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Eine Biologin des französisch-österreichischen Biotech-Unternehmens Valneva bereitet sich vor. Foto: REUTERS/Lisi Niesner
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Update Von der Wirksamkeit bis zur Zulassung Was können Totimpfstoffe und wann sind sie verfügbar?

Leonard Laurig

Viele Ungeimpfte warten auf Totimpfstoffe gegen das Coronavirus. Bald könnte das erste Vakzin in Europa zugelassen werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

In der EU könnte schon bald der erste Totimpfstoff gegen das Coronavirus zugelassen werden. Insbesondere für Menschen, die den mRNA-Impfstoffen skeptisch gegenüberstehen, könnten Totimpfstoffe eine Alternative sein und so die Impfkampagne weiter vorangetrieben werden.

Doch auf die Zulassungen warten sollte man nicht. Thomas Lingelbach, Chef des Totimpfstoff-Herstellers Valneva, appellierte kürzlich an die ungeimpfte Bevölkerung, sich jetzt impfen zu lassen. „Ich rate niemandem, auf unseren Impfstoff zu warten“, sagte er im Interview mit dem Spiegel. Diese Vorgehensweise sei schlichtweg „ethisch inakzeptabel“.

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Doch was können Totimpfstoffe eigentlich? Eignen sie sich für eine Booster-Impfung? Was unterscheidet sie von Vektor- oder mRNA-Impfstoffen? Und wann ist mit Zulassungen zu rechnen? Ein Blick auf die wichtigsten Fragen:

Valneva, Novavax und Bavarian Nordic: Wer stellt einen Totimpfstoff her?

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) befinden sich derzeit über 100 Corona-Impfstoffe in der Entwicklung. Allerdings sind nicht alle davon Totimpfstoffe. Vor allem ein Biotech-Unternehmen macht bei der Herstellung eines solchen Impfstoffs derzeit auf sich aufmerksam: das französisch-österreichische Pharmaunternehmen Valneva. Valneva entwickelt das Vakzin „VLA2001“.

Der Impfstoff „Nuvaxovid“ des US-amerikanischen Herstellers Novavax wurde am Montag von der EMA zur EU-weiten Zulassung empfohlen. Doch anders als oft angenommen, ist dieser Impfstoff kein Totimpfstoff. Das Unternehmen selbst schreibt auf seiner Website, dass ihr Vakzin ein Impfstoffkandidat auf Proteinbasis sei.

Warum der Impfstoff dennoch oft fälschlicherweise als Totimpfstoff bezeichnet wird, ist nicht klar. Gesundheitsminister Karl Lauterbach teilte auf Twitter eine Vermutung: „Weil so viele Ungeimpfte nur Totimpfstoff wollen, warum auch immer, wird bald erhältliches Novavax als solcher bezeichnet“, so Lauterbach.

Ein weiterer vielversprechender Kandidat bei den Totimpfstoffen ist das Vakzin „ABNCov2“ des deutsch-dänischen Herstellers Bavarian Nordic. Erste Ergebnisse zeigten laut Hersteller, dass der in Martinsried bei München produzierte Impfstoff sogar mehr Antikörper produziert als die bisher zugelassenen Impfstoffe.

Bei „ABNCov2“ handelt es sich zudem um einen reinen Booster-Impfstoff. Er ist also als Auffrischung nach einer Erstimmunisierung mit anderen Impfstoffen gedacht.

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Was unterscheidet Totimpfstoffe von mRNA- und Vektorimpfstoffen?

Generell ist zwischen zwei Impfstoff-Gruppen zu unterscheiden. Den Lebendimpfstoffen und den Totimpfstoffen. Bei Lebendimpfstoffen werden lebendige Krankheitserreger verabreicht.

