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Höhere Diplomatie. Die ISS-Astronauten Pyotr Dubrov und Oleg Novitskiy aus Russland und Nasa-Astronaut Mark Vande Hei (v.l.) demonstrieren Zusammenhalt. Bereits im Kalten Krieg hatten Astronauten die Hürden zwischen den Ost und West überwunden. Foto: REUTERS
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Wissenschaftskooperation mit Russland Ist "Forschung as usual" weiter denkbar?

Viele in der Wissenschaft wollen mit Russland weiter zusammenarbeiten, im Labor wie im All. Die Leibniz-Gemeinschaft schlägt einen anderen Weg ein.

Der durch den russischen Staatspräsidenten Putin befohlene Krieg gegen die Ukraine hat schon jetzt weitreichende Folgen für die internationalen Beziehungen. Auch in der Wissenschaft, wo etliche Kooperationen bestehen, wird diskutiert, wie und ob es weitergeht.
Dazu gehört die Internationalen Raumstation (ISS), wo Russland, die USA, Europa, Japan und Kanada bisher trotz aller Spannungen der vergangenen Jahre zusammenarbeiten. In der Raumfahrt geht es aber auch um die europäisch-russische Marsmission „ExoMars“, die nach mehreren Verzögerungen im September starten soll. Das Landemodul hier heißt ausgerechnet „Kasatschok“ – nach einem alten Tanz aus dem Gebiet der heutigen Ostukraine. Hinzu kommen gemeinsame Experimente und Großforschungsanlagen. Zudem gibt es Programme und Projekte mit dem Ziel akademischen und studentischen Austausch zu befördern.

Zusammenarbeit "weiterhin vertrauensvoll fortsetzen"

Reaktionen auf Anfragen des Tagesspiegels zeigen eine angesichts der Ereignisse große Verunsicherung bei Wissenschaftlern und Wissenschaftsorganisationen. Weiterhin wird aber an eine verbindende Kraft friedlicher Forschungskooperationen erinnert, die selbst in Zeiten des Kalten Krieges gewirkt habe, aber vor allem in jüngerer Vergangenheit. Bislang nahmen Wissenschaftler eine solche Linie auch als klar politisch gewollt wahr. Als etwa 2013 eine deutsche Wissenschaftler-Delegation eine Veranstaltung in Moskau absagen wollte, habe, so berichtet ein damals Beteiligter, das Auswärtige Amt angeordnet: Ihr fahrt da hin! Man müsse „diese Kanäle offenhalten!“

[Verfolgen Sie die aktuellen Entwicklungen zur russischen Invasion in der Ukraine in unserem Liveblog.]
Die Ereignisse der vergangenen Tage aber bedeuten eine neue Dimension. Und die Antworten auf die Frage, wie es weitergeht, sind Momentaufnahmen. Da ist etwa der Teilchenbeschleuniger "Fair" (Facility for Antiproton and Ion Research), der derzeit in Darmstadt gebaut wird. Russland sei „der größte internationale Partner des Projekts“, sagt dessen Sprecher Ingo Peter. „Zurzeit gibt es keine Auswirkungen hinsichtlich politischer Aspekte.“ In Darmstadt gibt man sich optimistisch, auch für den Fall, dass sich die Situation weiter zuspitzt. „Wir sind zuversichtlich, dass wir unabhängig von politischen Entwicklungen unsere gute Zusammenarbeit mit unseren russischen Partnerlaboren und -institutionen im wissenschaftlich-technischen Bereich weiterhin vertrauensvoll fortsetzen.“

Auch das Forschungszentrum Desy mit seinen Standorten in Hamburg und Zeuthen bei Berlin hat vielfältige Kooperationen mit russischen Partnern, etwa auf dem Forschungsgebiet der Astroteilchenphysik. Zudem koordiniert Desy ein EU-Projekt mit dem Namen „Cremlin plus“, eine Abkürzung für „Connecting Russian and European Measures for Large-scale Research Infrastructures“: 35 Institutionen aus der EU und Russland wollen hier ihre Zusammenarbeit verbessern. Es geht um die Entwicklung neuer Detektortechnologien, aber auch darum, den Zugang europäischer Wissenschaftler zu russischen Forschungsanlagen zu erleichtern. „Bereits seit Wochen gab es Verunsicherung in der Zusammenarbeit“, sagt Martin Sandhop vom Desy-Büro für Internationale Angelegenheiten. „Mit dem heutigen Tag fragen wir uns: Kann die Zusammenarbeit überhaupt weitergeführt werden?“

Diplomatie mit den Mitteln der Wissenschaft

Sandhop hat mehrere Jahre in Moskau und in Kiew gearbeitet, kennt den Wert der „Science Diplomacy“. Wissenschaft sei wie Kultur und Sport „eine wichtige Basis für internationalen Austausch“, sagt er. „Wir möchten fortführen, was irgendwie möglich ist, um diese Kanäle zu erhalten.“ Aber es sei klar, dass sämtliche Aktivitäten zur Disposition stünden.
Ähnlich sieht man es am Deutschen Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam. Die Institution hatte im Sommer den Preis für Wissenschaftsdiplomatie des Bundesforschungsministeriums für ein Kommunikationskonzept zu Klima- und Nachhaltigkeitsforschung erhalten. Eine Summer School junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zum Thema Permafrost im teilweise zu Russland gehörenden Altai-Gebirge ist derzeit geplant. Dazu kommt ein Programm für Wissenschaftsjournalisten aus beiden Ländern. Eine erste Veranstaltung in Moskau mit ranghohen Persönlichkeiten fand bereits statt. Am Mittwoch hieß es noch: Wir machen weiter wie gehabt. Doch „alles, was bis gestern gesagt wurde, muss jetzt auf den Prüfstand“, sagt einen Tag später Ludwig Stroink vom Internationalen Büro des GFZ.

