Im Wesenskern gleich. Erdogan stellt die Türkei in Kontinuität zum Osmanischen Reich. Widersprüche werden in Schulbüchern umgedeutet. Foto: Umit Bektas/Reuters
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Türkei Erdogans zweifelhaftes Geschichtsbild

David Leupold

Der türkische Präsident Erdogan sieht die Türkei als Erbin des Osmanischen Reiches. Ein schiefer Bezug, der sich auch in Schulbüchern niederschlägt.

„Die Geschichte ist nicht nur Vergangenheit einer Nation, sondern auch deren Wegweiser für die Zukunft“ – postuliert der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Februar dieses Jahres auf einer Gedenkveranstaltung zum 100-jährigen Todestag von Abdülhamid II., dem „roten Sultan“, wie ihn Zeitzeugen aufgrund seiner repressiven Politik gegenüber den Nichtmuslimen des Reichs nannten. In seiner flammenden Rede bekräftigt Erdogan erneut den Anspruch der Republik Türkei, rechtmäßige „Nachfolgerin der Osmanen“ zu sein: „Natürlich haben sich die Grenzen, Regierungsform und Verwaltungsprotokolle verändert, doch der Grundgeist, Wesenskern und sogar viele Institutionen blieben gleich.“

Doch was ist im Konkreten gemeint, wenn Erdogan von einem gemeinsamen, die Zeit überdauernden Wesenskern spricht? Denn die Gesellschaftstrukturen des Osmanischen Reichs und der Republik Türkei könnten kaum unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite das Osmanische Reich als Vielvölkerstaat, welcher sich aus verschiedenen religiösen Gesellschaftselementen, zusammensetzte. So machten zu Beginn des 20. Jahrhunderts die armenischen, griechischen und jüdischen Gemeinden noch knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Auf der anderen Seite die heutige Türkei als Nationalstaat, in dem über 97 Prozent aller Staatsbürger als Muslime erfasst sind und dessen einzige Amtssprache Türkisch ist.

Im Jahr 1923 wurde die Türkei gegründet - es gab bereits Narben der ethnischen Säuberung

Wie ist dieser radikale Einschnitt in die demografische Landschaft Anatoliens mit der Vorstellung eines gemeinsamen Wesenskerns vereinbar? Diese Frage ist eng verknüpft mit dem Schicksal der osmanischen Armenier, Pontusgriechen sowie einer Vielzahl Neuaramäisch sprechender Christen, welche die Gebiete der heutigen Türkei bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts besiedelten.

Als im Jahre 1923 die Republik Türkei gegründet wurde, zogen sich bereits tiefe Narben der ethnischen Säuberung durch die einst multiethnisch geprägte Bevölkerungslandschaft des Landes: Eine Politik der systematischen Verfolgung und Vernichtung, welche im Völkermord an den Armeniern von 1915 ihren Höhepunkt erreichte, zerschlug bis zur Staatsgründung der Türkei unwiderruflich die armenischen, aramäisch-christlichen und griechischen Gemeinden Anatoliens. Bis heute existierende Diasporagemeinden von Pontusgriechen in Griechenland, Armeniern in Argentinien oder aramäischen Christen in Georgien zeugen von der Zerstreuung der Vertriebenen weit über die Region hinaus.

Die um ihre nicht-muslimischen Bevölkerungen großflächig bereinigten Ostgebiete der heutigen Türkei boten der Republik Türkei somit eine Art Tabula rasa zur Schaffung eines vermeintlich homogen-türkischen Nationalterritoriums. Entgegen der abweichenden säkularen Rhetorik der damaligen kemalistischen Eliten fußte dieser Nationalstaat von Beginn an in seinen Grundzügen auf einer türkisch-islamischen Synthese als identitätsstiftende Leitkultur. Während die Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich – ähnlich wie dies auch im russischen Zarenreich oder bei den Habsburgern der Fall war – ursprünglich über das Loyalitätsverhältnis zwischen Untertanen und Hegemon (Sultan) definiert war, rückte nun mit Aufleben der Nationalstaaten die ethnische Zugehörigkeit stärker in den Fokus: Bevölkerungsgruppen, welche sich aufgrund ihrer Glaubenszugehörigkeit und Sprache nicht in die neu entstandene, türkisch-islamische Gesellschaft einfügen wollten oder konnten, galten somit als bedrohliche Fremdkörper und gerieten in regelmäßigen Zeitabständen ins Fadenkreuz nationalistischer Kampagnen.

Gewaltsame Manifestationen der Staatsräson

Die Massaker gegen die alevitischen Gemeinden von Dersim im Jahre 1937/38, eine zwischen 1942 und 1945 von den nicht-muslimischen Bevölkerungsteilen erhobene exorbitant hohe Vermögenssteuer oder die staatlich gebilligten Pogrome an der griechischen Gemeinde Istanbuls im September des Jahres 1955 stellen hierbei nur einige besonders gewaltsame Manifestationen dieser Staatsräson dar.

