Ein Hochschullehrer steht in einem Hörsaal vor Studierenden. Foto: picture alliance/Waltraud Grub
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Umfrage unter Hochschullehrenden Die Forschung ist frei, aber nicht ungehindert

Eingeschränkte Wissenschaftsfreiheit in Deutschland? Professoren sehen sich durch Publikationsdruck, teilweise aber auch durch "Political Correctness" gehemmt.

Wie ist es hierzulande um die Wissenschaftsfreiheit bestellt? Hochschullehrende, die das Institut für Demoskopie Allensbach dazu befragt hat, sehen sie nicht in Gefahr. 39 Prozent der Befragten finden, dass in Deutschland "sehr viel" Wissenschaftsfreiheit herrscht, weitere 54 Prozent meinen, es herrsche "viel" Wissenschaftsfreiheit.

In diesen Werten - insgesamt 93 Prozent halten die Freiheit zu forschen hierzulande für gut gesichert, nur sieben Prozent sehen "wenig" Freiheit - steckt aber doch eine Portion Skepsis. Hinter den Spitzenreitern Schweiz, Dänemark und Norwegen mit jeweils 98 Prozent sehr guten oder guten Werten für die Wissenschaftsfreiheit und den Niederlanden mit 96 Prozent fällt das Urteil über Deutschland auf Platz 5 leicht ab. Und bei den drei Ländern, die die Einschätzungen anführen, erhalten jeweils 51 beziehungsweise 50 Prozent ein "sehr gut".

Im Auftrag des Deutschen Hochschulverbandes und der Konrad Adenauer-Stiftung (KAS) wurden im Dezember 2019 und im Januar dieses Jahres gut 1000 Professoren, Professorinnen und wissenschaftliche Mitarbeiter von Universitäten befragt. Die Umfrage soll am Mittwochabend bei der KAS in Berlin vorgestellt werden.

Als Schlusslicht wird China gesehen

Die Urteile über die Wissenschaftsfreiheit in etlichen anderen Ländern fallen deutlich schlechter aus: Schlusslicht ist China, wo 89 Prozent der deutschen Hochschullehrenden wenig oder gar keine Freiheit garantiert sehen. Als bedroht gilt sie den Befragten etwa auch in Russland und Ungarn. Den USA bescheinigen nur 25 Prozent sehr viel Wissenschaftsfreiheit und 13 Prozent wenig.

Was aber steckt hinter dem vergleichsweise kritischen Urteil der deutschen Hochschullehrer über ihre wissenschaftliche Heimat? Folgt man der Logik der Umfrage, die sich aus den vorab verbreiteten Vortragsfolien des Allensbach-Demoskopen Thomas Petersen ergibt, stehen dahinter "Hemmnisse, die die Forschung erschweren können". Konfrontiert wurden die Professoren und Mitarbeiter dazu mit "Aussagen von Hochschulwissenschaftlern", die sie bewerten sollten.

Der Aussage, es fehle die "schöpferische Muße" zur Forschung, stimmen 75 Prozent zu, 68 Prozent stimmen in die Klage über den "Zwang zum schnellen Publizieren" ein. Komplizierte und aufwendige Antragsverfahren für die Drittmittelakquise kritisieren 71 Prozent. Und 36 Prozent finden, dass ihre Arbeit durch "die Einflussnahme der Hochschulverwaltung bzw. Hochschulleitung" gehemmt werde. Fast ebenso viele sehen sich durch hohe Lehrverpflichtungen in der Forschung gehemmt.

Wenig Kritik an "Political Correctness", aber viele Fragen dazu

Am wenigsten Zustimmung erfahren zwei Fragen zu gesellschaftlich-politischen Hemmnissen. Der Aussage, dass die "Political Correctness" verhindere, "dass man bestimmten Forschungsfragen nachgehen kann", stimmten nur 13 Prozent zu. Sieben Prozent sehen sich daran von "ethischen Richtlinien" gehindert.

Die Auftraggeber der Umfrage machen sich insgesamt Sorgen um "das Klima an den Universitäten". Die Frage "Was sollte an der Universität erlaubt sein?" greift offensichtlich Diskussionen über angebliche Sprech- und Auftrittsverbote an Hochschulen auf. Auslöser waren zuletzt Vorlesungen des AfD-Gründers Bernd Lucke an der Universität Hamburg, die massiv von Studierenden und Aktivisten gestört wurden. 84 Prozent meinen, es sollte erlaubt sein, einen "Linkspopulisten" zu einer Podiumsdiskussion an die Uni einzuladen, der Einladung von "Rechtspopulisten" stimmen 79 Prozent zu.

"Sich der gendergerechten Sprache zu verweigern", indem man beispielsweise von Studenten statt Studierenden spricht, wollen 72 Prozent erlaubt sehen. Ein Viertel der Befragten findet aber auch, eben dies sollte nicht erlaubt sein. Und 40 Prozent nehmen an, man würde mit einer Verweigerungshaltung auf Widerstand an der Uni stoßen.

"Rassenforschung" und "Gotteslästerung" an der Uni?

Teilweise operiert die Umfrage mit unwissenschaftlichen Kategorien. Zum Repertoire der Dinge, nach denen gefragt wurde, gehören auch "Gotteslästerung" (56 Prozent stimmen zu) und "Rassenforschung betreiben" (22 Prozent Zustimmung). Letztere Kategorie verkennt, dass sich in Fachkreisen längst die Auffassung verbreitet hat, dass "das Konzept der Rasse" lediglich "das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung" ist.

Das erläuterten Evolutionsforscher noch im September 2019 in der "Jenaer Erklärung". "Der Nichtgebrauch des Begriffes ,Rasse' sollte heute und zukünftig zur wissenschaftlichen Redlichkeit gehören", heißt es dort.

Zustimmung erhalten in diesem Fragekomplex mit stark suggestivem Charakter auch Aussagen, es müsse erlaubt sein, den Klimawandel zu bestreiten (43 Prozent), den Islam als Religion abzulehnen (27 Prozent), Israel als Staat abzulehnen (20 Prozent) oder gar das Grundgesetz abzulehnen (sieben Prozent).

Ungenau ist schließlich die Fragestellung, ob sich die Hochschullehrenden "durch formelle oder informelle Vorgaben zur Political Correctness stark eingeschränkt, etwas eingeschränkt oder gar nicht eingeschränkt" fühlen. Das setzt zum einen voraus, dass solche Vorgaben existieren würden. Zum anderen ist die Spanne zwischen "stark" und "etwas eingeschränkt" groß. So aber kommt die Allensbach-Umfrage zu dem Ergebnis, dass sich 30 Prozent dadurch in der Forschung und 31 Prozent in der Lehre eingeschränkt fühlen.

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