Typisch Berlin. Ihre Überstunden bummelt die Sonne über der Stadt selbst nach der Wintersonnenwende lieber am Abend ab, als morgens früher aufzustehen. Foto: picture alliance / Maurizio Gamb
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Wintersonnenwende Ab heute gibt`s mehr Licht

Otto Wöhrbach
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Weihnachtszeit ist Sonnenwendzeit: Die Tage werden ab heute wieder länger – zunächst aber nur am Abend. Wie ist es zu erklären, dass die Sonne nicht früher aufgehen wird?

Niemand weiß, wann Jesus geboren wurde. Noch nicht einmal das Jahr ist bekannt, geschweige denn der Monat oder gar der Tag. Warum feiern wir dann aber seinen Geburtstag jedes Jahr am 25. Dezember mit einer Selbstverständlichkeit, die kaum noch Fragen aufkommen lässt?

Der Termin für eines der drei wichtigsten Feste des Christentums geht wohl ursprünglich ausgerechnet auf einen Heiden zurück, den römischen Kaiser Aurelian. Im Jahre 274 n. Chr. erhob er den Kult des römischen Sonnengotts „Sol“ zur verbindlichen Staatsreligion. Aus naheliegendem astronomischen Grund wurde als Geburts- und -feiertag des Sonnengottes der 25. Dezember festgelegt. Denn an diesem Tag im damals gültigen julianischen Kalender erreichte die Sonne in ihrem Jahreslauf jeweils ihre tiefste Stellung. Danach begann sie wieder Tag um Tag höher zu steigen.

Die Wintersonnenwende als symbolträchtiger Geburtstag von „Sol invictus“, des unbesiegten Sonnengottes, wurde bei den Römern zu einem sehr beliebten Fest. Nachdem die Christen sich allmählich auch in Rom durchgesetzt hatten, wählten sie als Datum ihres Weihnachtsfestes ebenfalls den 25. Dezember.

Ein geschickter Termintrick der Kirchenhistoriker?

Kann dies, wie manche Kirchenhistoriker behaupten, das zufällige Ergebnis von allerlei allegorischen Termin-Tüfteleien über Mariä Empfängnis und den entsprechenden Geburtstermin von Jesus gewesen sein? Oder war es nur ein geschickter Termintrick der damaligen Kirchenführer? So oder so: Auf jeden Fall konnte es der Stimmung im Volk nicht schaden, wenn in ihrem Feiertagskalender weiterhin der 25. Dezember stand. Es war ja auch nur eine kleine Symbolverlagerung nötig: Die Wintersonnenwende markierte nun also nicht mehr den Geburtstag des Sonnengotts, sondern fiel in die Zeit der Geburt desjenigen, der die Sonne erschaffen hatte. Die Zeit zunehmenden Lichts nach der Wintersonnenwende war ja schon immer eine Zeit der Vorfreude auf hellere, wärmere Tage gewesen und damit eine Zeit der Hoffnung. Und genau dies ist ja auch die Bedeutung, die die Christen der Geburt ihres Erlösers Jesu beimessen. „Ich bin das Licht der Welt“, sagte der dazu, laut Matthäus-Evangelium.

Eine kleine Laune der Himmelsmechanik verstärkt unsere Wahrnehmung wachsender Helligkeit nach Weihnachten zusätzlich. Am Tag der Wintersonnenwende – dieses Jahr in unserem modernen gregorianischen Kalender am 21. Dezember – bewegt die Erdrotation die Sonne von nördlichen Ländern aus gesehen auf ihrer flachsten und dadurch auch kürzesten Bahn über den Tageshimmel. In Berlin zum Beispiel geht sie heute, am 21. Dezember, erst um 8.15 Uhr auf und schon um 15.54 Uhr wieder unter. Zur Mittagszeit erreicht sie dabei nur eine Höhe von rund 14 Grad über dem Horizont.

Morgenmuffel werden enttäuscht

Nach diesem Datum steigt die Sonne wieder Tag für Tag ein bisschen höher und ihre Bahnen über den Tageshimmel werden deshalb wieder länger. Ende Januar wird sie für ihren Tagbogen von Aufgang zu Untergang schon wieder über eine Stunde länger benötigen als zu Monatsbeginn.

