsidentin Sabine Kunst. Foto: Paul Zinken/dpa Vergrößern
HU-Präsidentin Sabine Kunst. © Paul Zinken/dpa

Quasi passend zur Pandemie startet jetzt die von Ihnen gerade schon erwähnte neue große Ausschreibungsrunde der BUA zum Thema Globale Gesundheit. Welche Rolle wird Corona dabei spielen?
Wir werden im Verbund die gesellschaftlichen Effekte von Corona zum Schwerpunkt machen. Das ist auch eine konsequenter Weiterverfolgung des Forschungsgebiets der BUA zum gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sehr viele ergänzende Forschungsmittel für die rein medizinischen und epidemiologischen Fragestellungen zu Corona sind ohnehin schon nach Berlin an die Charité geflossen.

Wir haben auch bereits Datensammlungen, auf denen wir aufbauen können und die der Verbund schon finanzieren konnte: Zur Kontaktminimierung in einzelnen Quartieren etwa oder zur sozialen Belastung beim Homeschooling. Das kann jetzt alles in neue Forschungsvorhaben einfließen. Aber das wird natürlich geweitet – das geht bis hin zur Frage, was der Klimawandel mit Covid zu tun hat.

Glauben Sie, dass Deutschland und die EU aus der Pandemie gelernt haben und auf neue Pandemien besser vorbereitet wären?
Ich glaube schon. Das institutionelle Lernen ist erheblich, allein wenn ich an den Hochschulbereich denke. Es hat sich herausgestellt, dass Präsenz fragil ist: Vor dem Hintergrund würden wir heute auch für unsere Einrichtungen sagen, dass wir uns ändern müssen. Oder denken Sie an neue Formen der Arbeit. Das sind Erschütterungen, die abseits der medizinischen Effekte unser Leben umkrempeln. Wir müssen resilienter werden gegenüber Ausfällen unseres Systems.

Im Hinblick auf die rein wissenschaftlichen Effekte ist das große und sehr wichtige Lernergebnis für weite Teile der Gesellschaft, wie Wissenschaft funktioniert – dass sich also Hypothesen und Erkenntnisse im Laufe einer Pandemie auch einmal ändern, ja ändern müssen.

Tatsächlich stand die Wissenschaft in der Pandemie sehr im Fokus. Das hatte aber auch starke Stimmungsmache und Angriffe gegen Forschende zur Folge. Für die BUA spielt der Umgang der Wissenschaft mit der Öffentlichkeit eine wichtige Rolle. Waren Sie auf diese Polarisierung vorbereitet, und wie gehen Sie damit um?
So wie zum Beispiel Christian Drosten von einigen Medien angegriffen wurde, ging es sicher weit über das hinaus, was man an sachlichem Diskurs in der Wissenschaft erwartet. Deswegen ist man darauf nicht vorbereitet, und man wird es auch nie sein. Bei bestimmten Sachen muss die Wissenschaft auch sagen: Wir können uns nicht mit jedem raufen.

Für Wissenschaftsaustausch, den wir mit der BUA vorhaben, bedarf es sicher der Einhaltung bestimmter Spielregeln. Es muss zugehört werden, wer welches Argument hat. Das kann entgleiten, aber dann muss man eben auch aufpassen, wozu man halt nichts mehr sagt.

Wie sieht es mit dem Mittelabfluss aus: Können Sie das Geld für die BUA ausgeben, dass sie als Zuschuss bekommen?
Wir haben viele Projekte angeschoben, aber einiges an Mitteln noch nicht ausgegeben. Da werden wir schauen müssen, wo wir das ergänzend investieren. Unser Wunsch wäre, den Überschuss vor allem bei Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern und exzellenten Köpfen für die BUA einzusetzen. Diese werden uns durch die nächste Bewerbungsrunde tragen.

Blicken wir auf die Wahlen in Berlin. Egal wie sie ausgehen, eines steht fest: In der Wissenschaftspolitik wird es einen Neuanfang geben, da Michael Müller, der auch Wissenschaftssenator ist, und sein Staatssekretär Steffen Krach aufhören. Befürchten Sie ein Vakuum, das den Wissenschaftsstandort schwächen könnte?
Es ist zumindest eine spannende Situation. Wir hoffen, dass ein gewisses Kontinuum durch die jetzige, sehr aktive Landesregierung ermöglicht wird. Wir wären daher daran interessiert, die Ressourcenlage für die Hochschulen Berlins baldmöglich geklärt zu sehen. Wir wollen nicht in den Trubel einer sich lange hinziehenden Neuaufstellung der Landesregierung kommen. Da setze ich auf die Überzeugungskraft der klugen politischen Leistungen von Herrn Müller und Herrn Krach.

Sprich: Sie wollen die kommenden Hochschulverträge noch vor den Wahlen ausverhandeln? Das könnte knapp werden.
Es liegt nicht in der Hand der Berliner Hochschulen, dies zu verhandeln, sondern in der Hoheit des Berliner Senates und des Abgeordnetenhauses. Die Berliner Hochschulen haben ihre Punkte gemacht und diese werden ja bereits stark diskutiert. Aus Sicht der Hochschulen kann ich sagen, dass es in jedem Fall besser ist, so früh wie möglich Klarheit zu haben, was gilt.

Müller und Krach gelten auch als sehr gute Verhandler für Berlin in den Bund-Länder-Runden. Braucht es in einer neuen Regierung einen gestandenen Wissenschaftspolitiker von außen für den Senatsposten, damit Berlin weiter diesen Einfluss hat?
Es ist spekulativ, wie eine neue Koalition zusammengesetzt sein könnte und wo man sich den Wissenschaftssenator oder die -senatorin herziehen sollte. Also spekulieren wir einmal: Wenn man sich von außen eine profilierte Wissenschaftspolitikerin oder einen -politiker holt, ist es immer noch die Frage, ob das für Berlin aufgeht. Es ist sicher auch von Vorteil für die Verhandlungslage zwischen dem Bund und Berlin, wenn man sich erstmal auf dem Berliner Parkett auskennt.

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