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Lichtinstallation vor der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften am Gendarmenmarkt. Foto: Judith Affolter/BBAW
© Judith Affolter/BBAW

Wissenschafts-Salon in der Berliner Akademie Götter, Galaxien und Gelehrte

Bewegende "Weltbilder" beim Salon Sophie Charlotte der Berlin-Brandenburgischen Akademie. Zu den vielen hundert Gästen gehörte auch die Kanzlerin.

„Die gefährlichste Weltanschauung ist die der Leute, welche die Welt nie angeschaut haben“, befand der große Reisende und Gelehrte Alexander von Humboldt. Ein Ertrag seiner Reisen war das „Naturgemälde der Tropenländer“, eine lehrreiche Kupferstichtafel, die zur Ikone der Wissenschaftsgeschichte wurde.

Die Lichtinstallation „Warming Stripes“, die man am Sonnabend nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Berliner Gendarmenmarkt leuchten sah, ist möglicherweise als Visualisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse ein modernes Pendant dazu. Zugleich ist sie Ausdruck der Sorge um den menschlichen Lebensraum: Denn das nach einer Idee des britischen Klimaforschers Ed Hawkins durch Julius Hübener von der Beuth-Hochschule für Technik Berlin realisierte Kunstwerk macht die Erderwärmung sichtbar.

Ohne sich dafür auf potenziell klimaschädliche Reisen zu begeben, konnte man am Samstagabend gleich gegenüber die Bilder auf sich wirken lassen, die sich die Menschen von der Welt machen: Der diesjährige Salon Sophie Charlotte in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) am Gendarmenmarkt widmete sich dem Thema „Weltbilder“.

FU-Präsident zeigt, "wie Mathematiker in die Welt schauen"

„Der Plural ist Absicht“, betonte Akademiepräsident Martin Grötschel gleich zu Beginn. „Weltbilder sind von Menschen erdacht, sie vertragen sich nicht immer, sie können auch aufeinander prallen.“

Kann sich die Naturwissenschaft mit diesem Plural abfinden? Sucht sie nicht stets nach einer Erklärung für die Phänomene, die ihr vor Augen kommen – und das bestimmten Regeln folgend, auf die sie sich verpflichtet hat? Akademiemitglied Joachim Sauer sprach beispielhaft über die Erklärung für die diskreten schwarzen Linien im Regenbogenspektrum, die nach dem Physiker und Optiker Joseph von Fraunhofer benannt werden. „Atome nehmen nur Licht bestimmter Wellenlänge auf oder geben es ab“, erläuterte der Chemiker. Er bekannte sich in seinem Kurzvortrag zum Weltbild der modernen Naturwissenschaft: „Es ist das Bild der aufgeklärten Welt, das mir gefällt.“

Die Soziologin Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, der HU-Kunsthistoriker Horst Bredekamp, die Historikerin und Direktorin des Wissenschaftskollegs zu Berlin Barbara Stollberg-Rilinger und die FU-Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte machten deutlich, wie vielfältig die Fragen sind, für die Wissenschaftler heute in dieser Welt nach aufklärenden Antworten suchen. Anhand eines bunten, graphisch interessanten Bildes, das als „Pop-Art“ durchgehen könnte und das doch der Optimierung von Antenneneinstellungen für den Mobilfunk dient, machte der Mathematiker und Präsident der FU Günter Ziegler deutlich, „wie Mathematiker in die Welt schauen und was man mit Mathematik machen kann“.

Die Verlustangst der Gläubigen

Wie aber passt der Koffer dazu, den der designierte Akademiepräsident Christoph Markschies kurz darauf aufklappte? Oben im Deckel Christus im blauen Himmel, unten ein Berg und Teile eines großen Meeres? So sah um das Jahr 550 n.Chr. "Kosmas der Indienfahrer“, die Welt, die er sich als viereckige Scheibe dachte. Der HU-Theologe wollte anhand des Köfferchens verdeutlichen, dass Modelle Wirklichkeit stets reduzieren.

Die drei Vertreter der abrahamitischen Religionen, die Markschies auf dem Podium versammelt hatte, waren sich einig in ihrer Lektüre von Bibel und Koran. Nur wenn man die Bibel wörtlich lese, sei sie prämodern, befand die schwedische Erzbischöfin Antje Jackelén. Es gehe darin jedoch um eine tiefere Wahrheit.