Um das Ausmaß dieser nationalen Homogenisierungspolitik zu verstehen, bietet sich ein Blick auf die Bevölkerungsstatistik an: Während im osmanischen Bevölkerungszensus von 1914 die Nicht-Muslime knapp 20 Prozent der Gesamtbevölkerung auf dem heutigen Staatsgebiet der Türkei ausmachten, fiel die Zahl der staatlich anerkannten nicht-muslimischen Minderheiten (Armenier, Griechen und Juden) bis zum Jahre 2005 unter 100 000, was einem Bevölkerungsanteil von 0,1 Prozent entspricht. Die Spuren der „verschwundenen Bevölkerungen“ bleiben jedoch allgegenwärtig: seien es der Anblick kirchlicher Überreste (allein die Vanseeregion zählte bis zu 320 Kirchen und Klöster), die Verwendung armenischer Kreuzsteine, sogenannter Chatschkare, in Behausungen kurdischer Dorfbewohner oder in Stein gemeißelte Inschriften aramäischen Ursprungs. Der lokale Raum begegnet uns so als „Palimpsest der Gewalt“, wie es die amerikanische Anthropologin Anoush Suni von der University of California Los Angeles beschreibt.

In wohl kaum einem anderen Bereich spiegelt sich diese staatlich sanktionierte Politik der Verdrängung besser wider als im Geschichtsunterricht türkischer Schulen. Möchte man also verstehen, wie die offizielle Geschichtsdeutung der Türkei das „Verschwinden“ nicht-muslimischer Bevölkerungen (v)erklärt, lohnt sich ein Blick in die Geschichtslehrbücher. Das Geschichtsbuch der 10. Klasse lässt die Schüler/innen im Auftaktkapitel „Die Osmanen, eine Weltmacht (1453–1600)“ zunächst im Ruhm vergangener Tage schwelgen. In diesem Abschnitt wird ausgiebig die Hochperiode des Osmanischen Reichs von der Eroberung Konstantinopels bis zur Belagerung von Wien geschildert.

Der Genozid an den Armeniern wird in sein Gegenteil verkehrt

Eine Bevölkerungsgruppe findet hier jedoch keine Erwähnung: osmanische Armenier. Bezeichnenderweise betreten sie erst im späten 19. Jahrhundert die Bühne der türkischen Schulbuchgeschichte. In einer türkischen Spielart der Dolchstoßlegende begegnen uns armenische Bevölkerungen dann ex nihilo als Marionetten in den Händen imperialistischer Großmächte (Großbritannien, Frankreich und Russland), welche danach trachten, das Osmanische Reich von innen heraus zu unterwandern.

Manifestierungen armenischen Widerstands auch weit vor Ausbruch des 1. Weltkriegs werden auf eine Agitationspolitik Russlands reduziert, „durch die Gründung eines armenischen Staates Einfluss auf die Region in Ostanatolien zu gewinnen“. Ungeachtet des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Elends in den Ostprovinzen, ihrer diskriminierten Stellung gegenüber muslimischen Feudalherren und der alltäglichen Erfahrung willkürlicher Enteignungen und Stammesüberfälle werden die vereinzelten Aufstände von Armeniern an Orten wie Erzurum, Sasun oder Adana pauschal zum Werk imperialistischer Großmächte erklärt.

Die Geschichte nimmt ihren fatalen Lauf, als „Russland während des Krieges Armenier mit dem Versprechen der Unabhängigkeit aufwiegelt“ und diese sich des Landesverrats schuldig machen. In diesem Zusammenhang wird die genozidale Dimension der jungtürkischen Politik jedoch nicht nur geleugnet, sondern auf bizarre Weise ins Gegenteil verkehrt:

„Während der Zwangsumsiedlung sind rund 10.000 Menschen an Banditenangriffen gestorben und etwa 30.000 Menschen haben ihr Leben durch Atemwegserkrankungen verloren. Nach Angaben unbefangener Forscher starben während des Krieges und der Rebellionen insgesamt 300.000 Armenier. Im Gegensatz dazu haben Armenier rund 600.000 Türken getötet und 500.000 zur Migration gezwungen.“

Die fatale Deportationspolitik der Jungtürken – in deren Folge im Jahre 1915 bis zu 1,5 Millionen Armenier ihr Leben verlieren – erscheint vor diesem Hintergrund nun nicht mehr als politische Fehlentscheidung mit fatalen Folgen, sondern als unabdingbare politische Notwendigkeit zur Erhaltung des Großreichs.

David Leupold ist Soziologe und forscht als Postdoc an der Universität Michigan.

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