Die Lehre macht Spaß, sagt TU-Professor Ulf Schrader. Foto: picture alliance / Fredrik von Erichsen
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Strapazierte Professoren Das Lehrdeputat ist zu hoch

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Als Gastprofessor in den USA habe ich noch keinen forschungsaktiven Kollegen getroffen, der so viel unterrichtet. Ein Gastbeitrag von Ulf Schrader, Professor an der TU Berlin

Um es gleich klarzustellen: Ich lehre sehr gerne! Für mich ist die Lehre einer der wichtigsten Gründe, weshalb ich meinen Beruf liebe – nicht ein notwendiges Übel, um forschen zu dürfen. Dennoch genieße ich es, in diesem Semester nicht lehren zu müssen. Dafür nehme ich das vielleicht größte Privileg in Anspruch, das wir als Universitätsprofessorinnen und -professoren haben: das bezahlte Forschungsfreisemester beziehungsweise research sabbatical. Ich verbringe es an der Clark University in Worcester, USA. Wenn ich hier mit Kolleginnen und Kollegen über unseren jeweiligen Arbeitsalltag spreche, treffe ich auf komplettes Unverständnis über die vier bis fünf Lehrveranstaltungen pro Semester, die von mir in Deutschland erwartet werden. Ich habe in den USA noch keinen forschungsaktiven Kollegen getroffen, der mehr als zwei Lehrveranstaltungen pro Semester unterrichtet.

In Berlin gilt für Universitätsprofessoren ein Lehrdeputat von neun Semesterwochenstunden – was im Schnitt der deutschen Bundesländer liegt. An dieser Höhe hat sich seit Jahren nichts geändert, obwohl parallel für die meisten die Anforderungen in der Forschung und in der Selbstverwaltung angewachsen sind. Für den Bereich Forschung ist ein relevanter Indikator dafür das Drittmittelvolumen je Professorenstelle. Dieses betrug laut Statistischem Bundesamt im Jahr 2000 112.260 Euro, im Jahr 2015 bereits 308.710 Euro. Mit dem wachsenden Drittmittelvolumen steigen nicht nur die Erwartungen an möglichst zahlreiche und qualitativ hochwertige Publikationen, sondern auch die Fachgebietsgrößen.

Budgetverwaltung und Personalmanagement

Dies wiederum schafft zusätzliche Aufgaben etwa im Bereich der Budgetverwaltung und des Personalmanagements oder in der Betreuung von Nachwuchswissenschaftlern. Hinzu kommen mehr oder weniger freiwillig übernommene Aufgaben auf Ebene der Studiengänge, der Institute, der Fakultäten und darüber hinaus. Ich bin großer Anhänger der universitären Selbstverwaltung in Deutschland – aber fraglos sind damit viele Aufgaben verbunden, die Kolleginnen und Kollegen im Ausland so nicht haben.

Wenn nun gleichzeitig – zum Glück! – die Bemühungen um eine bessere Qualität der Lehre erhöht werden und Ansprüche an Lehrende im Zuge von Lehrevaluationen, Akkreditierungsverfahren sowie einer Internationalisierung und Digitalisierung von Studiengängen weiter steigen, kommen viele von uns an ihre Grenzen. Wenn wir von einer Gleichrangigkeit der Aufgaben in Lehre, Forschung und Selbstverwaltung ausgehen, dann zeigt sich für mich: Die Zahl an Lehrveranstaltungen, die ich auf hohem Qualitätsniveau selbst pro Semester und zusätzlich zu allen anderen lehrbezogenen Aufgaben in einem Drittel meiner Arbeitszeit anbieten kann, liegt unter vier oder fünf.

Professoren rühren das Thema kaum an

Aus Gesprächen weiß ich, dass es vielen Kolleginnen und Kollegen ebenso geht. Dennoch wird die Höhe des Lehrdeputats weder von Professorenseite noch in der Wissenschaftspolitik breit und engagiert diskutiert. Warum? So lange Hochschullehrende kaum Konsequenzen befürchten müssen, wenn sie ihr Lehrdeputat in geringer Qualität, unvollständig oder teilweise durch den Einsatz von Mitarbeitenden erfüllen, ist es für sie vielleicht besser, das Thema gar nicht anzurühren. Und auch die Wissenschaftspolitik hat kaum ein Interesse daran, die durch Professorinnen und Professoren bereitzustellende Lehrkapazität von sich aus zu reduzieren – und das so entstehende Defizit dann mit zusätzlich bereit- zustellenden Finanzmitteln zu kompensieren. Die mögliche Sorge davor, dass bei der Erfüllung und Erfüllbarkeit des Lehrdeputats genauer hingesehen wird, darf jedoch kein Grund dafür sein, dieses auf einer eigentlich unangemessenen Höhe zu belassen.

Man müsste sein Deputat leichter reduzieren können

Dabei ist es gar nicht nötig, das Lehrdeputat grundsätzlich zu senken. Vielmehr sollten die Möglichkeiten zur formellen Deputatsreduktion in den geltenden Lehrverpflichtungsverordnungen und in der universitären Praxis deutlich ausgeweitet und vereinfacht werden. Dies betrifft etwa die Anrechenbarkeit von Leistungen in der Forschung (nicht erst bei der Leitung von DFG-Sonderforschungsbereichen), in der Selbstverwaltung (nicht erst bei der Leitung von Fakultäten oder Zentralinstituten) oder bei der Betreuung von Promotionen und wissenschaftlichen Abschlussarbeiten.

Wie groß die Chancen sind, solche Überlegungen in absehbarer Zeit umzusetzen, vermag ich nicht einzuschätzen. Vielleicht kommen so grundlegende Gedanken auch nur, wenn einem durch das Forschungssemester die Gelegenheit gegeben wird, das Hamsterrad mal zu verlassen. Die hochschulpolitische Konsequenz daraus sollte jedoch nicht sein, dann einfach die Möglichkeiten zur Beantragung eines Forschungssemesters einzuschränken. - Ulf Schrader ist Professor für Arbeitslehre/Ökonomie und Nachhaltigen Konsum an der TU Berlin und Direktor der dortigen School of Education (SETUB).

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