Aufnahme der Sojus MS-10 Raumkapsel nach ihrem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur. Der Start der bemannten Raumkapsel zur Internationalen Raumstation ISS ist nach russischen Medienberichten fehlgeschlagen. Die Sojus-Kapsel mit zwei Mann an Bord sei in Kasachstan notgelandet, meldete die russischen Nachrichtenagentur Interfax. Die Raumfahrer seien unverletzt. Foto: Dmitri Lovetsky/AP/dpa
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Unfall mit bemannter Sojus-Kapsel Flug zur Internationalen Raumstation scheitert

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Zwei Kollegen sollten die von Alexander Gerst geleitete ISS-Mannschaft ergänzen. Doch die Sojus-Rakete versagte. Roskosmos stoppt vorerst alle ISS-Flüge.

Zwei Raumfahrer haben am Donnerstag den ersten Fehlstart einer russischen Sojus-Rakete seit Jahrzehnten dank einer Notlandung überlebt. Retter bargen den russischen Kosmonauten Alexej Owtschinin und seinen US-Kollegen Nick Hague am Donnerstag aus ihrer Kapsel, die an Fallschirmen nahe der Stadt Dscheskasgan im Zentrum Kasachstans niedergegangen war.

Die Trägerrakete, mit der die beiden Raumfahrer um 14.40 Uhr Ortszeit (10.40 Uhr Berliner Zeit) auf dem Weg zu einem halbjährigen Aufenthalt auf der Internationalen Raumstation ISS waren, hatte sich 119 Sekunden nach dem Start vom Weltraumbahnhof Baikonur wegen technischer Probleme abgeschaltet und aufgelöst. Offenbar hatte die zweite Stufe der Sojus-Trägerrakete versagt. Die Kapsel "Sojus-MS10" mit Owtschinin und Hague an Bord vollzog nach bangen Minuten des Wartens etwa 400 Kilometer vom Startpunkt entfernt eine automatische Notlandung durch.

"Die Besatzung ist gelandet. Alle leben", twitterte Dmitri Rogosin, Leiter der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos. Die aktuelle ISS-Crew, seit gut einer Woche unter dem Kommando des Deutschen Alexander Gerst, sei von der Erde aus über den Fehlstart informiert worden, teilte die US-Raumfahrtbehörde Nasa mit.

"Bin froh, dass es unseren Freunden gut geht. Danke an >1000 Rettungskräfte!", twitterte Gerst. Es habe sich wieder gezeigt, wie großartig die Soyuz sei. "Trotz Fehlstart wurde die Crew sicher zur Erde zurückgebracht. Raumfahrt ist hart. Aber wir müssen weitermachen, zum Wohle der Menschheit", schrieb der deutsche Raumfahrer.

Bemannte Starts vorerst gestoppt

Bemannte Sojus-Starts würden nach dem Fehlschlag vorerst ausgesetzt, sagte der für Raumfahrt zuständige Vizeregierungschef Juri Borissow: "In einer solchen Situation gibt es vorerst keine weiteren Starts, bis die Ursache endgültig geklärt worden ist." Zur Ursachenforschung wurde eine Kommission eingerichtet. "Andererseits hat sich gezeigt, dass die Notfall- und Rettungssysteme funktionieren, und das ist sehr wichtig", sagte Borissow der Agentur Interfax zufolge.

Andreas Schütz, Sprecher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), sagte dem Tagesspiegel, es folge jetzt eine ausführliche Untersuchung. Ob und wann erneut eine Sojus-Kapsel zur ISS werde starten können, sei derzeit unklar. Versorgungsflüge mit Progress-Frachtern seien nach wie vor möglich. Auch die Rückkehr der derzeit auf der Station befindlichen Astronauten und Kosmonauten sei routinemäßig möglich, da eine ausreichend große Sojus-Kapsel dort angedockt sei. Bevor die Ursachen des Scheiterns dieser Mission aufgeklärt seien gebe es allerdings „keine Option“, neue Astronauten und Kosmonauten zur ISS zu bringen.

Über eine mögliche Verlängerung von Gersts Aufenthalt wegen des Unfalls sei noch nicht entschieden, sagte Europas Raumfahrtchef Jan Wörner der Deutschen Presse-Agentur. «Dafür ist es jetzt zu früh, es hängt ganz wesentlich davon ab, wie schnell man die Ursache findet und für die Zukunft ausschließen kann.» Gersts Mission läuft bis Dezember. Falls er wegen der Panne länger im All bleiben müsse, wäre dafür alles vorhanden, sagte Wörner, der Europas Raumfahrtbehörde Esa leitet.

