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Partisaninnen in Italien im 2. Weltkrieg - auch viele jüdische Frauen gingen in den Widerstand. Foto: akg-images
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Vergessene Feministinnen Wie Jüdinnen in Italien die Frauenbewegung voranbrachten

Die Historikerin Ruth Nattermann hat frühe jüdische Frauennetzwerke und ihre Rolle für feministische Kämpfe im Italien erforscht. Ein Gespräch über Emanzipation.

Ruth Nattermann ist Privatdozentin am Lehrstuhl für Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der LMU München. Sie ist Expertin für italienisch-jüdische und deutsch-jüdische Geschichte, Faschismus, sowie Frauen- und Geschlechtergeschichte in ihren europäischen und transnationalen Bezügen.

Frau Nattermann, die jüdischen Feministinnen Italiens waren für lange Zeit in Vergessenheit geraten. Was ist dennoch von ihnen geblieben, was ist ihr Erbe?
Ihr Engagement für die Emanzipation von Frauen konnte weitreichende Erfolge für deren soziale, kulturelle und juristische Situation verzeichnen. Die Verweltlichung und Reformierung des Bildungssystems, die Professionalisierung von Sozialarbeit und die Verbesserung der rechtlichen Lage arbeitender Frauen und Mütter gingen vielfach auf Initiativen jüdischer Protagonistinnen zurück. Bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein beteiligten sie sich zudem am Kampf für das Wahlrecht und die politische Partizipation von Frauen in Italien.

Sie haben zu Jüdinnen in der frühen italienischen Frauenbewegung zwischen 1861 und 1945 geforscht, die eine spezielle Form jüdisch-säkularen Identitätsbewusstseins kultiviert hat. Was ist das Besondere an der italienisch-jüdischen Minderheit insgesamt und den jüdischen Feministinnen im Besonderen?
Die italienisch-jüdische Minderheit war zahlenmäßig relativ klein und wies bereits seit der Frühphase der italienischen Einigung ein überwiegend bürgerliches, städtisches Profil auf. Der Bildungsstand jüdischer Frauen in Italien war im europäischen Vergleich sehr hoch. Italienisch-jüdische Feministinnen definierten sich vorwiegend über säkulare jüdische Familienidentitäten, die auf Ideen einer Herkunftsgemeinschaft, ethischen Traditionen und Formen des kommunikativen Gedächtnisses basierten.

In ihrer Habilitationsschrift schreiben Sie, dass Konzepte von Ethnizität und „Rasse“ auch für jüdische Identitäten in Italien und Europa eine Rolle spielten. War diese Form des Biologismus einfach ein wesentlicher Teil der damaligen Wissensstruktur?
Ja, das ist richtig. Jüdische Ethnizitätsentwürfe waren Teil einer gesamteuropäischen Entwicklung, die mit dem Wandel eines jüdischen Kollektivbewusstseins im Zuge der Emanzipation in direkter Beziehung stand. Genealogische Verbindungen und die Auffassung einer über die kulturellen und religiösen Dimensionen hinausgehenden gemeinsamen biologischen Zugehörigkeit von Juden unterschiedlicher Nationen bildeten wichtige Themen innerjüdischer Diskussionen in Italien wie in Europa insgesamt.

Eine jüdische Frau arbeitet in Taranto. Im jungen italienischen Feminismus wurde Wohltätigkeit wurde mit modernen, wissenschaftlich fundierten Formen der Sozialarbeit verbunden, um bedürftigen Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. Foto: Corbis via Getty Images Vergrößern
Eine jüdische Frau arbeitet in Taranto. Im jungen italienischen Feminismus wurde Wohltätigkeit wurde mit modernen, wissenschaftlich fundierten Formen der Sozialarbeit verbunden, um bedürftigen Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten. © Corbis via Getty Images