Diese können sich zwar vermehren, kommen allerdings in so geringer Menge vor und werden so abgeschwächt, dass sie nicht gefährlich für den Körper sind. Die eigentliche Krankheit wird dadurch nicht ausgelöst. Gegen folgende Krankheiten werden Lebendimpfstoffe eingesetzt:

  • Masern
  • Mumps
  • Röteln
  • Windpocken

Beim Totimpfstoff werden dagegen Krankheitserreger mit Hitze, Strahlung oder chemischen Substanzen unschädlich gemacht. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat folgende Definition für Totimpfstoffe formuliert:

Totimpfstoffe enthalten abgetötete, also nicht mehr vermehrungsfähige Krankheitserreger. Hierzu zählt man auch solche Impfstoffe, die nur Bestandteile oder einzelne Moleküle dieser Erreger enthalten. Je nach Art der Herstellung und dem Grad der Aufreinigung spricht man von Ganzvirus-, Spalt- oder Untereinheiten- (Subunit-) Impfstoffen.“ Beispiele sind Impfstoffe gegen:

  • Hepatitis A (Ganzvirus-)
  • Influenza (Spalt- und Subunit-Impfstoffe)
  • Polio
  • Keuchhusten
  • Tollwut
  • Tetanus

Im Körper wird dann eine Reaktion gegen den giftigen Stoff ausgelöst, den der Erreger produziert. Um eine ausreichend starke Immunreaktion hervorzurufen, werden Totimpfstoffe meist mit einem Wirkverstärker verabreicht.

Novavax verwendet keinen inaktiven, sondern einen künstlich hergestellten Erreger. Dafür wurde im Labor eine Kopie des Spike-Proteins des Coronavirus gezüchtet, das eine Immunreaktion im Körper auslöst. Deswegen handelt es sich hierbei weder um einen Totimpfstoff noch um einen mRNA- oder Vektorimpfstoff, sondern um ein Proteinimpfstoff.

Allerdings enthalten auch die mRNA- und Vektorimpfstoffe, etwa von Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca, keine vermehrungsfähigen Viren. Deswegen sind sie laut Robert-Koch-Institut (RKI) streng genommen mit Totimpfstoffen gleichzusetzen.

Wirksamkeit und Studien: Wie ist der Forschungsstand bei Totimpfstoffen?

Wie bei Totimpfstoffen üblich, verwendet Valneva einen Wirkverstärker. Dabei handelt es sich um Aluminiumhydroxid und CpG 1018. Aluminiumhydroxid ist bekannter Bestandteil von einigen Impfstoffen und als Wirkverstärker vielfach erprobt. CpG 1018 wurde dagegen bislang erst in einem Impfstoff gegen Hepatitis B eingesetzt, der in Deutschland allerdings noch gar nicht auf dem Markt ist.

Es gibt hier also noch keine klinischen Erfahrungen. CpG 1018 sorgt dafür, dass Immunzellen stimuliert und die Immunantwort des Körpers erhöht wird.

Über die Wirksamkeit von Valneva lassen sich noch keine gesicherten Aussagen treffen. Eine Phase-3-Studie in Großbritannien mit 4679 über 18-jährigen Teilnehmern hat gezeigt, dass Valneva im Vergleich zu AstraZeneca deutlich besser abschnitt.

Zwei Wochen nach Verabreichung der zweiten Impfdosis hätten die Valneva-Probanden im Schnitt signifikant mehr neutralisierende Antikörper im Blut als Probanden mit zwei Astrazeneca-Dosen, erklärt das Unternehmen.

Die Ergebnisse müssen allerdings noch geprüft werden. Das macht die Europäische Arzneimittelbehörde EMA fortlaufend in Form des sogenannten Rolling-Review-Verfahrens. Die Phase 3-Studie läuft noch bis nächstes Jahr weiter.

Auch die Verträglichkeit sei laut Hersteller besser als bei Astrazeneca gewesen. Demnach gäbe es weniger Impfreaktionen wie zum Beispiel Müdigkeit oder Schmerzen an der Einstichstelle.

Allerdings sagt die Anzahl der Antikörper noch nichts über den Schutz vor Krankheit aus.

„Eine weitere zentrale Frage ist, ob die Menschen auch genauso gut wie durch die bisherigen Covid-19-Impfstoffe vor der Erkrankung geschützt sind. Der Valneva-Impfstoff wurde mit dem Astrazeneca-Impfstoff verglichen. Die schutzvermittelnde Wirkung von dem Vektorimpfstoff Astrazeneca ist sicherlich niedriger als die von den mRNA-Impfstoffen“, sagte Professor Christian Bogdan, Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) im Gespräch mit der „Apotheken-Umschau“.