[Russlands Präsident Wladimir Putin hat in der Nacht zu Donnerstag eine Fernsehansprache gehalten, in der er die Russen über den Überfall auf die Ukraine informierte. Wir dokumentieren die Rede in der Übersetzung aus dem Russischen. Den Hintergrund lesen Sie an dieser Stelle. ]
Zu den Raumfahrtprojekten ISS und ExoMars gibt es offiziell „keinen Kommentar“ – weder von der europäischen Raumfahrtagentur Esa noch vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), dessen Berliner Institut für Planetenforschung maßgeblich an der Marsmission beteiligt ist. Auch in diesen Institutionen wird an die „offenen Kanäle“ erinnert. Man müsse im Gespräch bleiben, um gemeinsame wissenschaftliche Ziele zu erreichen. Andererseits hat am Donnerstag am DLR ein Symposium mit Raumfahrtforschern aus Deutschland, Russland und Israel stattgefunden. Dies wurde im gegenseitigen Einvernehmen beendet, wie dem Tagesspiegel bestätigt wurde. Die Leitung von DLR und Esa indes schweigt.

Gesprächskanäle offenhalten

Gerade jetzt müsse es aber „weitergehen“, sagt Johann-Dietrich Wörner, bis vor einem Jahr Esa-Chef und jetzt Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (acatech). Auch hier wieder: Bei aller Kritik an dem, was geschehe, müsse versucht werden, die Gesprächskanäle offenzuhalten. „Wenn die Raumfahrt und die Wissenschaft insgesamt das können, sollten wir die Chance nutzen.“ Auch Wörner erinnert an den Kalten Krieg, die Zeit vor 1989. Wissenschaft habe den Eisernen Vorhang überwunden. Das wohl bekannteste Beispiel ist das „Apollo-Sojus-Testprojekt“, bei dem 1975 ein sowjetisches und ein amerikanisches Raumschiff in der Umlaufbahn aneinander koppelten und die Raumfahrer sich die Hände reichten.
Ähnlich war die Lage 2014 als die Krim annektiert wurde. Kurz darauf sollte Alexander Gerst mit einem russischen und einem amerikanischem Kollegen zur ISS abheben. „Ich bin mit einem unguten Gefühl zum Start nach Baikonur gereist und habe gesehen, dass Raumfahrt irdische Konflikte überwinden kann“, erinnert sich Wörner. Angesprochen auf die politischen Spannungen hatten sich die drei Raumfahrer bei der Pressekonferenz vor dem Start umarmt.
Ob die aktuelle Besatzung der ISS, darunter der Deutsche Matthias Maurer, bei nächster Gelegenheit ähnlich verbindende Worte und Gesten wählen wird, bleibt abzuwarten. Und auch wie die Verantwortlichen der Raumfahrtagenturen sich positionieren werden, erscheint derzeit noch völlig offen – und wird zu großen Teilen abhängig sein von Direktiven der nationalen Regierungen.

Weltklimarat fährt mit der Arbeit fort

Auch bei einem der angekündigten wissenschaftlichen Großereignisse dieses Jahres stellt sich die Frage, wie der Konflikt sich auswirkt: Wie der Tagesspiegel erfuhr tagte am Donnerstag mit russischer und ukrainischer Beteiligung der Weltklimarat (IPCC) in seiner Plenarsitzung mit Regierungsvertretern zur Verabschiedung des neuen Teils des sechsten Sachstandsberichtes. Der Bericht der Arbeitsgruppe 2 „Klimafolgen, Anpassung und Verwundbarkeit“ soll am Montag veröffentlicht werden. Eine Stellungnahme zu den aktuellen Ereignisse oder eine Verschiebung der Veröffentlichung sei nicht geplant.


Eine ganz andere Richtung scheinen nun allerdings die deutschen Wissenschaftsorganisationen einzuschlagen. Nach Informationen des Tagesspiegels bat der Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, Matthias Kleiner, am Donnerstag die Mitglieder darum, etwaigen Kooperationen mit russischen Partnern, insbesondere mit Institutionen und Unternehmen, eingehend zu prüfen und bis auf Weiteres „auf Eis zu legen”. Dies sollte möglichst auch mit öffentlicher Sichtbarkeit erfolgen. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen wolle dazu ein gemeinsames Statement abgeben.

Entschieden äußerte sich auch der Präsident der Humboldt-Stiftung: Der Überfall markiere eine Zäsur in der Zusammenarbeit mit Russland, erklärte Hans-Christian Pape. „Wir bedauern, dass uns das Verhalten der russischen Regierung zu Reaktionen zwingt, die auch Mitglieder unseres Forschungsnetzwerks in Russland treffen, die für die Werte der Stiftung stehen, wie Freiheit, Dialog und friedlichen Austausch – Werte, die die Regierung Russlands durch ihr Handeln mit Füßen tritt.“
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung, wichtigste Wissenschaftsbehörde des Landes, ließ die Anfrage des Tagesspiegel, welche Auswirkungen die Eskalation in der Ukraine auf die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Russland habe, bislang unbeantwortet. Auf Twitter verurteilte Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger den Angriff und bekräftigte, dass man „mit aller Härte“ darauf reagieren müsse. (mit Tsp)

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