Die Gründung des italienischen Einheitsstaates 1861 stellte für viele Juden ein Versprechen auf gesellschaftliche Teilhabe dar. Auf welche Weise engagierten sich insbesondere jüdische Frauen für ein laizistisches Italien?
Auffällig ist der gewichtige Anteil jüdischer Autorinnen in der betont laizistisch und transnational ausgerichteten Frauenrechtszeitschrift „La Donna“. Italienische Jüdinnen übernahmen zudem eine bedeutende Rolle bei der Etablierung weltlicher Einrichtungen und reformpädagogischer Methoden, insbesondere der Fröbel-Kindergärten, im Erziehungsbereich, den trotz des laizistischen Staatsverständnisses der jungen italienischen Nation weiterhin die katholische Kirche dominierte.

Können Sie ein Beispiel für eine Biografie nennen, die den jüdischen Beitrag zum italienischen Feminismus besonders veranschaulicht?
Die Sozialarbeiterin Nina Rignano Sullam, Tochter des langjährigen Vorsitzenden der Mailänder Jüdischen Gemeinde Giuseppe Sullam, spielte als Pionierin der Unione Femminile Nazionale eine zentrale Rolle in der Etablierung eines praktischen und betont weltlichen Feminismus, der für die frühe italienische Frauenbewegung charakteristisch wurde. Wohltätigkeit wurde mit modernen, wissenschaftlich fundierten Formen der Sozialarbeit verbunden, um bedürftigen Menschen Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten.

Im jüdischen Prinzip sozialer Gerechtigkeit lässt sich der Kernpunkt dieser Entwicklung ausmachen, die sich von der traditionellen Philanthropie aufgrund eines aktiven gesellschaftspolitischen Engagements deutlich abhob. Nina Rignano Sullam ging aufgrund der Rassengesetzgebung 1938 in den Untergrund und starb wenige Wochen nach der Befreiung Italiens 1945 in Einsamkeit.

Es scheint, als habe sich das italienische Judentum im 19. Jahrhundert noch stärker von der Religion gelöst als andere jüdische Gemeinschaften Europas. Wieso?
Aufgrund des Fehlens eines organisierten Reformjudentums wie etwa in Deutschland, kam es bei bürgerlichen italienischen Juden und Jüdinnen häufig zu einer Distanzierung von der religiösen Praxis schlechthin. Dieser Säkularisierungsprozess bedeutete jedoch in den wenigsten Fällen die Aufgabe jüdischer Identität. Die überholte These vom vollständig assimilierten italienischen Judentum verkennt das ausgeprägte jüdische Selbstbewusstsein italienischer Juden und Jüdinnen, die sich als das älteste Diaspora-Judentum in Europa verstanden und mit Stolz auf ihre Herkunft blickten.

Waren Jüdinnen – als Frauen und als Angehörige des Judentums – mehrfach marginalisiert? Und machten sie insofern Erfahrungen, die weder jüdische Männer noch nichtjüdische Frauen machten?
Auch im häufig idealisierten italienischen Fall haftete jüdischen Akteurinnen die für jüdische Frauen in Europa insgesamt charakteristische doppelte Außenseiterposition an. Nach der gesetzlichen Judenemanzipation des 19. Jahrhunderts waren Jüdinnen noch immer keine gleichberechtigten Staatsbürgerinnen. Jüdischen wie nichtjüdischen Akteurinnen wurde schon aufgrund ihres Geschlechts die Emanzipation vorenthalten.

Angesichts ihrer begrenzten öffentlichen Handlungsspielräume erlangten sie zu keiner Zeit denselben Grad gesellschaftlicher Integration wie italienisch-jüdische Männer, deren Erfolge in Politik, Kultur und Militär maßgeblich zur Konstruktion der italienisch-jüdischen „Erfolgsgeschichte“ beigetragen haben.