Kreuzimpfung und Booster: Was ist mit Totimpfstoffen möglich?

Der Totimpfstoff von Valneva ist nach Angaben der Biotechfirma auch als Booster für eine bereits vorherige Impfung mit diesem Corona-Vakzin geeignet. „Erste Ergebnisse bestätigen, dass VLA2001 die Immunität der Teilnehmer, die VLA2001 als Grundimmunisierung erhielten, deutlich verstärkte“, teilte das Unternehmen unter Verweis auf eine eigene Studie mit.

Vor Kurzem hatte eine britische Studie, die sieben Impfstoffe als Booster nach einer Impfung mit Biontech/Pfizer untersuchte, gezeigt, dass Valneva als einzige Auffrischungsimpfung keinen Immunitätsschub bewirkte.
Valneva hatte daraufhin erklärt, dass die Teilnehmer den Booster nach einem kürzeren Intervall als üblich erhalten hätten. Totimpfstoffe wie „VLA2001“ bräuchten in der Regel jedoch länger, um ihre Wirkung zu entfalten.

Wann ist mit dem ersten Totimpfstoff auf dem Markt zu rechnen?

Der Totimpfstoff von Valneva durchläuft aktuell eine beschleunigte Prüfung der europäischen Arzneimittelagentur EMA. Schon bald könnte somit das Vakzin „VLA2001“ in der EU zugelassen werden.

Mit dem Impfstoff Nuvaxovid des US-Pharmaunternehmens Novavax hat die EMA am Montag bereits den fünften Corona-Impfstoff zur EU-weiten Zulassung empfohlen.

Studien zeigten für das proteinbasierte Präparat eine Wirksamkeit um die 90 Prozent, erklärte die EMA. Zugleich machte sie deutlich, dass die Datenlage zur Wirksamkeit gegen die neue Omikron-Variante begrenzt sei. Die Zulassung der EU-Kommission steht noch aus, gilt aber als Formsache.

Die Europäische Union hat mit Valneva einen Vertrag über 60 Millionen Impfdosen abgeschlossen. Mit dem Hersteller Novavax hat die EU einen Vertrag über 100 Millionen Impfdosen.

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Bis zur Zulassung des Impfstoffs „ABNCov2“ des deutsch-dänischen Herstellers Bavarian Nordic dürfte noch eine Menge Zeit vergehen. Die entscheidende Phase-3-Studie mit mehreren 1000 Probanden ist für Mitte 2022 geplant. Die Anmeldung der Zulassung könnte dann Ende 2022 erfolgen. Das heißt, dass das Bavarian Nordic-Vakzin wohl erst 2023 auf dem Markt wäre.

Für Ungeimpfte, die aus Skepsis vor den bisher zugelassenen Impfstoffen auf einen Totimpfstoff warten, dürfte „ABNCov2“ also keine Option sein.

Warum setzen ausgerechnet Impfskeptiker auf Totimpfstoffe?

Totimpfstoffe sind Vakzine traditioneller Art. Viele, die den neuartigen mRNA-Impfstoffen skeptisch gegenüber stehen, warten auf einen solchen, heißt es immer wieder. Das Verfahren, mit dem Valneva ihren Corona-Impfstoff herstellt, wird vom Unternehmen schon seit über zehn Jahren bei einem Impfstoff gegen Japanische Enzephalitis angewendet.

Allerdings sagt das Verfahren noch nichts über die Sicherheit des Impfstoffes aus. Stiko-Mitglied und Professor Christian Bogdan warnt: „Man kann jetzt nicht, weil hier ein klassisches Impfstoffkonzept benutzt wurde, a priori annehmen, dass dieser Impfstoff wirksamer oder sicherer wäre.“

Bei der Valneva-Studie hätten nur etwa 2000 Menschen den Impfstoff verabreicht bekommen. Die mRNA-Impfstoffe seien dagegen bereits milliardenfach verimpft worden, argumentiert Bogdan. Daher geben es zu diesen Impfstoffen mehr Erkenntnisse zu seltenen und sehr seltenen Nebenwirkungen.

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