Gerst nicht in der "Bredouille" 

"Wir müssen nicht befürchten, dass unser Alexander Gerst nun in die Bredouille gerät", sagte auch Tilmann Spohn dem Tagesspiegel. Zum einen gebe es bei solchen Missionen immer Rückfalloptionen, sagte der Leiter des Berliner DLR-Instituts für Planetenforschung und Manager diverser roboterbasierter Missionen. Das gelte umso mehr für bemannte Projekte. Selbst wenn die russischen Kollegen ein längerfristiges Problem mit ihrem Trägersystem haben sollten, gäbe es noch andere Raketensysteme, mit denen zumindest die Versorgung der ISS-Besatzung gesichert werden könne. Dazu gehöre etwa das Automatische Transport-Vehikel ATV der europäischen Raumfahrtagentur ESA. Allerdings sei unklar, wie schnell dieses System einsetzbar wäre.

Die US-amerikanische Raumfahrtagentur Nasa habe derzeit kein Trägersystem zur Verfügung, mit dem Astronauten zur ISS gebracht oder von dort zurückgeholt werden könnten. Der neue Nasa-Chef Jim Bridenstine, der noch kurz vor dem Start der Sojus-Rakete eine Fortsetzung der Zusammenarbeit mit Roskosmos vereinbart hatte, verfolgte den Start von Baikonur aus. Seit die USA hihr Space-Shuttle-Programm im Jahr 2011 eingestellt haben, können US-Astronauten nur noch mit der Sojus zur ISS gelangen.

Derzeit hat nur noch China ein bemanntes Raumfahrtprogramm. Taikonauten waren zuletzt 2016 im All, in Vorbereitung einer für 2022 geplanten chinesischen Raumstation. Spohn ist allerdings "skeptisch", ob die China National Space Administration (CNSA) den Beteiligten der ISS im Ernstfall aus der Patsche helfen würde - zumal eine Beteiligung der Chinesen an der ISS am Veto der USA scheiterte.

Pannenserie in der russischen Raumfahrt

Vergleichbare Probleme gab es bei den hier eingesetzten Sojus-Raketen in der bemannten Raumfahrt bislang nicht. Am vergangenen Donnerstag war eine russische Sojus-Kapsel von der ISS noch sicher auf die Erde zurückgekehrt. Die Kapsel mit den drei Raumfahrern Oleg Artemjew, Drew Feustel und Ricky Arnold hatte in der Steppe von Kasachstan aufgesetzt.

2015 stürzte allerdings ein unbemannter Progress-Frachter ab, nachdem die Trennung von der dritten Raketenstufe nicht wie geplant funktioniert hatte. Negativ in die Schlagzeilen geriet die ISS kürzlich, weil in einer der angedockten Sojus-Kapseln ein Leck entdeckt wurde. Das Loch wurde abgedichtet. Die Ursache dafür ist bis heute unklar.

Für den Chef der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos ist die aktuelle Havarie ein herber Rückschlag. Dmitri Rogosin, der zuvor als Vize-Regierungschef für die gesamte Rüstungsindustrie zuständig war, hat den Posten an der Spitze der russischen Raumfahrtbehörde erst im Mai angetreten. Als Minister war er stolz darauf gewesen, dass es ihm innerhalb kurzer Zeit gelungen war, die jahrelang kriselnde Raumfahrtbranche seines Landes umzubauen. Trotzdem verlor er sein Ministeramt und sollte fortan nur noch den Raumfahrt-Sektor organisieren - zweifellos eine Degradierung.

Doch Rogosin trat sein Amt mit großen Ambitionen an. Im Februar hatte Präsident Wladimir Putin einen Erlass für die Konstruktion einer Trägerrakete unterzeichnet, die die Wiederaufnahme von Flügen zum Mond ermöglicht, und angekündigt, im nächsten Jahr werde es unbemannte Starts zum Mars geben. Noch in der vergangenen Woche hatte Rogosin zuversichtlich erklärt, bis 2023 werde es für Russland bemannt Richtung Mond gehen. Drei Jahre später sei dann auch die zweite Ausbaustufe des russischen Raketenstartplatzes Wostotschny fertig, was das kasachsische Baikonur überflüssig machen könnte. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das neue Trägersystem „Angara“ ins Fliegen kommt, worum die Techniker schon seit Jahren kämpfen.

Das alles muss nun wahrscheinlich erst einmal in den Hintergrund treten. Roskosmos und Rogosin haben jetzt ganz andere Probleme.

Immerhin hat der Unfall der Sojus-Rakete keine Opfer gekostet. Der letzte tödliche Unfall eines Raumschiffes war der Absturz der Raumfähre Columbia 2003, bei dem sechs Amerikanerinnen und Amerikaner und ein Israeli ums Leben kamen. Der letzte bekannte tödliche Unfall mit einem russischen beziehungsweise sowjetischen Raumschiff geschah 1971, als drei Kosmonauten im Orbit aufgrund von Dekompression ihrer Kapsel starben.

(mit dpa)

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