Die Emanzipation des italienischen Judentums wurde in der Tat lange als mustergültige Entwicklung beschrieben, der Antisemitismus – selbst des faschistischen Italiens – als Randerscheinung abgetan. Wie konnte sich diese Erzählung etablieren?
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die italienische Mitverantwortung für Rassengesetzgebung und Judenverfolgung über Jahrzehnte hinweg verdrängt. Dies schlug sich sowohl in der öffentlichen Meinung als auch in der Geschichtsschreibung nieder. Und tatsächlich erscheinen die Erfahrungen der kleinen jüdischen Minderheit in Italien auf den ersten Blick äußerst positiv: In keinem anderen europäischen Land fanden sich so viele Juden in staatlichen Ämtern und bekleideten sogar Ministerposten, auch im italienischen Heer konnten sie in die höchsten Ränge aufsteigen.

Die Erfahrungen von Frauen wurden innerhalb dieser Version jedoch stark vernachlässigt. Das traditionelle Narrativ des scheinbar jähen Endes dieser „Erfolgsgeschichte“ im Jahr 1938 konnte sich auch deshalb so dauerhaft halten, weil die keineswegs geradlinigen Emanzipationswege jüdischer Frauen kaum Beachtung fanden.

Die Historikerin Ruth Nattermann. Foto: privat: Vergrößern
Die Historikerin Ruth Nattermann. © privat:

Spätestens mit dem Aufkommen des Faschismus schwand die Begeisterung jüdischer Frauen für den italienischen Nationalismus deutlich. Viele Jüdinnen wurden engagierte Antifaschistinnen. War der Antifaschismus vor allem durch einen notwendigen Überlebenskampf motiviert oder liegt er im jüdischen Denken selbst begründet?
Es gibt durchaus Wurzeln antifaschistischen Engagements im jüdischen Denken. Ein zentrales Beispiel sind die antifaschistische Schriftstellerin Amelia Rosselli und ihre Söhne Carlo und Nello, bedeutende Protagonisten des italienischen wie europäischen Widerstands. Judentum assoziierten sie wie viele jüdische Antifaschist:innen generell mit ethischen Werten wie Gerechtigkeit, Freiheit und sozialer Verantwortung, die zu einem gesellschaftspolitischen Engagement „im Hier und Jetzt“ verpflichteten. Ethische Traditionen stellten häufig eine wesentliche Motivation für das Engagement jüdischer Akteur:innen in antifaschistischen Gruppierungen dar.

Ein Großteil der italienischen Frauenbewegung empfing Mussolini mit offenen Armen. Wie konnte es dazu kommen?
Tatsächlich passte sich die große nationale Frauenorganisation in Rom, der Consiglio Nazionale delle Donne Italiane, nach Mussolinis Machtübernahme bereitwillig dem Regime an. Zahlreiche seiner Vertreterinnen versprachen sich vom Faschismus vor allem die Einführung des Frauenwahlrechts. Die einst charakteristische Laizität der Frauenvereinigung verlor aufgrund der Rekrutierung philo-faschistischer, katholischer Aristokratinnen und des Ausscheidens linksliberaler und sozialistischer Mitglieder, darunter nicht wenige Jüdinnen, zu Beginn der 1920er Jahre erheblich an Bedeutung. Bezeichnenderweise verlief diese Entwicklung parallel zur Annäherung zwischen Faschismus und katholischer Kirche.

Viele Jüdinnen Europas waren in mehreren sprachlichen, räumlichen und kulturellen Welten gleichzeitig zu Hause. Haben die internationalen Verbindungen jüdischer Frauen eine Transnationalisierung des Feminismus insgesamt befördert?
Gewiss förderten die vielfältigen kulturellen Einflüsse und die weitreichenden Beziehungen italienisch-jüdischer Feministinnen in zahlreiche europäische Länder, die USA, Südamerika und Palästina die Ausbreitung, Verflechtung und Weiterentwicklung feministischer Diskurse und Praktiken. Zugleich unterstreichen diese transnationalen Transfer- und Austauschprozesse die faszinierende Beweglichkeit jüdischer Frauennetzwerke und die charakteristische europäische wie globalgeschichtliche Dimension der italienisch-jüdischen Geschichte.

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