Morgenmuffel, die sich nun mehr Licht zu früher Stunde erhoffen, werden allerdings enttäuscht: Der genauere Blick auf die Tabelle der Zeiten der Sonnenauf- und -untergänge (etwa auf www.timeanddate.de) zeigt, dass die Zunahme der Tageslänge sich höchst unterschiedlich auf den Morgenhimmel und den Abendhimmel verteilt. Bis zum 8. Januar geht die Sonne jeden Morgen nämlich zunächst noch um ein oder sogar zwei Minuten später auf als am Tag der Wintersonnenwende. Dafür aber verspäten sich die Sonnenuntergänge am Abend sehr rasch: Am 8. Januar sinkt die Sonne (in Berlin) erst um 16.11 Uhr unter den Horizont, also 17 Minuten später als noch am 21. Dezember. Insgesamt also nimmt die Tageslänge schon während dieser ersten Zeit nach der Wintersonnenwende wieder um immerhin etwa eine Viertelstunde zu. Bis zum 8. Januar aber spielt sich diese Zunahme des Tageslichts ausschließlich am Abendhimmel ab.

Dieser Trend der unterschiedlichen Verteilung der Zunahme des Tageslichts auf Morgenhimmel und Abendhimmel setzt sich noch eine ganze Zeit lang weiter fort: Ende Januar geht die Sonne zwar morgens auch schon wieder etwa 20 Minuten früher auf als am Monatsbeginn. Wesentlich größer aber ist die Verlängerung des Tageslichts am Abendhimmel: rund 50 Minuten mehr als Anfang Januar. Erst im März nimmt die Tageslänge morgens und abends wieder ungefähr gleichmäßig zu.

Ein himmelsmechanisches Kuriosum

Dieses himmelsmechanische Kuriosum beruht auf einem Zusammenspiel mehrerer Eigenschaften der Bewegungen der Erde. Sie fliegt auf einer Ellipsenbahn um die Sonne herum, wobei die Achse ihrer täglichen Rotation schief steht. Von der Erde aus gesehen verschiebt sich deshalb die Position der Sonne in zwei Richtungen: Erstens wandert sie vor dem (am Tageshimmel unsichtbaren) Sternhintergrund Richtung Osten, also, wenn wir nach Süden blicken, nach links entgegen ihrer Tagesbewegung. Und zweitens steigt sie dabei Tag um Tag etwas höher.

Der Lauf der Sonne über Berlin. Grafik: Fabian Bartel/Tsp
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Kurz nach der Wintersonnenwende nimmt die Höhe der Sonne zunächst jedoch nur langsam zu. Ihre Bewegung Richtung Osten hat deshalb während dieser Zeit einen deutlich höheren Anteil an ihrer Gesamtbewegung. Diese überdurchschnittlich schnelle Ortsveränderung der Sonne Richtung Osten während der Wochen nach der Wintersonnenwende wird noch verstärkt durch einen weiteren Effekt: Im Dezember und Januar durchfliegt die Erde auf ihrer Ellipsenbahn jeweils ihre sonnennächsten Bahnabschnitte. Deshalb fliegt sie nach den Gesetzen der Himmelsmechanik in dieser Zeit auch am schnellsten. Und als Widerspiegelung des schnellen Erdflugs verschiebt sich dann von uns aus gesehen auch die Position der Sonne vor den Sternen zusätzlich noch schneller Richtung Osten. Als Folge verspätet sich morgens jeweils der Sonnenaufgang über dem Osthorizont im Vergleich zu dem Zeitpunkt, den man erwarten würde, wenn man nur das Höhersteigen der Sonne nach der Wintersonnenwende ins Kalkül zöge.

Es bleibt überraschend lange hell

Am abendlichen Westhimmel dagegen verzögert die schnelle Ostbewegung der Sonne ihren Untergang und addiert sich zum ebenfalls das Tageslicht verlängernden Effekt ihres Höhersteigens. Schon wenige Tage nach der Wintersonnenwende bleibt es deshalb abends wieder überraschend lang hell.

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Dieses hübsche Himmelsschauspiel konnte seit langen Zeiten Jahr für Jahr die Hoffnung der Bewohner der Nordhalbkugel der Erde bestärken, dass mit der Wintersonnenwende die dunklen Zeiten tatsächlich wieder überstanden waren und das Licht wieder zurückkam in die Welt.

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