Der Islamwissenschaftler und Religionspädagoge Harry Harun Behr von der Goethe-Universität Frankfurt am Main diagnostizierte, dass viele Gläubige heute „verlustängstlich“ mit Religion umgehen. Dabei müsse man deren Narrative als „fluide“ verstehen, um sie für das eigene Leben zu nutzen.

„Das sind Gleichnisse und Erzählungen, die uns helfen, einen Weg in der Welt zu finden“, sagte auch der Rabbiner Andreas Nachama. Bei den Vorbereitungen für das Berliner „House of One“ erlebe er in dieser Hinsicht große Übereinstimmung: „Wir leben gut miteinander, der Imam, der Pfarrer und ich.“

Für die vielen hundert Gäste in der teilweise stark überfüllten Akademie war an diesem Abend die Vielfalt schier verwirrend. An 25 Spielstätten wurde verhandelt, wie der Mensch sei jeher versuchte und weiter versuchen wird, sich die Welt begreiflich zu machen.

Ein heute heikles Geschenk an Kaiser Wilhelm II.

Unter anderem konnte man auch neue Einsichten in kulturelle Kommunikation in der Kolonialzeit und in die Tücken der Provenienzforschung gewinnen: Michaela Alejandra Oberhofer vom  Museum Rietberg in Zürich berichtete im Gespräch mit der Ethnologin Carola Lentz, Vizepräsidentin der Akademie, über die Geschichte des Throns, der ein diplomatisches Geschenk des Königs Njoya von Bamum (im heutigen Kamerun) an Kaiser Wilhelm II. war und heute zu den „Masterpieces“ des Ethnologischen Museums gehört.

Wem gehört er, und wird er bald im Humboldt-Forum stehen? Zumal König Njoya einen zweiten identischen Thron hatte bauen lassen?

Menschen sitzen in einem Veranstaltungssaal. Foto: Judith Affolter/BBAW Vergrößern
Volles Haus. Die Eröffnung des Salon Sophie Charlotte - mit Kanzlerin Angela Merkel und ihrem Mann, Joachim Sauer, in der ersten Reihe. © Judith Affolter/BBAW

Mit dem „Charlottchen“ hatten Kinder zwischen fünf und zehn Jahren erstmals ihren eigenen Salon, in dem ihnen die Entstehung der Welt unter anderem anhand des Bilderbuchs „Die Welt sagte ja“ der Dänin Kaia Dahle Nyhus erklärt wurde.

Trotzdem saßen noch viele Kinder im Leibniz-Saal der BBAW, als Thomas Reiter zu Beginn des Abends seine faszinierenden Bilder zeigte. Als Astronaut hatte der Mann, der heute für die European Space Agency tätig ist, in den 1990er Jahren das Glück, unsere Erde von außen betrachten zu können. Das unglaubliche Schauspiel der Sonnenauf- und Untergänge, das sich ihm bei den Erdumkreisungen so oft zeigte, sei ihm keinen Moment langweilig geworden, versicherte Reiter.

Die Kanzlerin sieht Libyen schon mal aus dem All

Wenn man für mehrere Monate dort oben in der Schwerelosigkeit lebe, bekomme man allerdings Heimweh. Mutter Erde zeigt sich mit den Lichtern der nächtlichen Metropolen und den Konturen der Kontinente von dort aus als vertraute Heimat.

Auf einem von Reiters Bildern war ganz deutlich Nordafrika zu erkennen. „Dort liegt Libyen“, erläuterte der ehemalige Raumfahrer, auch mit Blick auf eine Teilnehmerin, die seinen Worten von der ersten Reihe aus lauschte. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte ihren Mann Joachim Sauer auch diesmal in den Salon begleitet.

Eine Paternoster-Performance in der Akademie am Gendarmenmarkt. Foto: David Ausserhofer/Studienstiftung Vergrößern
Die Paternoster-Performance in der Akademie hatte den Titel „ROTurning“, eine Arbeit des Choreographen Niels Weijer und der Performerin Joma Richter. Weijer ist Alumnus der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Richter ist Stipendiatin. © David Ausserhofer/Studienstiftung

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